Ein „Rundumwohlfühlpaket“ für alle möchte Elke Hansen bieten. Foto: Katharina Kraft

Die Frauen können selbst entscheiden, wen sie betreuen und zu welchen Zeiten sie arbeiten wollen. Denn Kita-Plätze sind in Stuttgart immer noch Mangelware. Aber nicht jeder möchte die Arbeit machen. Die Verdienste sind gering.

Innenstadt - Früher musste ich um pünktlich im Büro sein. Jetzt kann ich meinen Tag selbst bestimmen.“ Das gefällt Anja Kißling aus Stuttgart-Ost an ihrem Beruf als Tagesmutter besonders. Bei schönem Wetter macht sie mit den Kindern einen Ausflug. Auch sonst kann sie selbst entscheiden, was sie mit den Kleinen unternimmt. Seit zwei Jahren betreut Kißling bis zu drei Kinder in ihrer eigenen Wohnung. „Die Arbeit macht einfach nur Spaß,“ sagt sie. Begonnen hatte für sie alles, als sie – wegen ihres Vollzeitjobs im Büro – zu wenig Zeit für ihre kleine Tochter hatte. Deshalb hatte sie sich entschlossen, das Angestelltendasein an den Nagel zu hängen und Tagesmutter zu werden. Heute sagt sie: „Bisher habe ich es nicht bereut.“

Elke Hansen aus Stuttgart-Süd arbeitet bereits seit 15 Jahren mit Kindern. Erst war sie Kinderfrau, seit drei Jahren ist sie Tagesmutter. Auf die Idee, etwas mit Kindern zu machen, kam sie durch eine Bekannte beim Arbeitsamt. Die sagte ihr: „Mach dich doch selbstständig.“ Die Berater vom Amt rieten ihr zur Kinderbetreuung. Denn dafür ist kein Startkapital nötig. Hansen ist kinderlieb und sagte zu. Nun betreut sie in ihrer Wohnung im Süden drei Kleinkinder.

Die Trägervereine prüfen die Person und die Wohnung

Die Qualifizierung zur Tagespflegerin haben beide bei der Caritas gemacht. Dort und beim Verein Tagesmütter und Pflegeeltern Stuttgart werden die verpflichtenden Qualifizierungskurse angeboten. Diese Weiterbildung, ein Erste-Hilfe-Kurs für Kleinkinder und ein Schulabschluss sind Voraussetzung für Tagesmütter und –väter. Die Trägervereine prüfen außerdem die Wohnung, in der die Kinder betreut werden sollen, und die Personen auf ihre Eignung. Danach können die Tagesmütter und –väter eine Pflegeerlaubnis des Jugendamts bekommen. Die Vermittlung erfolgt dann wieder über die Trägervereine.

Als Tagesmutter verdienen Kißling und Hansen je Kind und Stunde 5,50 Euro. Das Jugendamt bezahlt die Betreuung zum größten Teil. Für Kinder unter drei Jahren müssen die Eltern höchstens 1,35 Euro beitragen. Zu wenig für selbstständige Tagesmütter, die sich nicht auf einen Hauptverdiener stützen können, findet Hansen. „Wenn ich krank bin oder ich in den Urlaub gehe, bekomme ich kein Geld. Wie soll ich davon leben?“, fragt sie. Vom Jugendamt erhält sie im Urlaub nur Geld, wenn sie zur gleichen Zeit in den Urlaub geht, wie die Eltern deren Kinder sie betreut. Kißling hingegen ist mit der Bezahlung zufrieden.

3900 Kinder bekamen im vergangenen Jahr keine Platz

Rund 16 000 Kinder im Alter von null bis drei Jahren gibt es in Stuttgart, sagt Bruno Pfeifle, der Leiter des Jugendamts der Stadt. Für diese Kinder werden nach seinen Angaben bis Herbst etwa 7400 Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. Doch diese Zahlen sagen noch nicht wirklich etwas darüber aus, wie viele Betreuungsplätze tatsächlich in der Stadt fehlen. Erstens besteht der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz erst für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Dieser gilt dann, bis sie vier werden. Zweitens betreuen immer noch viele Eltern ihre Kinder lieber selbst. Dennoch gab es im vergangenen September etwa 3900 Kinder, für die in Stuttgart keinen Betreuungsplatz gefunden wurde, sagt Pfeifle.

Sigrid Stein, Teamleiterin bei der Tagesmutterbörse der Caritas sagt, sie habe den Eindruck, dass es an Tagespflegepersonen fehle. Wie die Situation in diesem Sommer aussehen wird, darüber möchte Pfeifle noch keine Prognose abgeben. Bis Ende Mai noch laufen die Zu- und Absagen der Kitas. Dann werden die Wartelisten abgeglichen. Dann entscheidet sich, wie viele Kleinkinder keinen Betreuungsplatz in einer Kita bekommen haben.

Eltern und Tagesmutter müssen zusammenpassen

Bei den Tagesmüttern Elke Hansen und Anja Kißling werden sich dann die Eltern melden, die keinen Platz bekommen haben. Hansen freut sich über die große Nachfrage, das erleichtert ihr die Auswahl. Denn sie nimmt nicht alle Kinder, für die sie Platz hätte. „Es muss passen“, sagt sie. Die Vorstellungen von richtiger Ernährung und dem Erziehungsstil müssen miteinander funktionieren. Auch Kißling kann sich nicht vorstellen, ein Kind aufzunehmen, das zum Beispiel nur vegetarisches Essen bekommen dürfe.

Damit es später keine Probleme zwischen Eltern und Tagesmutter gibt, versucht Hansen, die Kinder und deren Eltern im Voraus so gut es geht kennen zu lernen. „Die Eltern sollen ja zur Arbeit gehen und nicht daran denken, was gerade mit ihrem Kind passiert“, sagt sie, während sie einen Schnuller holt: „Ein Rundumwohlfühlpaket für alle.“ Und weil sie als Selbstständige ihre Arbeitszeiten selbst festlegen kann, bietet Hansen den Eltern zum Beispiel auch an, ihr Kind ab und an am Wochenende zu betreuen. „Viele Eltern vergessen, dass sie Zeit für sich brauchen“, sagt sie. Elternarbeit ist für Hansen auch ein Teil der Kinderbetreuung. Kißling sieht die Vorteile einer Tagesmutter und eines Tagesvaters vor allem in den kleinen Gruppen und dem familiären Umfeld. Das erste Kind, das sie als Tagesmutter betreut hat, war von morgens bis abends bei ihr. Sie hat das kleine Mädchen dann einfach überall hin mitgenommen, auch zum Einkauf. „Die haben wir total integriert“, sagt sie. Sie sei fast ein Teil der Familie gewesen.

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