Der Bauwagen der Kita Holdermannstraße ist sehr beliebt. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In etlichen Kitas fällt die Früh- und Spätbetreuung aus, weil es an Personal fehlt. In Möhringen gibt es allerdings Einrichtungen, die einvernehmlich mit den Eltern zu beispielhaften Lösungen gekommen sind.

Stuttgart - Vor drei Jahren öffnete die Kita am Seepark in Möhringen ihre Türen, damals noch mit Traumzeiten für berufstätige Eltern: Von 6.30 bis 18 Uhr. Mehr als 20 Erzieherinnen betreuen 90 Kinder in dem hochmodernen Neubau, nur die Traumzeiten gibt es seit dem vergangenen Jahr nicht mehr.

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„Seit Herbst schließen wir schon um 17 Uhr“, sagt die Leiterin und Sozialpädagogin Monique Haag. Grund ist der Mangel an Erzieherinnen und Zweitfachkräften, 250 Prozent Stellenanteile seien zurzeit nicht besetzt. „Vor allem Kinderpflegerinnen, die nach Tarif S3 bezahlt werden, bekommen wir kaum.“ Und trotzdem hat es die Einrichtung im Einklang mit den Eltern geschafft, eine Stunde über die Kernzeit hinaus, also bis 17 Uhr, zu öffnen. „Das geht, weil unser Team für Schichtpläne bereit war. Sie hätten nicht müssen.“ Die Grenze der Kompromissbereitschaft lag bei 17 Uhr: „In unserer Kita arbeiten eben auch viele ­Mütter, die ihre Kinder nach der Arbeit ebenfalls irgendwo abholen müssen“, sagt Monique Haag.

Reduzierte Fachkraftquote muss genehmigt werden

Unversehens ist die 39-jährige Einrichtungsleiterin damit zur Zeitmanagerin geworden – und zudem zur Moderatorin zwischen dem Team und den Eltern. Denn die Zahl der besetzten Stellen erlaubt es nicht, die zusätzliche Stunde am Morgen und am Abend mit der vorgeschriebenen Zahl an Fachkräften abzudecken. Demnach müsste eine Gruppe von zehn Kleinkindern von 2,35 Erzieherinnen betreut werden, eine Gruppe im Kindergartenalter von drei bis sechs Jahren von 2,6 Erzieherinnen. Jetzt ist in den Randstunden nur jeweils eine Erzieherin im Dienst, begleitet von zwei Nichtfachkräften. Dem haben die Eltern zugestimmt, und so konnte das Jugendamt eine Ausnahmegenehmigung bei der Landesaufsicht erwirken.

Die Erfahrungen mit den Nichtfachkräften sind gut. „Es sind zwei Hauswirtschafterinnen aus der Kita-Küche, die so ihre Arbeitszeit ausdehnen können und ­ohnehin mit Kindern in Kontakt sind“, sagt Monique Haag. Sie seien eingearbeitet worden, es gebe laufend Rückmeldegespräche und sie nähmen an einer Lernwerkstatt teil. Da es vor 9 Uhr keine festen Ankunftszeiten und nach 16 Uhr keine festen Schlusszeiten gebe, bieten sich laut Monique Haag die Randzeiten ohnehin nicht für ein festes pädagogisches Programm an: „Da geht’s um ein ruhiges Ankommen, ein gemeinsames Frühstück. Am Abend klingt der Tag mit Obstmahlzeit, Vorlesen und anderen ruhigen Beschäftigungen aus.“

Für manche ist Schichtarbeit tabu

In der Kita am Seepark gibt es nicht mehr viele Eltern, die eine längere Betreuungszeit brauchen. „Wir haben den Bedarf erhoben, nurmehr circa fünf Familien können um 17 Uhr noch nicht da sein“, sagt Monique Haag. Ihnen haben wir geholfen, eine Tagesmutter oder Leihoma zu finden.“ Das ist in der Kita Holdermannstraße in Möhringen anders. „Lange Öffnungszeiten gehörten bei uns zur Tradition, und es gab ­Eltern, die sich deshalb bei uns beworben haben“, sagt Einrichtungsleiterin Gabriele Kempf-Beringer. Doch auch dort muss wegen des Personalmangels jetzt schon um 17 statt um 18 Uhr Schluss sein, nur die frühe Öffnungszeit um 6.30 Uhr konnte bisher gehalten werden und wird von rund 20 Kindern auch genutzt.

„Alle unsere Mütter und Väter sind berufstätig, es wäre ein herber Verlust, wenn wir die Früh- und Spätbetreuung nicht mehr bieten könnten“, so Kempf-Beringer. Allerdings lässt sich der Einsatz des Personals nicht über den Dienstplan regeln, da die meisten Mitarbeiterinnen noch Arbeitsverträge von vor Mai 2015 haben und damit nicht zum Spätdienst verpflichtet werden können. „Aber wir konnten eine Nichtfachkraft gewinnen, die jetzt die praxisintegrierte Ausbildung macht sowie einen sehr engagierten Vater, der sich schulen ließ. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Balance zwischen Elternbedarf und Mitarbeiterbelastung herzustellen.“

1000 Erzieherinnen fehlen

320 Prozent Stellenanteile sind in der Holdermannstraße nicht besetzt, ein Aufnahmestopp ist verhängt. Die Stadt bemüht sich um Personal durch Anwerbung ausländischer Fachkräfte und mit Stellenausschreibungen, die derzeit 350 Mitarbeiter in den sozialen Medien teilen und bei erfolgreicher Vermittlung dafür honoriert werden. In den vergangenen zwei Monaten sei es dadurch, so das Jugendamt, zu sechs Einstellungen gekommen. Das Fazit der Verwaltung: Wollte man allein den Kindern auf den Wartelisten die vorschriftsmäßige fachliche Betreuung bieten, fehlten der Stadt mehr als 1000 Erzieherinnen.

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