Im Sportnest können sich die Kleinen auch kreativ austoben. Foto: factum/Simon Granville

Feste Gruppen, feste Erzieherteams, feste Zuordnung zu Räumen: Seit gut drei Wochen läuft auch in den Einrichtungen im Strohgäu der Regelbetrieb unter Pandemie-Bedingungen. Was bedeutet das ganz praktisch für die Kitas?

Strohgäu - Regentage sind den Erziehern der Kita Sportnest im Ortsteil Münchingen von Korntal-Münchingen in Zeiten des Coronavirus weniger willkommen. Seit dem 29. Juni, also seit gut drei Wochen, läuft landesweit in den Kitas der Regelbetrieb unter Pandemie-Bedingungen – und die Erzieher sollen mit den Mädchen und Jungen möglichst viel Zeit im Freien verbringen.

„Draußen ist das Risiko, sich mit Corona anzustecken, wesentlich geringer als drinnen. Außerdem wird die Abwehr gestärkt“, sagt die Leiterin des Sportnests im Schulzentrum, Bettina Weinmann. Ihr 15-köpfiges Team ist komplett an Bord und betreut wieder alle 32 Kinder zu den gewohnten Öffnungszeiten. Es sei vom vielen Draußensein drinnen den Lärm der Kinder gar nicht mehr gewohnt.

Und noch mehr hat sich verändert. Die Kinder sollen laut der Corona-Verordnung nach Möglichkeit in festen Gruppen von festen Erzieherteams in fest zugeordneten Räumen betreut werden. Im Sportnest sind die Krippen- von den Kindergartenkindern getrennt, die Gruppen in sich so klein wie möglich gehalten. In den Räumen wurde viel umgestaltet. „Trotzdem kommt es zu Begegnungen“, sagt Bettina Weinmann. Weil die Kita nur einen Eingang hat, weil auch Geschwister betreut werden, die spätestens beim Abholen wieder aufeinandertreffen. „Wir sind eine kleinere Einrichtung. Sobald bei uns ein Fall von Corona auftritt, schließen wir die ganze Kita“, sagt Weinmann.

Das Essen wird aufgetan

Weniger eindeutig ist die Situation, wenn Kinder Symptome einer Erkältung zeigen. „Wenn wir uns unschlüssig sind, schicken wir die Kinder heim“, sagt Weinmann, die jetzt sehr großen Wert auf Hygiene legt. Täglich wird die Kita desinfiziert, regelmäßiges Händewaschen ist selbstverständlich. Die Kinder müssen ihr eigenes Bettzeug mitbringen, das Essen wird ihnen aufgetan und den Geburtstagskuchen backen die Erzieher und nicht mehr die Eltern.

Für das Personal bedeutet all das erheblich mehr Planungsaufwand und die Bereitschaft zu ständiger, maximaler Flexibilität. Schon während der pandemiebedingten vollständigen Schließung erhielt die Kita, die auch ein Kinder- und Familienzentrum ist und trotz Corona die Eltern begleitet, von ihrem Netzwerk Beratung. So sei auch die veränderte Situation für die Erzieher zu berücksichtigen, hieß es da. „Wir sind zusammengerückt und mussten uns alle neu strukturieren“, erinnert sich Bettina Weinmann – schließlich sind Erzieher mit Homeoffice eher nicht vertraut. Auf der Teamentwicklung liege nach wie vor ein großer Fokus, sagt Weinmann. Im September erweitert das Sportnest um zwei Gruppen. Statt mit je 15 Kindern pro Gruppe wird zunächst mit je zehn gestartet. Die erforderlichen Erzieher hat Bettina Weinmann bereits gefunden.

So rosig wie im Sportnest sieht es personell nicht in allen Kitas aus, im Gegenteil: Die Strohgäu-Kommunen klagten schon vor Corona über einen Mangel, den das Virus nun verschärft. Gerlingens Stadtverwaltung teilt mit, dass derzeit knapp zehn Prozent der Erzieher in der Betreuung nicht im Einsatz seien. „Die Personalsituationen in den Einrichtungen sind sehr angespannt“, sagt die Rathaussprecherin Sofie Neumann. Deshalb sei in allen Einrichtungen eine Verstärkung durch zusätzliche Nichtfachkräfte nötig. Insgesamt laufe der Kita-Betrieb seit dem 29. Juni aber „soweit gut“ – trotz der „sehr aufwendigen“ Umsetzung der Auflagen.

„Völlige Kehrtwende der pädagogischen Arbeit“

Ähnlich sieht es in Ditzingen aus. Laut Jens Schmukal fallen wegen Corona fünf bis acht Prozent der Mitarbeiter in der Betreuung aus. „Wir verstärken die Personalsuche besonders im Bereich der Ferienjobber“, sagt der Sprecher der Stadt. Gefragt seien hier Kräfte mit Erfahrung im pädagogischen Arbeitsfeld. Auch suche die Stadt Kräfte nach dem erweiterten Fachkräftekatalog. Ungelernte könnten unter Umständen als Krankheitsvertretung oder Zusatzkraft eingesetzt werden.

Die Folgen des Erziehermangels spüren alle Eltern: Sowohl beim Ganztag als auch teils im Regelkindergarten fällt die Betreuung etwas kürzer aus. „Für die Personalplanung vor allem in Urlaubszeiten und den Randzeiten bedeutet es eine große Herausforderung, das vorhandene Personal klug einzuteilen“, sagt Schmukal, der auch von inhaltlichen Einschnitten berichtet. Die Umsetzung der Auflagen führe zu einer völligen Kehrtwende der pädagogischen Arbeit. Die Kinder würden den Strukturen angepasst und nicht mehr andersherum. „Pädagogische Grundsätze wie die Erziehung zur Selbstständigkeit, Partizipation der Kinder, Gleichgewicht von Autonomie und Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder selbstbestimmtes Lernen sind unter den vorgegebenen engen Strukturen nur sehr schwer umsetzbar.“

Hemmingen steht beim Personal vergleichsweise gut da

Am wenigsten trifft Corona Hemmingen – zumindest personell. Die Besetzung sei gut, berichtet der Bürgermeister, in der gesamten Gemeinde fehlten nur zwei Erzieherinnen. „Wir stellen während der Sommerferien Ferienjobber ein, Teilzeitbeschäftigte können ihr Stundendeputat aufstocken“, sagt Thomas Schäfer (CDU). Auch er stellt eine schwierige Realisierung der Auflagen fest. „Die Umsetzung ist insofern schwierig, da die Corona- Verordnung beschreibt, den Auftrag von Bildung, Erziehung und Betreuung weiterhin umzusetzen. Der klare Fokus liegt jedoch derzeit bei der Betreuung“, so Schäfer. Dabei gebe es räumliche Engpässe, und die berechneten Randzeiten hätten verändert werden müssen, da das Personal nicht gruppenübergreifend eingesetzt werden könne. Das führt auch in Hemmingen zu eingeschränkten Öffnungszeiten.

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