An verkürzten Öffnungszeiten wird wohl kein Weg vorbeiführen. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert

Zu wenige Erzieher, zu wenige Plätze: Filderstadt steht beim Thema Kinderbetreuung mit dem Rücken zur Wand. Kürzungen bei den Öffnungszeiten sind daher in absehbarer Zeit unvermeidlich.

Seit Monaten ist die Situation bei der Kinderbetreuung in Filderstadt angespannt, und sie wird sich weiter zuspitzen. Das bekannte der zuständige Bürgermeister Jens Theobaldt in der jüngsten Sitzung des Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses (BKSA). „Wir werden in absehbarer Zeit mit dem Personal, das wir haben, nicht mehr die Öffnungszeiten anbieten können, die sich die Eltern wünschen“, stellte er klar. Sprich: Um ein ständiges, teils sehr kurzfristiges Hin und Her bei den Öffnungszeiten zu vermeiden und Verlässlichkeit und Transparenz zu schaffen, werden einige Kitas und Kindergärten nicht umhinkommen, dauerhaft Betreuungszeiten zu kürzen.

 

Das ganze Ausmaß zeigte sich

Der Grund für die Misere ist der Personalmangel im Erziehungsbereich. In der Ausschusssitzung wurde über die neue Bedarfsplanung diskutiert, und die Vorlage, die das Fachamt hierzu erarbeitet hatte, zeigte das ganze Ausmaß. Demnach sind momentan 23 oder 24 Stellen in der Kinderbetreuung nicht besetzt. 30 Erziehungskräfte haben im vergangenen Kindergartenjahr gekündigt. Auf sie kamen rund 34 Bewerbungen, von denen bei 17 ein Arbeitsvertrag zustande gekommen ist. Für 21 offene FSJ-Stellen (freiwilliges soziales Jahr) sind bis Juli 17 Bewerbungen eingegangen. Neun junge Menschen haben ihr FSJ zum 1. September gestartet. „Wir bekommen immer weniger Bewerbungen“, erklärte Jens Theobaldt. Neben den unbesetzten Stellen gibt es zusätzliche Vakanzen durch längere Erkrankungen, Corona-Ausfälle oder Schwangerschaften.

Gleichzeitig steigt in Filderstadt die Zahl der Kinder – durch Geburten, aber auch durch die aktuelle Flüchtlingssituation. Dies bringt die Stadt in Sachen bauliche Situation in Bedrängnis. „Das heißt, dass wir weitere Kinderbetreuungseinrichtungen neben dem Neubau an der Tübinger Straße benötigen“, sagte Jens Theobaldt. Die 20 U3- und 80 Ü3-Plätze, die im neuen Kinderhaus entstehen, werden also längst nicht reichen. Weitere Investitionen werden notwendig sein.

Bürgermeister findet deutliche Worte

Auch hier fand er deutliche Worte: „Wir kommen an der Wahrheit nicht vorbei, dass wir den Rechtsanspruch im Krippenbereich nicht erfüllen können und im Ü3-Bereich nicht immer gleich, wenn die Eltern es sich wünschen.“ Beispiel U3: 404 Plätze gibt es, dies entspricht zum Stand Juli 2022 einer Betreuungsquote von 28,5 Prozent aller Kinder unter drei Jahren beziehungsweise 42,9 Prozent der Kinder zwischen eins und drei. Anfang September standen etwa 175 Kinder auf der Warteliste. Die Anzahl der fehlenden Plätze wird sich laut Verwaltung bis Juli 2023 auf rund 255 Kinder erhöhen.

Personal halten, gewinnen und Quereinsteigern Möglichkeiten bieten, damit wird sich die Stadtverwaltung laut Jens Theobaldt noch intensiver beschäftigen. „Das sind Themen, die wir ganz, ganz dringend auf der Agenda haben.“ Manche Maßnahme ist bereits im Kindergartenbedarfsplan verankert. So sollen vier FSJ-Stellen in den katholischen Einrichtungen, eine im Waldkindergarten Wurzelzwerge, zwei weitere PiA-Stellen (praxisintegrierte vergütete Ausbildung) im Waldorfkindergarten sowie weiteren 1,2 Vollzeitstellen für Küchenkräfte in städtischen Einrichtungen geschaffen werden.

Mehr Mitarbeiter für Inklusion

Auch die Zahl der Inklusionskräfte soll erhöht werden auf 3,5 Vollzeit-Stellen, um im Erziehungsbereich Entlastung zu schaffen. Weitere Maßnahmen im Bedarfsplan: die Aufstockung der Fachberatungsstelle beim evangelischen Kirchenbezirk Bernhausen um 60 auf 200 Prozent sowie die Bezuschussung des VVS-Tickets für die Beschäftigten bei den kirchlichen und freien Trägern analog zur Regelung bei der Stadt.

Der Kindergartenbedarfsplan wird im Oktober noch durch zwei beschließende Gremien gehen. Der BKSA stimmte schon mal einhellig zu. Die Verzweiflung war den Mitgliedern anzumerken. „Ich sehe im Moment keine Lösung. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?“, sagte etwa Cornelia Olbrich (SPD) zum Thema Personal. Catherine Kalarrytou (Grüne) regte an, einen Betreuungsgipfel mit Verwaltung, Gemeinderat, Trägern und Familien zu veranstalten. „Es gibt auch gute Ideen bei den Eltern“, sagte sie. Stefan Hermann (Freie Wähler) forderte zudem, Firmen im Ort in puncto Betriebskitas mehr in die Pflicht zu nehmen, „dieses Programm müssen wir stärker betreiben“.

Eltern erhalten Geld zurück

Rückzahlung
Eltern in Filderstadt standen in den vergangenen Monaten immer wieder vor verschlossenen Kita-Türen. Nun hat der Gemeinderat einhellig ein Konzept beschlossen, mit dem Eltern Gebühren zurückbekommen sollen. „Pragmatisch und schnell umsetzbar“ nannte der OB Christoph Traub es.

Ablauf
Die Stadt verzichtet demnach in kommunalen Einrichtungen wegen coronabedingter Schließungen im Frühjahr und Sommer 2021 auf die Erhebung der Betreuungs- und Verpflegungsgebühren für Juni 2021. Schließungen im Herbst und Winter 2021 werden mit dem Verzicht auf die Dezember-Gebühren kompensiert. Da es in diesem Jahr personalbedingte Schließungen und Kürzungen gab, wird von der Erhebung der Gebühren für Juni abgesehen. In Summe wird die Stadt so etwa 333 000 Euro für 2021 und etwa 195 000 Euro für dieses Jahr zurückzahlen. Die Rückerstattung bei den freien und kirchlichen Trägern ist laut Stadt abgeschlossen – mit Ausnahme der Elterninitiative Kindergarten am Bombach. Hier sollen die Zahlungen nach dem städtischen Konzept fließen. car