Die Ärztin Thora Goldstein (rechts) ist bald für 6400 Kinder aus Leonberg unter 13 Jahren allein verantwortlich. Foto: dpa, privat

In wenigen Tagen ist Thora Goldstein einzige Kinderärztin für 6400 Kinder unter 13 Jahren. Wie sie die Versorgungslücke bewältigen will – und welche Lösungen es geben könnte.

Ab dem 11. Dezember wird Thora Goldstein die einzig verbliebene Kinderärztin in Leonberg sein für 6400 Kinder unter 13 Jahren beziehungsweise 8600 unter 18 Jahren. Denn die Mediziner Mechthild Dahlhausen und Thomas Fischer setzen sich zur Ruhe, ihre Praxis hat am 10. Dezember das letzte Mal regulär geöffnet.

 

Frau Dr. Goldstein, Sie werden bald die einzige Kinderärztin in Leonberg sein. Haben Sie schon eine Ahnung, was da auf Sie und ihr Praxisteam zukommen wird?

Ja, natürlich. Ich habe meine Praxis in Leonberg mit langjährigem tollen Team seit achteinhalb Jahren. Die Situation wird nicht zu bewältigen sein. Wir machen uns riesengroße Sorgen um die nicht mehr gewährleistete Versorgung und sind damit bei allen Kindern und Eltern dieser Stadt.

Können Sie für alle Kinder da sein?

Nein, das ist unmöglich. Eine Kinderärztin für ganz Leonberg? Das ist eine Rechenaufgabe, die einfach gar nicht aufgehen kann. Für mich ist das ein Skandal und unverständlich, dass es überhaupt soweit kommen konnte. Das alles passiert auf Kosten unserer Kinder, die das Wichtigste sind, was wir alle haben, und unsere Zukunft.

Wie bereiten Sie sich auf die neue Situation vor?

Man kann sich auf diese Notlage nicht komplett vorbereiten. Wir werden weiter unseren Baustein beitragen und unsere Arbeit täglich machen wie bisher. Allerdings werden wir leider die Gesamtsituation nicht ansatzweise lösen können. Dafür gibt es Stellen, die zuständig sind für eine flächendeckende ärztliche Versorgung. Es müssen im größeren Stil Strukturen geändert werden. Umdenken, weniger Bürokratie und die akute Notlage vieler Menschen jetzt zu sehen, wäre wichtig.

Wie viele Anfragen erhalten Sie jetzt schon?

Wir erhalten jeden Tag sehr viele Anfragen, und es tut uns für jede einzelne Familie sehr leid, die wir ablehnen müssen.

Was sagen Sie Eltern, die verzweifeln, weil sie keinen Kinderarzt finden?

Wir müssen ihnen leider sagen, dass unsere Kapazitäten erschöpft beziehungsweise extrem begrenzt sind. Wir verweisen auf die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, an deren Terminvergabestelle und zur Schilderung der dramatischen Lage. Außerdem muss man gegebenenfalls den Radius der Kinderarzt-Suche vergrößern. Viele Familien müssen schon jetzt sehr weit fahren. Eine sehr ungute und bedenkliche Entwicklung.

Aus welchem Einzugsgebiet kommen Ihre Patienten?

Aus Leonberg und der Umgebung.

In Renningen eröffnet im neuen Jahr eine Kinderarzt-Praxis. Erhoffen Sie sich davon etwas Entlastung?

Ja, wir freuen uns sehr über die neue Praxis. Für den Landkreis wird es sicherlich eine gewisse Entlastung geben, für Leonberg aber leider nicht.

Schild in der Kinderarzt-Praxis Goldstein in Leonberg: „Hilfe – Tausende ohne Kinderarzt“ Foto: Ulrike Otto

Der Landkreis Böblingen hat eine Institutsambulanz, angegliedert an die Kinderklinik in Böblingen, vorgeschlagen. Wie schätzen Sie diesen Vorschlag ein?

Es ist gut, offener zu werden, neu zu denken und zusätzliche Wege zu gehen. Für alles, was in dieser Misere helfen kann, sind wir dankbar.

Was wünschen Sie sich von Entscheidern, was würde Ihnen wirklich helfen?

Eine schnelle Umsetzung von Neuem. Dazu weniger Bürokratie und mehr den Mensch in den Vordergrund stellen. Neue Denkansätze wären etwa Telemedizin vorab wie in der Schweiz beispielsweise, die Gesundheitsämter mehr einbeziehen, und eine Änderung des Notdienst-Konzeptes in der Region, eine Verlagerung pädagogischer Themen mehr weg von Kinder- und Jugendärzten und vieles mehr.

Wird Ihrer Meinung nach dem Thema Kinderärzte-Mangel genügend Beachtung geschenkt?

Nein, leider nicht. Ich hoffe so sehr, dass nicht erst etwas passieren muss, damit sich wirklich etwas ändert. Wir haben große Bedenken, dass wir bei diesem absoluten Missstand ab Mitte Dezember kaum noch geordnet unserer täglichen Arbeit nachgehen können. Dass auch nicht mehr alle Notfälle versorgt werden können. Irgendwann kann die Qualität nicht mehr in der üblichen Form gewährleistet werden. Der kinderärztliche Notdienst in der Kinderklinik in Böblingen läuft über. Es kommen natürlich immer mehr Leute dorthin, die gar keinen Kinderarzt mehr haben. Ich mag meinen Beruf immer noch sehr, die Arbeitsbedingungen sind aber sehr fraglich geworden. Die Verzweiflung in der Bevölkerung ist riesengroß. Es ist wirklich traurig. Wohin soll das noch führen? Wer hilft uns allen?

Kinderarzt-Versorgung

Kreis Böblingen
Laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg KVBW sind im Kreis aktuell 26,75 Stellen besetzt, verteilt auf 37 Kinderärztinnen und -ärzte. Das entspreche einem Versorgungsgrad von 107 Prozent. Rechnerisch sei noch eine Niederlassungsmöglichkeit offen.

Entwicklung
Neun der 37 Kinderärzte im Kreis sind laut KVBW älter als 60 Jahre. Nur 14 sind jünger als 50 Jahre.