Der Kinderarzt Ralf Brügel setzt sich dafür ein, dass der Nachwuchs eine Lobby hat und zurück in den sozialen Alltag von Kita und Schule kommen darf. Foto: Gottfried Stoppel

Ralf Brügel, Schorndorfer Kinderarzt und Sprecher der Kinderärzte im Kreis, hält die Gefahr, die von Kindern als Überträger des Virus ausgeht, für gering. Er warnt vor den Folgen durch den Lockdown für die Kleinsten und fordert individuellere Lösungen.

Schorndorf - Ralf Brügel hat schon viel erlebt in seinem Berufsleben. Was der Schorndorfer Kinderarzt und Sprecher der Kinderärzte im Kreis in der Häufigkeit bisher aber noch nicht hatte, sind Mütter, die ihm weinend am Praxistisch gegenüber sitzen. „Der Druck und die Anspannung nehmen zu, je länger der Lockdown geht. Die Entwicklung ist besorgniserregend“, sagt Ralf Brügel am Sonntagvormittag im digitalen Austausch mit der SPD-Landtagskandidatin Sybille Mack.

 

Depressionen, Ängste, Zwänge, Essstörungen und Übergewicht – die Kinder leiden

Noch problematischer als die Situation der zunehmend überforderten Eltern sieht der Arzt die der Kinder. Depressionen, Ängste, Zwänge, Essstörungen und Übergewicht – die Aufzählung scheint kein Ende zu nehmen. Zudem hätten viele Eltern aktuell wegen einer Ansteckung Angst, zum Arzt zu gehen und würden ein krankes Kind viel zu spät vorstellen. Ein gefährlicher Teufelskreis, der, laut Brügel, so nicht notwendig ist. „Ich will das Virus auf keinen Fall verharmlosen, aber meine Praxiserfahrung und zahlreiche Studien zeigen deutlich, dass die Gefahr der Übertragung durch ein Kleinkind zu vernachlässigen ist.“

Doch auch wenn dem so sei, müsse die Angst der Betroffenen vor einer Ansteckung durch Kinder – also Menschen wie Erziehern, Sozialarbeitern und Lehrern – ernst genommen werden. Beispielsweise durch mehr Schnelltests, Masken und der Einbeziehung der jeweiligen Situation. Ralf Brügel ist sich sicher: „Die Kinder brauchen Struktur und müssen in ihr soziales Umfeld zurück. Dafür müssen individuelle und unkonventionelle Lösungen entwickelt werden. Gerade auch im Hinblick darauf, dass viel Halbwissen und viele Ängste präsent sind.“

Auch Eltern sieht der Kinderarzt in der Pflicht – Plaudereien vor der Kita müssen Tabu sein

Dabei sieht der Kinderarzt auch die Eltern in der Pflicht. „Ihnen muss es ausschließlich darum gehen, dass ihr Kind wieder einen sozialen Rahmen hat und sich auf dem Spielplatz austoben kann. Gemütliche Plaudereien unter Erwachsenen, die dabei das Virus übertragen könnten, müssen dabei natürlich komplett tabu sein.“

Was für Ralf Brügel in der momentanen Lage auch nicht geht, ist das Verharren in starren Konstellationen. „Es gibt nur zu oder auf, dabei gäbe es da noch zahlreiche Abstufungen“, sagt der Mann, der sich für die Kinder stark macht und hat auf Nachfrage von Sybille Mack auch gleich ein Beispiel parat. So sei es wertvoller für Grundschüler, mit dem Mathelehrer je nach Pandemiegeschehen einfach nur einen Ausflug in den Wald zu machen, statt den Unterricht ganz ausfallen zu lassen. „Da ist einfach mehr Fantasie gefragt. Lieber einen anderen Unterricht als gar keinen. Auf diese Weise ist zwar nicht Mathe nach Lehrbuch möglich, aber die Kinder haben wieder einen Halt, und die Lehrer kriegen sie persönlich zu Gesicht.“ Gerade diesen Aspekt betont der Kinderarzt aus Schorndorf: „Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen haben die nicht zu unterschätzende Aufgabe zu sehen, ob das Kind anders wirkt und etwas nicht stimmen könnte. Das geht nur bedingt durch den Bildschirm“, sagt Ralf Brügel und hält auch eine Öffnung in einem Landkreis, während in einem anderen die Schulen geschlossen bleiben müssen, für eine mögliche Lösung. „Auch hier muss, glaube ich, flexibler vorgegangen werden.“

Mehr Ideenreichtum würde sich der Kinderarzt auch beim Thema Beförderung wünschen

Mehr Ideenreichtum würde sich der Kinderarzt auch beim Thema Beförderung wünschen. Statt die Schulkinder in einen überfüllten Schulbus zu stecken, müssten einfach momentan ungenutzte Reisebusse Verwendung finden. „Wegen des großen Bewegungsmangels wäre es natürlich am allerbesten, die Kinder würden zu Fuß zur Schule gehen.“ Der Einwand, dass sich bei Entscheidungen wie denen zu den Bussen oft Kommunen und Kreise in die Haare bekämen, ließ der Sprecher der Kinderärzte nicht gelten. „Das muss unkompliziert machbar sein. Und auch das Geld fließt überall, nur nicht für die Kinder, die Verlierer der Corona-Pandemie.“ Kinder würden deutlich größeren Schaden nehmen als Erwachsene.

Deshalb ist für den Arzt aus Schorndorf ganz klar, dass die Rückkehr in eine Art Normalität Priorität haben muss. „Je kleiner das Kind, desto geringer die Gefahr und desto schneller muss gelockert werden“, sagt Ralf Brügel.