Zu essen bekommen die meisten armen Kinder genug – dafür fehlt es an Wohnraum, frühzeitiger Nachhilfe oder Freizeitaktivitäten Foto: dpa-Zentralbild

11 000 Kinder in Stuttgart gelten als arm. Am Nötigsten dürfte es ihnen dank vieler Hilfsangebote trotzdem nicht fehlen. Doch manche Probleme lassen sich dennoch kaum lösen – andere dagegen bleiben aus Scham erhalten.

Stuttgart - Wenn Olaf (Name geändert) ins Kino möchte, ist das nicht so einfach. „Meine Eltern sind arbeitslos“, erzählt der 13-Jährige. Geld für Extra-Ausgaben ist deshalb nur phasenweise da. Wenn die Freunde aus der Schule den neusten Film sehen wollen, heißt das für Olaf: zu Hause bleiben. Oder sich etwas einfallen lassen. „Ich gehe dann zum Flaschensammeln“, sagt er emotionslos. Die Freunde ahnen davon nichts. Die Tätigkeit an sich ist ihm nicht peinlich, aber wenn man in der Schule davon erfahren würde, das wäre dem Teenager nicht recht. Er hat sich daran gewöhnt, dass die Familie keine großen Sprünge machen kann: „Das ist halt so.“

Wie Olaf geht es in Stuttgart erstaunlich vielen Kindern. 11 000 oder umgerechnet14 Prozent der Null- bis Fünfzehnjährigen in der reichen Landeshauptstadt wachsen in Familien auf, die vom Arbeitslosengeld II leben. Sie gelten damit als arm. Und sind ein großes Thema in der Stadtverwaltung. Zuletzt hat Maria Haller-Kindler, die Kinderbeauftragte der Stadt, Fachleute aus allen Bereichen zu einer Konferenz ins Rathaus eingeladen. Ziel: Die Lage verbessern. „Wir müssen uns um Rechte von Kindern auf Bildung und Gesundheit, aber auch auf Freizeit, Spiel und Erholung kümmern“, sagt sie.

Dabei zeigt sich: Nur wer die Eltern erreicht, kann auch die Situation der Kinder verbessern. „Es geht nicht nur ums Geld. Jugendliche stehen nicht zwingend auf die teuren Superturnschuhe. Es ist eher die Gesamtsituation der Familie. Die Probleme der Eltern schlagen auf die Kinder durch“, sagt Ingrid Hof. Die Sozialarbeiterin der Stadt weiß: Hinter Armut stecken oft Schicksalsschläge. Es geht um Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme, psychische Erkrankungen und häufig ein dadurch wegbrechendes soziales Umfeld. All das trifft Kinder häufig härter als die pure finanzielle Situation.

Viele Eltern schämen sich, Hilfe anzunehmen

Ingrid Hof steht an diesem sonnigen Tag im Garten eines Hauses in Stuttgart-Wangen. Während sie erzählt, wird ein kleines Buffet aufgebaut. Es gibt Kässpätzle, Salate, Nachtisch und Getränke. Im Rahmen des Programms „Hilfen zur Erziehung“ wird hier einmal pro Woche ein Mittagessen gekocht. Personal- und Mietkosten übernimmt die Stadt, für die Sachkosten kommen Sponsoren auf. In der engen Küche betätigt sich jede Woche eine andere Familie. 20, 30 Leute treffen sich hier regelmäßig. Deutsches und Internationales kommt auf den Tisch. Die Erwachsenen sitzen zusammen und unterhalten sich, die Kinder spielen im Sandkasten oder im Hof.

Auf Rosen gebettet ist hier keiner. Die Leute sind meist aus den Familienberatungszentren der Stadt bekannt. Deutsche, Migranten, Flüchtlinge, alles ist dabei. „Sie haben persönliche Probleme, meist auch finanzieller Art“, weiß Ingrid Hof. Aber sie haben schon einen entscheidenden Schritt gemacht: Sie nehmen Hilfe an.

„Scham ist ein ganz großes Thema“, sagt die Sozialarbeiterin. Vieles Finanzielle lasse sich im Alltag durch Hilfen regeln. Aufs Schullandheim muss im Prinzip kein Kind verzichten – wenn die Eltern bereit sind, ihre Schwierigkeiten einzuräumen. Auch die Bonuscard der Stadt zu zücken, um irgendwo freien Eintritt zu bekommen, sei vielen einfach peinlich, weiß die Expertin. Und manche wissen davon auch gar nichts.

Besonders Alleinerziehende tun sich schwer

Trotz aller Unterstützung ist das Leben nicht einfach, wenn es am Geld fehlt. „Man muss ein guter Finanzminister sein. Immer wissen, wo es was gibt“, sagt Ingrid Hof. Gerade für Alleinerziehende sei das schwierig. Ein Auto haben viele nicht, das Einkaufen im Tafelladen oder auf dem Kindersachenflohmarkt muss deshalb gut geplant sein. „Wenn man das alles schafft, ist das eine Leistung“, sagt die Sozialarbeiterin.

Die Eltern, die sich an diesem Tag treffen, bestätigen vieles davon. Zwei sind nicht gekommen, weil die Presse da ist. Sie schämen sich. „Spielzeug und Kleidung sind nicht das Problem. Das kann man gebraucht kaufen“, erzählt ein Vater. In dieser Hinsicht fehle es den Kindern an nichts. Das große Problem sei ein ganz anderes: „Es gibt keine Wohnungen.“ Seine Familie lebt zu fünft auf 50 Quadratmetern. „Die Mieten sind zu hoch – und drei Kinder wollen auch nur wenige Vermieter haben“, sagt der Mann resigniert.

Wohnungsnot als großes Problem

Das Thema Wohnung taucht immer wieder auf. Viele Kinder aus armen Familien leben auf engstem Raum. Auch alles, was extra ist, macht Schwierigkeiten. Etwa die Nachhilfe, die erst bezahlt wird, wenn ein Kind versetzungsgefährdet ist. „Da müsste man viel früher ansetzen“, sagt eine Mutter. Und erzählt, wie sie jeden Monat ein paar Euro zur Seite legt, um den Kindern ab und an besondere Therapien bezahlen zu können. Das geht allerdings nur, wenn keine Stromnachzahlung ins Haus flattert, nichts kaputt geht und keine Schulden abgestottert werden müssen. „Das ist am schlimmsten, wenn die Leute Schulden haben“, sagt die Frau. Dann bleibt für die Kinder nichts übrig.

Anregungen haben auch die Experten im Rathaus reichlich gesammelt. „Wir müssen uns systematisch die Frage stellen: Was können wir gegen Kinderarmut tun?“, sagt Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Hilfen gibt es viele – aber sie erreichen nicht jeden und können auch nicht alle Probleme lösen. Olaf wird also weiterhin Flaschen sammeln, wenn ein Kinobesuch ansteht. Wie er das findet? „Eigentlich normal“, sagt er nur.

Umfangreiche Informationen über Beratungszentren, Bonus- oder Familiencard finden sich unter www.stuttgart.de.
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