Fynn Claus ist einer von zwölf Kinderdarstellern im Musical „Tarzan“ Foto: Susanne Mathes

An Weihnachten und Silvester bleibt der Dschungel geschlossen: Die Stadt lehnt es für sechs Feiertage ab, das Musical vom Verbot der Kinderarbeit zu befreien – auch wenn der kleine „Tarzan“ gern fliegen würde. Die Disney-Show füllt die Kassen.

Stuttgart - Wie ein flinker Affe bewegt sich der junge Tarzan über die Bühne. Er macht Purzelbäume, trommelt sich auf die Brust, singt herzerweichend vom Freund, den jeder braucht, und schwingt sich an Lianen durch die Kulissen. Spätestens beim Schlussapplaus zeigt sich, wer zu den Publikumslieblingen des Musicals „Tarzan“ gehört: Die Kinderdarsteller tragen ganz wesentlich zum Erfolg im Apollo-Theater bei. Mit rekordverdächtigen Auslastungszahlen, die beim Musicalmarktführer nur noch bei „König der Löwen“ in Hamburg höher sind, geht die Show nun in das zweite Stuttgart-Jahr.

Auf eine der besten Einnahmequellen muss die Stage Entertainment jedoch verzichten: Wer an Weihnachten oder an Silvester ein Musical im SI-Centrum besuchen will, dem bleibt nur „Chicago“, wo keine Kinder im Ensemble sind. Die Stadt Stuttgart besteht wie schon im Vorjahr darauf, dass das generelle Verbot der Kinderarbeit, von dem die Musicalmacher an fast allen anderen Tagen befreit werden, an sechs Feiertagen eingehalten wird: an Heiligabend, am ersten Weihnachtsfeiertag, an Silvester, Neujahr, Ostersonntag sowie am 1. Mai.

Ist das noch zeitgemäß?

Wer in Deutschland Kinder unter 14 Jahren beschäftigt, braucht eine Genehmigung. Die Jüngsten bei „Tarzan“ sind zwischen sieben und elf Jahre alt. Gern würden etliche von ihnen auch an den besonderen Feiertagen auftreten – doch die Aufsichtsbehörde will sie gegen ihren Willen schützen.

Ist das noch zeitgemäß? Sollte die künstlerische Betätigung von Kindern nicht unter bestimmten Voraussetzungen genehmigt werden – etwa wenn die Anzahl ihrer Auftritte an Feiertagen eingeschränkt wird?

„Wir respektieren die Entscheidung der Stuttgarter Stadtverwaltung“, sagt Christof Schmid, der in der Hamburger Stage-Zentrale die Pressearbeit für mehrere Musicals, unter anderem für Stuttgart, leitet. Sein Unternehmen will einem Streit mit den Behörden aus dem Weg gehen. Man sei im „ständigen Austausch“, um die Wünsche und den notwendigen Schutz der jungen Darsteller zu berücksichtigen. Momentan gilt: Die Stage beschäftigt zwölf Jungs, die in der Regel zweimal pro Woche auftreten. Jeder Kinderdarsteller darf aber nur 30 Shows im Jahr spielen. Bei acht Shows in der Woche bedeutet dies: Regelmäßig werden neue Talente gesucht. Schmid: „Unsere Kinderabteilung trainiert gerade in einer Intensivgruppe fünf Jungs. Zudem gibt es noch eine Vorbereitungsgruppe, in der 22 Jungs sind.“

Weil vor einem Jahr etliche Besucher wütend waren, als erst ein Schild am Theatereingang auf das städtische „Tarzan“-Verbot an Weihnachten hinwies, ist diesmal rechtzeitig eine Übereinkunft mit dem städtischen Wächtern erzielt worden. Das heißt: Die sechs Feiertage, für die das Verbot bei „Tarzan“ gilt, sind so rechtzeitig aus dem Verkauf genommen worden, dass man keine Umbuchungen vornehmen muss.

Arzt, Schule und Eltern müssen zustimmen

Die Verantwortung für das Verbot des kleinen Tarzans an sechs Feiertagen liegt nicht beim Jugendamt, wie dessen Leiter Bruno Pfeifle gegenüber den Stuttgarter Nachrichten versichert. Der Paragraf 18 des Jugendarbeitsschutzgesetzes regele die Kinderarbeit an Feiertagen. „Dieses Gesetz wird vom Gewerbeaufsichtsamt überwacht und kann an diesen Tagen keine Ausnahmen zulassen“, so Pfeifer. An den restlichen Tagen des Jahres bekämen Kinder in aller Regel die Erlaubnis für zeitlich begrenzte Bühnenauftritte, sofern ein Arzt, die Schule sowie die Eltern dafür grünes Licht geben.

Für die Einhaltung der Kinderschutzbestimmungen plädiert die Berliner Pädagogin Melanie Garbas – oft müssten Kindern vor ihren Eltern geschützt werden. Sie spricht von „narzisstischen Eltern“, deren „ehrgeizige Erwartungshaltung“ zu einer Belastung für Kinder werden könnte.

Die Stage Entertainment beschäftigt eine Kindertrainerin, die sich deshalb auch die Eltern ganz genau anschaut. Das nächste Casting für den jungen Tarzan ist im kommenden Februar oder März. Die Darsteller dürfen aus Sicherheitsgründen nicht größer als 140 Zentimeter sein. Bewerben kann man sich unter: kindercasting.apollotheater@stage-entertainment.de.

Während der kleine Tarzan regelmäßig ausgewechselt wird, hat der große Urwald-Held verlängert: Der Italiener Gian Marco Schiaretti wird ein weiteres Jahr die Hauptrolle spielen – in einer Show, deren Einzugsgebiet über Baden-Württemberg hinausgeht. „Der Großteil der Besucher kommt aus einem Gebiet 150 Kilometer rund um Stuttgart“, sagt Stage-Sprecherin Sandra Knör, „das Stück zieht allerdings auffällig viele Besucher aus weiter entfernt liegenden Regionen wie etwa Nürnberg, Frankfurt, Mainz, Darmstadt und Würzburg an.“

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