Zwei Models lesen während der Berliner Fashion Week in einem Buch und auf einem Smartphone. Foto: dpa

Der Mensch liest mehr denn je. Meist auf dem Smartphone – was nach Meinung der Wissenschaftlerin Maryanne Wolf gravierende Folgen haben kann: für das menschliche Gehirn, aber auch für demokratische Gesellschaften.

Los Angeles - An Informationen mangelt es nicht. Gelesen wird mehr denn je: 50 000 bis 100 000 Wörter konsumiert der Mensch pro Tag. Eine Menge, die das Gehirn zwingt auszusieben. Statt aufmerksam zu lesen, wird überflogen. Meist auf dem Smartphone, Tablet oder PC. Doch was passiert, wenn das Lesen auf dem Bildschirm und damit das Überfliegen eines Textes zum Standard wird? „Mehr als wir ahnen“, sagt die Leseforscherin Maryanne Wolf. „Der Bildschirm verleitet dazu, schnell zu lesen, immer weiter zu scrollen, um möglichst viele Informationen in möglichst kurzer Zeit aufzunehmen. Was dazu führen kann, dass wir nur die Hälfte mitkriegen und komplexe Sachverhalte nicht erfassen.“ Um einen Text wirklich zu verstehen, um aus Informationen Wissen und aus Wissen Weisheit zu machen, bedürfe es kritischer Analyse, Reflexion und Empathie. „Und das braucht Zeit. Zeit, die wir uns am Bildschirm nicht nehmen.“

 

Die Leiterin des Legasthenie-Zentrums der Universität von Kalifornien in Los Angeles ist nicht allein mit ihrer Sorge. Anfang des Jahres veröffentlichten mehr als 130 Wissenschaftler – darunter Wolf – die Stavanger-Erklärung. Thema war die Zukunft des Lesens im digitalen Zeitalter, und die Wissenschaftler fanden deutliche Worte. „Leser neigen beim Lesen digitaler Texte eher zu übersteigertem Vertrauen in ihre Verständnisfähigkeiten als beim Lesen gedruckter Texte, vor allem, wenn sie unter Druck stehen, was wiederum zum Überfliegen und zu geringerer Konzentration auf den Inhalt des Gelesenen führt“, war dort zu lesen. Und weiter: Studien mit mehr als 170 000 Teilnehmern hätten gezeigt, „dass das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser ist als beim Bildschirmlesen“. Die Unterlegenheit des Bildschirms gegenüber Papier habe entgegen den Erwartungen eher noch zugenommen.

Wie wir lesen, beeinflusst, was wir lesen

Und da fangen die Probleme erst an. Denn wie wir lesen, beeinflusst auch, was wir lesen. „Es klingt paradox, aber angesichts der Masse an Informationen besteht die Gefahr, dass wir nur noch Texte lesen, die wenig Zeit beanspruchen, uns intellektuell nicht herausfordern und unsere Weltsicht stützen“, erklärt Wolf. Was gravierende Folgen für demokratische Gesellschaften haben könne: Der Mensch ziehe sich in seine Blase zurück, werde anfällig für Falschinformationen, Populismus und Rattenfänger und könne auch die Fähigkeit zur kritischen Analyse einbüßen.

Wenn oberflächliches Lesen auf dem Bildschirm schon bei Erwachsenen so verheerende Folgen haben kann, wie sieht es dann bei Kindern aus, die noch gar nicht gelernt haben, konzentriert zu lesen? „Um die mache ich mir am meisten Sorgen“, sagt die Autorin des Buchs „Schnelles Lesen, langsames Lesen. Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen sollten“ (Penguin Verlag). „Studien zeigen, dass beim Lesen auf dem Bildschirm weniger Teile des Gehirns aktiviert werden als beim tiefen Lesen“, sagt Wolf.

Das Problem: Der Mensch ist nicht zum Lesen geboren. „Wir haben kein Lesezentrum. Stattdessen interagieren beim Lesen verschiedene Bereiche des Gehirns miteinander, etwa die für Sehen, Sprache, Kognition, Affekt und motorische Fähigkeiten.“ So werden bei der Lektüre von Tolstois „Anna Karenina“ am Ende des Romans genau die Teile des Motorik-Zentrums angeworfen, die auch die Titelheldin aktiviert, um vor den Zug zu springen. All diese Verbindungen drohen zu verkümmern, wenn wir keine Bücher mehr lesen, denn im Gehirn gilt die Regel: Use it or lose it – zu Deutsch: Benutz es oder verlier es. Und bei Kindern bilden sich diese Netzwerke erst gar nicht heraus, wenn sie auf dem Bildschirm statt auf Papier lesen.

Ohne Bücher, keine Empathie

Auch die Fähigkeit zu Empathie bleibt auf der Strecke. Wer kein Buch zur Hand nimmt und sich in andere Menschen versetzt, dem fällt auch im Alltag der Perspektivwechsel schwer. „Empathie braucht Zeit“, sagt Wolf. Manchmal sind es nur ein paar Millisekunden. „Nehmen Sie Ernest Hemingway. Der hatte mit Freunden gewettet, dass er eine Kurzgeschichte mit sechs Worten schreiben könne.“ Und Hemingway schrieb: „For Sale: Baby shoes. Never worn.“ Zu Deutsch: Zu verkaufen: Babyschuhe. Ungetragen. „Es handelt sich um eine Anzeige für Babyschuhe. Die Tragödie hinter den Zeilen erschließt sich jedoch erst, wenn wir uns ein paar Millisekunden mehr Zeit nehmen.“

Droht uns allen also das „Twitterhirn“? Wird es so kommen, wie der Schriftsteller Edward Tenner befürchtet, wenn er sagt: „Es wäre eine Schande, wenn eine geniale Technologie am Ende genau den Verstand bedroht, der sie hervorgebracht hat.“ Wolf übt sich in Optimismus: „Anders als in der Vergangenheit verfügen wir heute sowohl über das Wissen als auch über die Technologie, potenzielle Veränderungen unserer Art zu lesen aufzuzeigen, bevor diese Veränderungen die Menschheit völlig durchdrungen haben und ohne Überdenken der Konsequenzen akzeptiert worden sind.“

Kinder müssen auf Papier lesen, um tiefes lesen zu lernen

Ihr Rat an Eltern: „Lesen Sie Ihrem Kind Bücher vor, lesen Sie mit ihm.“ Kinder müssten auf Papier lesen lernen, so lange, bis sie die Fähigkeit zum tiefen Lesen erlangt haben, also etwa im Alter von zehn Jahren. Erst dann könne es darum gehen, ihnen langsam auch das digitale Lesen beizubringen. Kinder müssten zudem den richtigen Umgang mit digitalen Medien lernen und wissen, wofür sie welches Medium nutzen. Wolf sieht dabei nicht nur die Eltern in der Pflicht. Auch Lehrer und Schulen, die für eine digitale Alphabetisierung sorgen müssten, statt für eine reine Digitalisierung zu plädieren.

Noch fehlen freilich die Langzeitstudien, betont Wolf. Die vorliegenden Studien sind jedoch alarmierend genug. Zumal es auch abseits der Forschung Hinweise gibt, wohin die Reise geht, wenn Kinder nicht richtig lesen können. In den USA gründen manche Strafvollzugseinrichtungen ihre Hochrechnungen für den künftigen Bettenbedarf auf die Lesestatistiken von Dritt- und Viertklässlern.