Fernsehen, Radio und Zeitungen sind ein ständig sprudelnde Quelle beunruhigender Nachrichten Foto: dpa

München, Nizza, Brüssel. Soll man mit Kindern über Terror und Gewalt sprechen? Wenn das Böse verleugnet, ist es nicht aus der Welt.

München - München ist in diesen Tagen überall, genau wie vor kurzem Nizza, noch vor wenigen Monaten Paris oder Brüssel: im Fernsehen, im Radio, in den alltäglichen Gesprächen unter Erwachsenen. Davon bekommen auch die Kinder so einiges mit, sogar wenn die Eltern versuchen, das möglichst von ihnen fernzuhalten, weil sie die Angst vor dem Bösen nicht schüren und ihr Vertrauen in andere Menschen nicht erschüttern wollen. Doch Kinder schnappen Gesprächsfetzen auf, mustern die besorgten Gesichter ihrer Erwachsenen, sehen schockierende Bilder im Fernsehen, hören Worte wie „Terrorgefahr“, „Ausnahmezustand“, „Bedrohung“ – und machen sich ihren eigenen Reim darauf, der je nach Alter, Reife, Temperament, eigener Lebensumstände oder Zugang zu Medien sehr verschieden ausfallen kann. Damit sollten wir sie nicht allein lassen.

Denn Ängste sind Herdentiere: neue hängen sich gern an alte dran. Ein Kind, das gerade die Trennung seiner Eltern erlebt, wird die Information, dass Kinder ihre Eltern infolge eines Terroranschlages verloren haben, ganz anders aufnehmen als ein Kind, das sich des Zusammenhaltes seiner Familie ganz sicher sein darf.

Der gute Umgang mit dem Bösen ist wichtig

Damit, dass wir das Böse verleugnen, ist es nicht aus der Welt. Deshalb ist der gute Umgang mit dem Bösen so wichtig. Eltern sind dabei in der Rolle der Vermittler, Deuter, Erklärer der Geschehnisse, und das von Anfang an. Erinnern Sie sich, wie das Krabbelkind damals bei jedem Umfallen erst einmal zu Ihnen herübergeschaut hat, um zu sehen, was Sie für ein Gesicht machen? Und erst, wenn Sie erschrocken sind, anfing zu weinen? Ein lächelndes „Na hoppla“ oder gar munteres „Komm her, ich heb dich auf!“ bewirkt genau das Gegenteil: Der Lauflernling rappelt sich hoch und versucht’s erneut. Die Rückkopplung ergibt durchaus Sinn. Kinder spüren Bedrohung, ohne jedoch ihr Ausmaß realistisch einschätzen zu können, ihre Eltern schon. Wenn die besorgt und ängstlich sind, wird es wohl einen Grund geben, besorgt und ängstlich zu sein, auch wenn man den noch nicht ganz versteht und einordnen kann.

Eltern sind auch Beschützer: Wir können die schlimmen Dinge nicht auf Dauer von den Kindern fernhalten, aber wir können dafür sorgen, dass sie von uns zuerst davon erfahren, und nicht die volle Wucht der schlimmen Ereignisse ungebremst abkriegen. Wir können nichts verhindern, aber wir können Zuversicht walten lassen, die Aussicht auf ein gutes Ende stärken: Dass die Erwachsenen dem Bösen etwas entgegensetzen, dass es Politiker und Polizisten gibt, die alles versuchen, um einen weiteren Terroranschlag zu verhindern.

Das Fernsehen bringt alles berückend nah

Das Fernsehen bringt alles berückend nah. Die wenigsten Grundschulkinder wissen, wie weit Paris, Brüssel oder Nizza von ihrem Zuhause entfernt ist. Vorschulkinder verstehen noch nicht einmal unbedingt, dass es sich um ein einzelnes Ereignis handelt, über das tagelang gesprochen wird und von dem es immer wieder andere und neue Videos und Fotos gibt. Sie glauben schnell, dass da ein Anschlag auf den anderen folgt und die ganze Welt in Flammen steht. Die mittlerweile obsoleten Teddys auf den Fernsehbildern von den Unglücksorten suggerieren unmittelbare Nähe, weil kleine Kinder sich schnell in Situationen einfühlen, die einen Bezug zu ihrem Alltag haben.

Gar nichts zu sagen und insgeheim zu hoffen, dass das Kind nicht fragt, ist deshalb keine gute Idee. Fernsehen, Radio und Zeitungen sind ein ständig sprudelnde Quelle beunruhigender Nachrichten. Kinder nehmen, je älter sie werden, regen Anteil an dem, was in der Welt geschieht und beziehen anfangs alles auf sich. Berichte aus Kriegsgebieten, Reportagen über Umweltkatastrophen, Fotos von hungernden Kindern oder Videos über Terroranschläge – all das kann eine Fülle von Ängsten in ihnen auslösen. Allerdings hat das auch sein Gutes: Nicht wenige 12jährige werden durch das dauernde Gerede vom Terror zu beflissenen Nachrichtenguckern, emsigen Zeitungslesern und am Weltgeschehen interessierten Zeitgenossen.

Eltern werden nicht verhindern können, dass ihr Kind das eine oder andere mitbekommt, was für seine Ohren und Augen nicht gedacht ist, auch wenn sie darauf achten können, dass Fernseher oder Radio nicht pausenlos laufen.

Kinder brauchen Ansprechpartner, um ihre Ängste zu verarbeiten

Über Gewalt und Terror zu sprechen, verängstigt Kinder weniger als viele Eltern befürchten. Kinder ihren Ängsten zu überlassen, richtet weitaus mehr Schaden an, als offen darüber zu reden, was passiert ist. Kinder brauchen Gelegenheiten und Ansprechpartner, um ihre Ängste zu verarbeiten. Sätze wie „So etwas verstehst du noch nicht!“ oder „Du brauchst gar keine Angst zu haben!“ verhindern nur, dass ein Gespräch über die Angst zustande kommt. Und die Angst bleibt ja, auch wenn man gesagt bekommt, man braucht sie nicht zu haben.

Es gibt nämlich keine Frage, für die ein Kind noch zu klein wäre, es gibt nur unpassende Antworten, die Frage einfach abtun, „Das kann hier nicht passieren“ oder „Das betrifft uns nicht“. So kann ein guter Einstieg klingen: Was hast du denn von den Ereignissen gehört? Was denkst Du denn, warum das so ist? Was beschäftigt dich?

Wir kommen heute nicht drumherum, diese Dinge mit Kindern zu diskutieren. Ein aufgeweckter Fünfjähriger (und sind sie das nicht alle?), der im Fernsehen sieht, was die Bombe eines Selbstmordattentäters in Bagdad oder der Lkw eines durchgeknallten Terroristen anrichtet, lässt nicht eher locker, bis man ihm zweihundert Jahre Geschichte plausibel erklärt hat. Der Haken daran ist unsere polarisierte, schubladenbesessene Gesellschaft: Es gibt immer mehr als eine Erklärung für ein und dasselbe Ereignis. Sie mögen wissen, was Sie von einer Sache zu halten haben, aber haben Sie auch das Recht, Ihrem Kind Ihre Meinung aufzuzwingen? Oder müssten Sie nicht mindestens so fair sein, auch die gegenteilige Meinung anzubieten? Verschiedene Richtungen erklären, Gelassenheit vermitteln und einen Anstoß zum selbstständigen Nachdenken geben nutzen einem Kind mehr als abschließende Antworten.

Die Welt ist nicht nur gut, auch wenn wir das gerne hätten

Wenn man mit Kindern spricht, muss man sich klarmachen, dass sie zunächst einmal alles glauben, was man ihnen erzählt. Auch wenn sie später erfahren, dass der Sachverhalt ein anderer ist, sie werden immer an diese erste unauslöschliche Lektion zurückdenken. Aber solange man sich seine eigenen Gedanken zu Hunger, Krieg und Terror macht, muss man auch keine Angst davor haben, die Kinder einseitig zu beeinflussen oder zu verschrecken, wenn man zugibt: Ja, die Welt ist nicht nur gut. Auch wenn wir das gerne hätten.

Wichtig ist, die Kommunikationsleitungen offen zu halten. Hören Sie zu, wenn Kinder von ihren Ängsten sprechen, auch wenn sie ihnen noch so lächerlich erscheinen. Sind es traurige, allgemeingütige Ängste wie obdachlos, ungeliebt oder verwaist zu sein, hilft es seltsamerweise häufig, dem Kind zu sagen, dass wir alle gelegentlich diese Ängste haben, auch wir Erwachsene, und dass man sich daran gewöhnt, mit diesen Ängsten zu leben und sie sogar zu vertreiben. Das schafft eine Atmosphäre der Verbundenheit und ein sehr gesundes Empfinden dafür, dass so sehr nicht das Unglück selbst, sondern das Gefühl drohenden Unglücks der wahre Feind ist. Auch für Erwachsene ist es schwierig, sich mit solchen Ereignissen auseinanderzusetzen oder auch nur mental zu verstehen. Kinder an diesem Prozess teilhaben zu lassen, bedeutet sich eher von ihren Fragen leiten zu lassen: Möglicherweise braucht auch der Sechsjährige kein Referat in vergleichender Religionswissenschaft, sondern eine Umarmung und die Versicherung, dass seine Eltern immer alles tun werden, um ihn zu beschützen. Doch alle Kinder sollten eine Chance haben zu erleben, dass Gedanken und Gefühle einen Raum brauchen, damit sich leichter lässt mit ihnen leben lässt. Zuhören, nachfragen und verstehen – im Gespräch finden wir zusammen und sind nicht allein mit der Angst.

Die Furcht vor Terroranschlägen ist natürlich real, aber angesichts der statistischen Wahrscheinlichkeit himmelhoch übertrieben. Seltsamerweise gewöhnt man sich sogar an Angst. Nach einem Monat haben die meisten Menschen genug von einem Thema, das ist ein natürlicher Schutzmechanismus. Wie sonst könnte man in Bagdad, an den Hängen eines Vulkans, neben einem Atomkraftwerk überhaupt leben? Bangemachen gilt also nicht.

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