542-mal mussten Mitarbeiter des Jugendamtes im vergangenen Jahr überprüfen, ob im Kreis ein Fall von Kindeswohlgefährdung vorliegt. Foto: dpa

Immer wieder stehen Menschen in pädagogischen Berufen vor der Frage, ob bei Schützlingen das Kindeswohl gefährdet ist. Die Schulungen des Jugendamtes zu dem Thema sind überrannt.

Kreis Ludwigsburg - Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Polizei oder das Jugendamt einzuschalten? Menschen, die beruflich mit Kindern zu tun haben und den Verdacht hegen, dass das Wohl eines Schützlings gefährdet ist, bewegen sich bei dieser Frage auf schmalem Grat: Sie müssen das Recht der Kinder auf körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit im Blick haben, aber auch die Rechte der Erziehungsberechtigten.

Dass die Verunsicherung über die richtige Einschätzung und der Informationsbedarf über angemessenes Vorgehen groß sind, merkt das Team der Koordinationsstelle Kinderschutz am Ludwigsburger Landratsamt ganz konkret: Auf seine dieses Jahr angebotenen acht Grundlagenseminare für Kita-Personal, Schulsozialarbeiter und Beschäftigte der offenen Kinder- und Jugendarbeit gab es einen regelrechten Run, sie waren im Handumdrehen ausgebucht. 140 Anmeldungen kamen nicht zum Zuge. Dabei war die Zahl der Seminare ohnehin schon aufgestockt worden. Die Nachfrage sei aber immer hoch gewesen, sagt der Landratsamt-Sprecher Andreas Fritz. Ein signifikanter Anstieg an Anfragen im zeitlichen Zusammenhang mit Missbrauchsfällen wie in Schwieberdingen oder Staufen sei nicht erkennbar.

Fast 550 Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung mussten 2017 geprüft werden

Einen Anspruch auf diese Seminare gibt es ohnehin nicht. „Wir sind einer der wenigen Kreise überhaupt, die solche Schulungen kostenfrei anbieten“, merkt Fritz an. „Wir versprechen uns davon, im Kreis mit einer einheitliche Sprache im Kinderschutz sprechen zu können.“ In erster Linie müssen Träger ihre Mitarbeiter aber selbst schulen, um ihrem Schutzauftrag nachkommen zu können: Das regelt ein Vertrag mit dem Landratsamt. „Ohne diese Vereinbarung bekommen sie keine Betriebserlaubnis“, sagt der Pressesprecher. „Wir halten es für unabdingbar, dass innerhalb der Teams in den Einrichtungen eine Auseinandersetzung mit dem Thema Kinderschutz erfolgt, um einheitliche Standards zu haben und um im Akutfall handlungsfähig zu sein.“ Einzelne Kommunen und freie Träger schulen ihre Mitarbeiter fast komplett eigenständig, andere lassen fast ausschließlich durch das Landratsamt schulen. Das Amt versucht bei der Platzvergabe, dass alle anfragenden Einrichtungen zumindest mit einer Anmeldung berücksichtigt werden können und die Erkenntnisse aus den Seminaren dann nach dem Multiplikatorenprinzip in den Einrichtungen weitergetragen werden.

b>Von der Erziehungshilfe bis zur außerfamiliären Unterbringung

Ob nun Schulung innerhalb oder außerhalb des Landratsamtes: Die Zahl der Hinweise auf mögliche Kindswohlgefährdungen, die bei den Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes landen, hat sich zuletzt deutlich erhöht. 542-mal waren sie voriges Jahr gefragt, eine Gefährdungseinschätzung zu treffen. 2016 waren es 495, das Jahr zuvor 381 zu überprüfende Fälle gewesen. Immerhin hat sich aber nicht jeder Verdacht bewahrheitet. In den Fällen, in denen ein Eingreifen nötig war, reichte die Palette von der ambulanten Erziehungshilfe bis zu dem Punkt, dass das Kind aus der Familie genommen und untergebracht wurde.

Die Hinweise auf die vermeintlichen oder tatsächlichen Kindeswohlgefährdungen kamen 2017 in 116 Fällen von Nachbarn oder anonymen Informanten. 58-mal erreichten die Behörde Meldungen durch die Schule, 24-mal schlugen Kindertageseinrichtungen Alarm. In 28 Fällen meldeten sich Eltern selbst, in 26 Fällen die Verwandtschaft. Auch die Polizei selbst informierte das Jugendamt oft.

Fachberatung ist gefragt

Bei der Frage, ob ein Verdacht begründet ist, stehen den Pädagogen in Kitas, Schulen oder offener Kinder- und Jugendarbeit, aber zum Beispiel auch Hebammen, Ärzten, Vereinen oder Sozialdiensten seit einigen Jahren Berater von außen zur Verfügung. Im Fachterminus heißen sie „Insoweit erfahrene Fachkräfte“. Im Kreis Ludwigsburg sind das elf speziell qualifizierte Pädagogen und Sozialarbeiter, die bei den Jugendhilfeträgern angestellt sind und in Verdachtsfällen binnen Wochenfrist in die Beratungsphase einsteigen können. Falls das nicht mehr gewährleistet werden kann, sollen weitere derartige Fachkräfte angeworben werden, sagt Andreas Fritz. Ihr Rat ist jedenfalls gefragt: 2010 wurde ihre Hilfe noch 21-mal in Anspruch genommen, vergangenes Jahr bereits 138-mal – vor allen aus der Kindertagesbetreuung, aus Schulen und von Schulsozialarbeitern kamen die Bitten um Unterstützung.

In Sachen Schulungen will das Landratsamt angesichts des Ansturms nun nachjustieren: Dieses Jahr sollen zwei Zusatzveranstaltungen auf die Beine gestellt werden, für 2019 sind gleich zwölf Grundlagenseminare geplant. Dafür wird mit Zustimmung des Jugendhilfeausschusses die Budgetdeckelung aufgehoben. Bei den entsprechenden Aufbauseminaren kann der Bedarf derzeit noch gedeckt werden.

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