Kremlchef Putin empfängt Nordkoreas Diktator Kim Jong Un – und verbrüdert sich mit dem Geächteten. Eine provokative Geste an die Welt. Das Thema Rüstungskooperation ist offiziell keines – dabei dürfte es nicht zuletzt um Waffen gegangen sein.
Wie alte Freunde standen sie da: Kim Jong Un, Nordkoreas Diktator, und Wladimir Putin, Russlands autoritärer Präsident. Am ostrussischen Weltraumbahnhof Wostotschny schüttelten sie Hände, machten einander große Zusicherungen. „Beziehungen mit Russland sind die oberste Priorität für Pjöngjang“, betonte Kim, nachdem er 20 Stunden in seinem abgesicherten Spezialzug ins nördliche Nachbarland gefahren war – seine erste Auslandsreise nach vier Jahren. Dort verkündete Putin dann, mit Kim werde er „alle Themen“ besprechen.
Für seinen „Ehrengast“ ließ der Kremlchef, 8000 Kilometer von Moskau entfernt, buchstäblich einiges auffahren: zuerst die Angara-Rakete mit ihren acht Meter Durchmesser und die Konstruktion eines Sojus-2-Raketenträgers, dann ein Sieben-Gänge-Menü samt Pelmeni mit Kamtschatka-Krabbe, Stör mit Pilzen und Kartoffeln sowie Sanddorn-Sorbet. Auf dem Weltraumbahnhof führte Putin den weltweit geächteten Diktator durch die Hallen, sichtlich erfreut über dessen Interesse für Satellitentechnik. „Lieber ein alter Freund als zwei neue, wie man bei uns im Volk sagt“, sagte Putin später beim gemeinsamen Mittagessen und hob sein Rotweinglas.
40 Sekunden lang Hände schütteln
Kim hatte am Morgen geschmeichelt: „Wir haben immer die Entscheidungen von Präsident Putin und der russischen Regierung unterstützt – und unterstützen sie auch weiterhin. Ich hoffe, wir werden im Kampf gegen den Imperialismus immer Seite an Seite sein. Russland wird einen großen Sieg über das angesammelte Böse erringen“, sagte der Gewaltherrscher aus Pjöngjang. Das russische Staatsfernsehen übertrug das Treffen in Sowjetästhetik und feiert den „Gipfel“ als große Errungenschaft.
Mehr als zwei Stunden sprach Putin mit Kim in Russlands modernstem Kosmodrom. Es war eine provokative Geste, dem Nordkoreaner genau hier demonstrativ gut gelaunt die Hand zu schütteln – 40 Sekunden lang. Russland ist als Vetomacht beteiligt an den UN-Sanktionen gegen Nordkorea, wonach das Kim-Regime weder Waffen exportieren noch Raketentechnologie importieren dürfte. Beim Treffen am Amur dürfte es auch darum gegangen sein.
Moskau braucht Waffen für den Ukraine-Krieg, Pjöngjang will weiter an seinen Raketen tüfteln und benötigt Technik dafür. Und es muss die darniederliegende Volkswirtschaft stärken. Als wollte es sein Potenzial demonstrieren, hatte das Kim-Regime in der Nacht zu Mittwoch zwei ballistische Raketen in Richtung Japan geschossen.
Die Zusammensetzung der russischen Delegation zeigte, welche Themen den Russen wichtig sind. Außenminister Sergej Lawrow war genauso zugegen wie Verteidigungsminister Sergej Schoigu, zudem die Zuständigen für Industrie und Handel, für die Außenwirtschaft und Infrastrukturprojekte. Die Anwesenheit Schoigus spricht dafür, dass Moskau die militärische Zusammenarbeit sucht. Auch Kim wurde von hohen Offiziellen des Militärs begleitet.
Die U-Boote könnten die US-Küste ohne aufzutanken erreichen
Pjöngjang stellt viel Artilleriemunition und Raketen her und hat zudem noch sowjetisches Material in seinen Lagerbeständen. Zudem werden Einsätze nordkoreanischer Soldaten immer wieder ins Spiel gebracht. „Russland könnte eine größere Zahl Granaten der Kaliber 122 und 152 Millimeter oder Teile der sowjetischen Panzer T-52 und T-62 kaufen“, sagt Vladimir Tikhonov, Professor für Koreanistik an der Universität Oslo und Experte für Nordkorea und die Sowjetunion. „Nordkorea produziert all diese Dinge in großen Mengen.“ Über die Preise könne man nur spekulieren, so Tikhonov, aber für Nordkorea, dessen Gesamtexporte im Jahr 2022 bei 304 Millionen US-Dollar (gut 280 Millionen Euro) lagen, wäre ein Waffendeal auf jeden Fall ein großes Geschäft.
Kim Jong Un könnte sich zudem erhoffen, russische Unterstützung beim Aufbau seiner U-Boot-Flotte zu sichern. „Nordkorea wünscht sich wohl, Atom-U-Boote zu haben“, so Tikhonov. Zwar wurde erst vergangene Woche ein solches präsentiert. Allerdings sollen nun möglichst viele der bis zu 86 U-Boote, über die Nordkorea laut dem US-Thinktank Nuclear Threat Initiative verfügt, entsprechend aufgerüstet werden. Die U-Boote könnten die US-amerikanische Küste erreichen, ohne auftanken zu müssen.
Das Thema Rüstungskooperation aber brachten beide Herrscher nicht zur Sprache. Ohnehin hätte Peking bei der Annäherung der beiden Regime wohl einiges mitzureden. Welche Rolle China bei einer möglichen militärischen Kooperation spielt, ob es gemeinsame Manöver abhielte und an einer gemeinsamen Strategie der Dreierallianz beteiligt wäre, ist unklar.
Auch Hilfe bei Satellitentechnologie ist wohl auf Pjöngjangs Wunschliste. Zuletzt hatte Nordkorea zweimal versucht, einen Satelliten in die Erdumlaufbahn zu bringen, ist allerdings gescheitert. Staaten wie Südkorea oder die USA fürchten, dass es sich um ein Spionageprojekt handelt. Dass der Besuch in Russland nun auf einem Weltraumhafen begonnen hat, deutet an: Russland und Nordkorea wollen auf diesem Gebiet kooperieren.
Nordkoreas Volkswirtschaft leidet seit Jahren unter UN-Sanktionen
Und wohl nicht nur hier. „Falls ein Deal landwirtschaftliche Güter und Lebensmittel beinhaltet, wird das Leiden der Bevölkerung in Nordkorea gemindert“, sagt Park Sangin, Wirtschaftsprofessor an der Seoul National University. „Dies gäbe Nordkoreas Führung Zeit zum Durchatmen.“ Schließlich leidet Nordkoreas Volkswirtschaft seit Jahren unter den UN-Sanktionen. Mit der Pandemie wurden auch die Grenzen zu den wohlgesinnten Nachbarn China und Russland geschlossen und erst vor Kurzem wieder geöffnet. Die Ernährungslage im Land ist laut UN höchst angespannt.
Kim machte sich derweil auf den Weg nach Wladiwostok, wo Putin beim Wirtschaftsforum einen Tag zuvor betont hatte, wie Russland prosperiere. Nordkoreas Machthaber, so hieß es, werde auf dem Weg einen Zwischenstopp einlegen und in der Industriestadt Komsomolsk einige Fabriken anschauen. In der Stadt werden Objekte für zivile und militärische Luftfahrt produziert. „Danke Kim!“, schrieben Stadtbewohner in den sozialen Netzwerken. „Endlich werden hier die Straßen gemacht. Selbst Bushaltestellen werden geputzt. Danke!“