Sandwesten wie diese der Firma Beluga Healthcare werden in Schulen und in pädiatrischen Abteilungen von Krankenhäusern zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Foto: Beluga Healthcare

Sie wiegen zwischen 1,2 und sechs Kilo, kommen in rund 200 Schulen in Deutschland zum Einsatz und sind nicht unumstritten. Sandwesten. Wir sprachen mit Beluga Healthcare, einem Hersteller dieses therapeutischen Hilfsmittels.

Stuttgart - Viele Schüler können einfach nicht mehr still sitzen. Sie zappeln auf dem Stuhl, stören den Unterricht, nerven Mitschüler und Lehrer. Solche agilen und unruhigen Schüler, die wie ADHS-Kinder an Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungstörungen leiden, in die Klasse zu integrieren, ist ein großes pädagogisches Problem. Um sie in ihrem Bewegungsdrang zu bremsen und ihre Konzentrations zu fördern, tragen einige von ihnen eine kiloschwere Weste, die mit Sand gefüllt ist.

Sandwesten wiegen bis zu fünf Kilo

„Die Westen sind bei den Kindern total beliebt, und es wird niemand gegen seinen Willen hineingezwängt“, erklärt die Lehrerin Gerhild de Wall, Leiterin der Abteilung Inklusion an der Schule Grumbrechtstraße in Hamburg-Harburg in einem „Spiegel“-Interview.

Diese „ungewöhnliche Maßnahme“, wie das Magazin sie nennt, hat für Unverständnis und Kritik gesorgt. So lehnt Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer den Einsatz der 1,2 bis sechs Kilogramm schweren Sandwesten ab. „Ich betrachte deren Einsatz äußerst kritisch“, sagte die FDP-Politikerin. Es lägen keine gesicherten Erkenntnisse und Studien über deren Wirksamkeit vor.

„Haben die noch alle Tassen im Schrank?“

Wir sprachen mit Silke Turley, Marketing-Leiterin der Firma Beluga Healthcare in Windhagen (Rheinland-Pfalz), welche die Sandwesten seit 15 Jahren herstellt und zu therapeutischen Zwecken an Schulen (rund 200 in Deutschland) und Krankenhäuser (beispielsweise die Pädiatrie des Stuttgarter Klinikums) in mehreren europäischen Ländern vertreibt.

Frau Turley, in schulischen Einrichtungen wie der Schule Grumbrechtstraße in Hamburg-Harburg tragen Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsstörungen wie ADHS kiloschwere Sandwesten, damit sie im Unterricht nicht mehr zappeln. Die Firma Beluga in Windhagen hat neben Taucheranzügen auch diese Westen im Angebot. Als pädagogische Maßnahme hört sich das erst mal kurios an.
Wenn ich als Eltern noch nie etwas von Sandwesten gehört habe, würde ich bei der Überschrift „Sechs Kilo auf kleine Kinder“ auch denken: „Haben die noch alle Tassen im Schrank?“ Es ist richtig und wichtig, dass wir die Diskussion jetzt führen, warum so viele Kinder Sandwesten brauchen. Wichtig ist aber auch sich im Vorfeld zu informieren. Die Gewichte sind an das Alter und den Muskeltonus der Kinder angepasst. Kein Grundschulkind trägt eine schwere Weste von 3,5 Kilogramm.
Eine Zeitung kommentiert: „Sandwesten sind kein Ersatz für Pädagogik.“ Kriegen ihre therapeutischen Westen jetzt die Prügel ab für die Schattenseiten unseres Schulsystems?
Wir sehen die Diskussion in den Medien durchaus kritisch. Wir stellen seit circa 15 Jahren Sandwesten für therapeutische Zwecke her. Sie sind ein Baustein im Rahmen einer Behandlung und Betreuung von Kindern und Erwachsene mit Eigenwahrnehmungsstörungen. Dazu gehören Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), aber auch Autisten und Demenzerkrankte. Daneben gibt es viele weitere Therapien und Verhaltensformen. Auch die richtige Ernährung und Bindung sind wichtig.
In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Fachbegriff Sensorische Integration. Was versteht man darunter?
Es gibt immer mehr Kinder mit Problemen in der Wahrnehmungs- und Bewegungsentwicklung. Sensorische Integration ist ein anderes Wort für die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen – Hörsinn, Tastsinn, Sehsinn und so weiter. Die Sensorische Integrationstherapie will etwa ADHS-Kindern dabei helfen, ihre Wahrnehmungen und Bewegungen besser zu koordinieren.
Sandwesten für Zappel-Phillips: Eine solche Überschrift kann man in den falschen Hals bekommen . . .
Das Missverständnis ist tatsächlich sehr groß. Viele glauben, dass durch die Weste das Kind ruhig gestellt wird, weil es durch den Sand so viel Gewicht auf sich hat. Nicht die Weste beruhigt das Kind, das Kind selbst kommt zur Ruhe, weil es sich selbst besser wahrnimmt. Die Schulen, die wir in Deutschland, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und in Skandinavien beliefern, sind Einrichtungen mit einem therapeutischen Schwerpunkt.
Mit Inklusionsklassen.
Genau, Klassen mit einem Förderschwerpunkt. An der Aufregung um die Sandwesten kann man sehr gut sehen, was für ein zartes Pflänzchen das Thema Inklusion in den Schulen immer noch ist. Dass man sich über ein solch einfaches Hilfsmittel so aufregt, ist schon bemerkenswert.
Wie viele Schulen beliefern sie?
In Deutschland sind es alleine rund 200 Schulen, darunter auch in Baden-Württemberg. Unsere Sandwesten werden beispielsweise in der Pädiatrie des Klinikums Stuttgart eingesetzt.
Wenn man zum ersten Mal vom Einsatz der Sandwesten in Schulen liest, denkt man an die alte autoritäre, sogenannte schwarze Pädagogik mit Rohrstock, in der Ecke-Stehen und Strafarbeiten.
Damit hat es überhaupt nichts zu tun. Das Tragen der Westen ist für die Kinder völlig freiwillig. Es ist ein großes Missverständnis, so als ob Pädagogen die Kinder damit bestrafen würden. Ganz im Gegenteil. Die Kinder haben einen großen Leidensdruck, weil sie sich selber nicht spüren. Sie wollen sich konzentrieren und genauso sein wie alle anderen Kinder. Die Sandweste kann ihnen dabei helfen.
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