Präzisionsarbeit in der Werkstatt der Firma Kiess Innenausbau am Rand des Gewerbegebiets Schelmenwasen. Foto: Kiess Innenausbau/z

Erst bremst die Pandemie weite Teile der Industrie auf nahezu Null ab, dann verursacht ein Feuer hohen Schaden, und nun drückt die Inflation den Konsum. Die Firma Kiess hat es zuletzt nicht leicht gehabt – und dennoch jeder Krise getrotzt.

Die Flure im Büro der Firma Kiess sind mit Malervlies abgedeckt. Viele Platten der abgehängten Zwischendecke fehlen, sodass die Kabel herausschauen. „Wir mussten wegen des Brandes alles sanieren“, erklärt der Geschäftsführer Tilo Kiess. In der Schreinerei an der Heigelinstraße im Gewerbegebiet Fasanenhof hatte es in der Nacht zum 13. April 2022 gebrannt. Das Feuer war im Untergeschoss ausgebrochen, das gesamte Gebäude war stark verraucht. Auslöser für den Brand war wohl ein technisches Gerät. Der Sachschaden war immens, der Betrieb eine Woche lang geschlossen. So lange haben die nötigsten Aufräumarbeiten gedauert.

 

Dann ging es wieder schnell weiter – wenn auch unter deutlich erschwerten Bedingungen. Doch vielen potenziellen Kunden sei das gar nicht bewusst gewesen. Tilo Kiess geht davon aus, dass so mögliche Aufträge weggebrochen sind. „Die dachten, dort hat es gebrannt, da brauchen wir jetzt gar nicht anzufragen.“ Dadurch sei ein monetärer Schaden entstanden, der von der Versicherung natürlich nicht ausgeglichen werden könne.

Während der Pandemie produzierte die Firma Spuckschutz

Nach den Corona-Lockdowns, den im Jahr 2021 immens gestiegenen Holzpreisen, anhaltenden Lieferschwierigkeiten bei vielen Materialien und der aktuell hohen Inflationsrate war der Brand ein weiterer Rückschlag für den Möhringer Traditionsbetrieb.

„Die Pandemie hat uns schwer getroffen“, sagt der Geschäftsführer Wolfgang Rosskopf. Die Industrie sei von einem Tag auf den anderen heruntergefahren worden. Fertige Aufträge habe man nicht mehr ausliefern können, neue Aufträge seien kaum noch reingekommen. „Wir mussten in Kurzarbeit gehen und Coronahilfen beantragen“, sagt Tilo Kiess. Er und sein Team waren findig und schwenkten auf die Produktion von Acrylglas-Konstruktion als Spuckschutz um, was damals immens nachgefragt war. Doch bald schon war auf dem Markt kaum noch Acrylglas zu bekommen.

Viele Materialien sind noch immer teuer und schwer zu bekommen

Das bestimmte Materialien nicht verfügbar sind, hält bis heute an. Und wenn sie verfügbar sind, dann auf einem durch Angebot und Nachfrage gesteuerten Markt logischerweise zu horrenden Preisen. Das betreffe viele Arten von Beschlägen, die in der Schreinerei Kiess verarbeitet werden, wie zum Beispiel Glas, Leder, Metall und Spiegel. „Wir können mittlerweile auch nicht mehr genau zuordnen, was genau die Gründe dafür sind“, sagt Tilo Kiess. Im vergangenen Jahr war aus diversen Gründen Holz knapp und teuer, unter anderem weil in der Pandemie viele mit dem Heimwerken begannen. Dann steckte ein Schiff im Suezkanal fest, und jetzt sind wegen des Ukraine-Kriegs nicht nur viele Menschenleben bedroht, sondern Produktionsstätten zerstört und Lieferwege gekappt.

Die Preissteigerungen während der Coronapandemie habe man bei Verträgen mit langen Laufzeiten nicht an die Kunden weitergeben können. Diesbezüglich sei die Situation jetzt wieder besser, „weil wir neu und anders kalkulieren können“, sagt Tilo Kiess. Die Auftragslage und damit die Auslastung des Betriebs sei kurzfristig gut. Insbesondere die öffentliche Hand baue viel, gerade in Schulen und Kindergarten. Auch am neuen Sportbad in Cannstatt war die Firma Kiess beteiligt. Der Messe-, Event- und Ladenbau habe wieder angezogen. „Wir versuchen, Aufträge möglichst schnell abzuarbeiten, um Preissteigerungen bei den Materialkosten zu vermeiden“, sagt Tilo Kiess. Doch letztlich sei das nicht immer so einfach. Denn bei vielen Komponenten, die der Betrieb fertig zukauft, zum Beispiel Türen, kommt es zu Lieferverzögerungen. „Auf allen Baustellen kommt es zu Verspätungen“, sagt Wolfgang Rosskopf. Für den Kunden sei es nicht immer leicht, das zu akzeptieren, aber letztlich habe er kaum eine Wahl.

Als Unternehmer müsse man optimistisch bleiben

In Richtung Herbst schaut er mit Sorge. Weniger wegen Corona und auch nicht unbedingt wegen der drohenden Gasknappheit. Denn die Schreinerei Kiess ist größtenteils unabhängig von Primärenergie. Sie verheizt in einem modernen Ofen ihre Holzabfälle und erzeugt so ausreichend Wärme. „Aber die Inflation werden wir zu spüren bekommen, der Konsum wird sinken, und da entstehen Kettenreaktionen.“ Die Krisen der vergangenen Jahre seien massiv und in immer dichter aufeinandergefolgt. „Wir müssen schauen, wie wir da durchkommen und uns unsere Flexibilität erhalten“, sagt Wolfgang Rosskopf und ergänzt mit einem Lächeln: „Als Unternehmer muss man Zweckoptimist sein.“

Traditionsbetrieb Kiess

Historie
Die Geschichte des Unternehmens Kiess beginnt 1912. Christian Günther gründete unter seinem Namen in Stuttgart-Möhringen eine Schreinerei. Alfred Kiess Senior übernahm diese, und sein Sohn, Alfred Kiess, trat 1962 in seine Fußstapfen. Früh erkannte er im hochwertigen Innenausbau einen prosperierenden Markt. 2005 übergab er die Geschäftsführung an seinen Sohn Tilo Kiess und an Wolfgang Rosskopf. Heute ist Kiess unter anderem in den Bereichen Innenausbau, Aufzugausbau, Messebau und Sicherheit tätig.

Auszeichnungen
Die Firma Kiess Innenausbau ist in den vergangenen Jahren mehrfach ausgezeichnet worden. 2021 belegte sie den zweiten Platz beim Nobis-Arbeitsschutzpreis, 2020 gewinnt sie den Umweltpreis Baden-Württemberg. Zudem ist Kiess ein „ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb“. atz