Jedes Frühjahr richtet sich der Blick von Vogelkundlern auf bestimmte Kiebitz-Brutgebiete im Kreis Böblingen. Die traurige Nachricht: Dieses Jahr wird es weniger Nachwuchs geben.
Offene Bodenstrukturen rund um flache Wasserstellen, die passende Witterung, ein optimales Weidemanagement mit Kühen, um die Vegetation kurz zu halten, und ausreichend Schutz vor Fressfeinden – viele Faktoren müssen passen, damit Kiebitze in der Krebsbachaue im Gärtringer Teilort Rohrau, im Holzgerlinger Maurener Tal und im Nufringer Ried brüten und die Jungvögel auch tatsächlich flügge werden. Um die Vögel vor Füchsen möglichst gut zu schützen, sind die Hauptbrutzonen in allen drei Gebieten umzäunt. Dass dieser Schutz nicht 100-prozentig ist, zeigte sich 2023 und 2025, als ein Fuchs in Rohrau in die Fläche eindrang. In Folge wurde dort der Zaunbau optimiert.
Besonders auf dem Rohrauer Gebiet liegt ein großes Augenmerk, wie Claus-Jürgen Vowinkel, der für Vögel zuständige Artenschutzreferent im Regierungspräsidium Stuttgart auf Nachfrage betont: „Das vom Kiebitz in der Krebsbachaue besiedelte Gebiet weist gemessen an seiner relativ geringen Flächengröße die größte Brutpopulation im Regierungsbezirk auf und nimmt sowohl für die angrenzenden Gebiete im Kreis Böblingen, aber auch dem im Landkreis Tübingen gelegenen Ammertal eine wichtige Funktion als Spenderpopulation ein, zeigt aber in den letzten Jahren einen leider abnehmenden Bestandstrend“, so der Experte, der sich als Biologie im Fach Zoologie auf das Spezialgebiet Ökologie konzentriert und darin auch promoviert hat.
Lediglich zehn Brutpaare wurden zu Beginn der Brutsaison gezählt
Daraus, dass es in diesem Jahr einen unterdurchschnittlichen Bruterfolg geben wird, machten Bürgermeister Thomas Riesch, der promovierten Biologe Jürgen Deuschle, Inhaber eines Büros für Tier- und Landschaftsökologie, und Landschaftsarchitekt Werner Strunk bei einem jüngst stattgefundenen Ortstermin keinen Hehl. Auffallend sei bereits gewesen, dass zu Beginn der Brutsaison lediglich zehn Brutpaare angetroffen wurden und damit deutlich weniger als in den vorangegangenen Jahren, als es teilweise doppelt so viele waren, berichteten die Projekt-Verantwortlichen. Zwei bis drei Jungtiere hätten sie bisher gezählt, aber noch Hoffnung auf weiteren Nachwuchs, weil es sechs Nachbruten gibt. Diese Gelege würden, sofern es die Altvögel tolerieren, zusätzlich mit Nestschutzkörben geschützt. Dies geschehe auch, weil die Verantwortlichen den Verdacht hegen, dass ein mit Wildtierkamera im Gebiet beobachteter Uhu dafür verantwortlich sein könnte, dass es so wenige Jungvögel gibt. Zum Zeitpunkt des Nachweises Anfang April habe er jedoch keine räumliche Verlagerung oder Flucht der Weibchen gesehen, berichtet Vowinkel von eigenen Beobachtungen.
Gefahr aus der Luft gibt es jedoch – und zwar ganz konkret im Nufringer Ried durch einen Mäusebussard. Der Beutegreifer sei erstmals 2025 bei der gezielten Jagd auf Kiebitz-Küken beobachtet worden, berichtet Ulrike Kuhn, Sprecherin der Nabu-Ortsgruppe Gärtringen-Herrenberg-Nufringen, bei einem Telefonat: Von den sechs erfolgreichen Bruten mit mindestens 18 Jungen habe der Prädator „fast alle“ geholt. Und auch in diesem Jahr zeige sich ein ähnliches Bild, allerdings mit der Ausgangslage, dass es überhaupt nur zwei Brutpaare und nun eine Nachbrut gebe. Und das, obwohl die Tierschützer mit behördlicher Genehmigung Abwehrspikes unter anderem auf einem Strommast anbringen durften, um Ansitzwarten des Lauerjägers zu vergrämen.
Kiebitze brauchen flache Wasserstellen und eine kurze Vegetation
Kiebitze verteidigen zumindest tagsüber Angriffe aus der Luft, indem sie gemeinsam aufsteigen und Beutegreifer – auch Rotmilane – so zum Abdrehen zwingen. Effektiv sei dies aber erst möglich, wenn mindestens zehn bis 15 Brutpaare zu einer Kolonie gehören, berichtet Vowinkel von bundesweiten Erfahrungen.
Ebenso essenziell dafür, dass die Vögel zum Brüten kommen, ist die entsprechende Habitatstruktur mit offenen Bodenflächen und sogenannten Blänken, also flachen Wasserstellen, die möglichst während der gesamten Zeit der Jungenaufzucht mit Wasser gefüllt sind, sowie möglichst kurzer Vegetation. Für letzteres sorgen in den drei Gebieten überall auch Kühe. In Gärtringen und Holzgerlingen kamen aber auch erneut Maschinen zum Einsatz, während die zuständige Behörde im Nufringer Ried zum Bedauern von Ulrike Kuhn in diesem Jahr keine maschinelle Bodenbearbeitung erlaubte. So wurden in Holzgerlingen im Frühjahr „die Blänken wieder ausgehoben und mit Wasser gefüllt – wohl sehr zum Gefallen des Kiebitzes: Aktuell haben sich mindestens sechs dieser Vögel wieder im Holzgerlinger Habitat niedergelassen“, informiert Dirk Hamann, der Pressesprecher der Stadt. 2025 seien fünf brütende Weibchen mit mindestens sechs Küken gesichtet worden.
Kiebitze unter Druck
Aussehen
Die etwa taubengroßen Vögel, die zur Art der Regenpfeifer gehören, haben ein markantes Gefieder: Die schwarze Rückenpartie glänzt im Licht metallisch grün oder violett. Der Bauch ist weiß mit einem scharf abgegrenzten schwarzen Brustband. Auffällig am weißen Kopf mit schwarzer Stirn: der auch Holle genannte spitz zulaufende schwarze Federschopf am Hinterkopf.
Bestand
Vor allem der Verlust an ihrem bevorzugten Lebensraum – Landschaften mit offenen Bodenstellen und flachen Tümpeln – macht dem Bodenbrüter zu schaffen. Laut Zahlen des Nabu gab es in Baden-Württemberg um 1996 noch schätzungsweise 4000 bis 5000 Brutpaare. 20 Jahre später war der Bestand auf 300 bis 400 gesunken.
Zielart
Für Projekte zur Steigerung der Biodiversität durch die Wiederherstellung verlorener Lebensräume wird oftmals eine Tierart stellvertretend für weitere in den Vordergrund gestellt. So profitieren durch den Schutz des Kiebitzes weitere stark gefährdete Arten des Offenlands wie Rebhuhn, Braunkehlchen und viele Amphibienarten. Die Wildkatze ist ein anderes Beispiel für solch eine Zielart, unter anderem beim BUND-Projekt „Wildkatzensprung“ auf Nufringer und Herrenberger Gemarkung, bei dem durch sogenannte „Trittsteinbiotope“ scheuen Wildtieren das Wandern zwischen Waldgebieten wieder ermöglicht wird.