Andreas Heydt und Kai Völschow (rechts) gehen seit 37 Jahren zusammen ins Stadion. Foto: Sabrina Höbel

Ob mit Regen, Schnee oder gefrorenem Bierschaum: Wenn die Stuttgarter Kickers spielen, dann ist einer sicher dabei auf der Waldau in Stuttgart-Degerloch. Kai Völschow geht bei jedem Wetter ins Stadion.

Degerloch - Die Temperaturen in Degerloch sind knapp über dem Gefrierpunkt. Stuttgart ist von Schnee bedeckt, und es geht ein strammer Wind. Auch auf dem Spielfeld des Gazi-Stadions auf der Waldau ist eine dünne Schneedecke zu sehen, die Geländer der Stehtribünen sind vereist. Kai Völschow und die anderen Fans stört das nicht. Sie klatschen sich ab und blicken freudig auf das Spielfeld, als die Stuttgarter Kickers ihr erstes Tor in der Partie gegen Eintracht Stadtallendorf schießen. Wenn Völschows Lieblingsmannschaft spielt, findet man ihn im Stadion – egal bei welchem Wetter.

Für das letzte Spiel der Stuttgarter Kickers vor der Winterpause hat Völschow sich dick eingepackt. Er trägt eine gefütterte Jacke, Handschuhe, dicke Stiefel und – wie sollte es anders sein – einen blau-weißen Fanschal. Als Kind radelte er von Möhringen aus zu den Spielen. Gemeinsam mit seinem Freund Andreas Heydt ging er 1980 das erste Mal ins Stadion. Die zwei waren damals zehn Jahre alt, heute findet man sie immer noch zusammen auf der Tribüne.

Den Kai kennen alle

„Je besser das Spiel ist, desto weniger merkt man die Kälte“, sagt der 48-Jährige. „Mir ist erst wirklich kalt, wenn ich nach dem Glühwein frage.“ So weit kommt es an jenem Samstag nicht, stattdessen gibt es Bier. Am Stand „beim Schmidti“ trifft der Fan viele bekannte Gesichter. Hier sind alle per Du, eine eingeschworene Fan-Familie. „Beim Fußball ist es egal, welche Farbe, Ansicht oder welchen Geldbeutel man hat“, sagt Völschow. Diese Gemeinschaft sei für ihn fast noch wichtiger als das eigentliche Spiel. So familiär sei es anderswo nicht. Im Gazi-Stadion ist Völschow ein bunter Hund. Schon lange ist er nicht mehr nur Fan. Rund neun Jahre saß er im Aufsichtsrat der Stuttgarter Kickers, später arbeitete er in der Geschäftsstelle und war Teil der Sicherheitskommission des DFB. Seit Februar ist Völschow, der in Filderstadt lebt, Teil des Fanprojekts Stuttgart, einer Anlaufstelle für junge Fußballfans. Für das Projekt ist er bei allen Kickersspielen als Ansprechpartner dabei. „Den Kai“ kennen dort alle.

Gegen Kälte hat jeder sein eigenes Rezept

Der Fanblock der Blauen ist an jenem Samstag gut gefüllt, auch die Anhänger vom Gegner im Gästeblock machen Lärm. Rund 11 500 Zuschauer passen in das Gazi-Stadion, lediglich 2300 sind an diesem Spieltag da. „Einige Hundert sind sicher wegen der Kälte nicht gekommen“, meint Völschow. Er und seine Kumpels stehen am liebsten im Block G, hinter dem Tor, wo es ein wenig ruhiger zugeht. Während des Spiels werden Witze gemacht, einige Becher Bier geholt und viele Male ein lang gezogenes „SVK!“ mit dem Fanblock um die Wette gegrölt. Am Ende der ersten Halbzeit steht es 1:0 für die Kickers.

Gegen die Kälte hat jeder Fan sein eigenes Rezept. Einer schwört auf lange Unterhosen und eine Felljacke, für den anderen ist jede Temperatur recht, solange er keinen Schneeregen im Gesicht hat. Ein dritter Zuschauer trägt aus Prinzip nur Turnschuhe im Stadion. Wegen schlechten Wetters ein Spiel zu verpassen, kommt für keinen infrage. An sein bisher kältestes Spiel erinnert Völschow sich noch genau. Bei minus 16 Grad stand er damals in Kiel im Stadion, eine Hand in der Jackentasche, eine in einem Handschuh, den er von einem Kumpel ausgeliehen hatte. Der Ostseewind sei damals so kalt gewesen, dass sogar der Bierschaum einfror.

Fan von der Wiege bis zur Bahre

Kaum hat die zweite Halbzeit begonnen, fällt das nächste Tor für die Stuttgarter Kickers. Nur 15 Minuten später trübt das erste Gegentor die Euphorie der Anhänger. „Mist“, murmelt Völschow plötzlich ganz nervös. Am Ende steht es unentschieden, zwei zu zwei. Völschow wäre lieber mit einem Sieg in die Winterpause gestartet. Allzu lange kann er seinen Jungs aber nicht böse sein: „Das ist, wie wenn deine große Liebe dich enttäuscht. Drei Tage später ist eh alles wieder vergessen.“ In seinen Jahren als Fan hat er die Kickers schon in verschiedenen Ligen erlebt. Ob sie in der ersten oder, wie gerade, in der Regionalliga kicken, sei zweitrangig.

Anfang Februar werden die Blauen in Koblenz ihr erstes Spiel nach der Winterpause antreten. Nach aktuellen Wettervorhersagen kann es auch dann noch einstellige Temperaturen haben. Völschow wird trotzdem dabei sein. „Ein echter Fan begleitet seine Mannschaft von der Wiege bis zur Bahre“, sagt er und meint damit wohl auch: bei jedem Wind und Wetter.

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