Das neue Dashboard auf der RKH-Webseite soll Patienten an die richtige Stelle lotsen, um die Notaufnahmen zu entlasten. Foto: Simon Granville

Laut Geschäftsführer ist es ein einmaliges Projekt: Die RKH Kliniken mit Sitz in Ludwigsburg bieten ab Montag einen Symptom-Checker und eine eigene Help-Hotline an. Doch ist das wirklich sinnvoll, um Notaufnahmen zu entlasten?

Zweieinhalb Jahre hat die Regionale Kliniken Holding (RKH) an dem Projekt gearbeitet, jetzt geht es an den Start. Auf der Homepage der Krankenhausgruppe finden sich ab Montag ein Symptom-Selbsttest, eine Hotline zu Medizinern und eine Live-Info über die Wartezeiten in den Kliniken. Alles mit dem Ziel, Notaufnahmen zu entlasten. Der Verbraucherschutz begrüßt die Initiative.

 

Warum wurde das Projekt gestartet? Seit Jahren steigt die Zahl der Patienten in Notaufnahmen. Im Ludwigsburger Krankenhaus waren es 2014 beispielsweise 52 000, im vergangenen Jahr schon 57 000. Wartezeiten von vier Stunden sind mittlerweile Normalität. Aktuell stehen die Notaufnahmen zudem vor einer weiteren Herausforderung. Wegen der sogenannten Notbremse der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW), wurden die Öffnungszeiten vieler Notfallpraxen gekürzt, andere wurden komplett geschlossen. Alleine das führte in den vergangenen Monaten teilweise zu einem Anstieg an Notaufnahme-Patienten von 15 Prozent.

Das große Ärgernis für die Kliniken: 30 bis 40 Prozent der Notaufnahme-Patienten sollten dort gar nicht aufkreuzen, sondern ihre Krankheit von ihrem Hausarzt behandeln lassen. „Die Leute sollen sich hinterfragen, ob sie wirklich in die Notaufnahme müssen“, sagt RKH-Geschäftsführer Jörg Martin. „Damit wir uns auf die wirklich schweren Fälle konzentrieren können.“

Was bietet mir die RKH genau? Um die Notaufnahme zu entlasten, wird die RKH auf ihrer Webseite ein sogenanntes Dashboard veröffentlichen, auf dem unter anderem die Wartezeiten der verschiedenen Notaufnahmen zu sehen sind. Diese Anzeige soll informieren, Patienten mit milderen Leiden aber auch abschrecken, sagt Martin.

So wird das neue Dashboard aussehen. /RKH

Interessanter sind jedoch zwei andere Anwendungen des Dashboards. Erstens ein Symptom-Check, bei der eine KI-basierte Software den Patienten befragt und im Anschluss eine erste Einschätzung zur Erkrankung und zur Dringlichkeit liefert. Ein Check dauert fünf bis zehn Minuten und konfrontiert die Patienten mit detaillierten und teils überraschenden Fragen. Beim Thema Halsschmerz und Schluckbeschwerden fragt die Software beispielsweise, ob man Lymphknoten unter den Achseln erfühlen kann.

Die zweite bedeutende Anwendung ist die neue Care-Team-Hotline. Ab Montag können besorgte Patienten zwischen 6 und 23 Uhr telefonischen Rat bei medizinischen Fachkräften der Kliniken Holding einholen. Die Mediziner sollen die Erkrankten lotsen, eine erste Einschätzung und Vorschläge zur weiteren Behandlung geben. Die Telefondienste werden vor allem von Fachkräften übernommen, die aktuell in Teilzeit oder von zu Hause arbeiten – wie beispielsweise junge Eltern.

Ist das Angebot wirklich neu? Symptom-Checks gibt es seit Längerem, laut Bundesgesundheitsministerium hat sich deren Nutzerzahl in wenigen Jahren verdoppelt. Relativ neu ist jedoch, dass ein Krankenhausträger diesen Service aktiv anbietet, um so seine Notaufnahmen zu entlasten. Die Berliner Charité hat den Einsatz von Symptom-Checker vor zwei Jahren getestet, die Sana Kliniken bieten diese bereits auf ihrer Webseite an.

Eine eigene Help-Hotline eines Krankenhauses ist laut Jörg Martin in Deutschland einmalig. Das Angebot ähnelt jedoch der Patientenhotline 116117 der Kassenärztlichen Vereinigung – diese Hotline steht wegen langer Wartezeiten immer wieder in der Kritik.

Wer wird das Angebot nutzen? „Wir rechnen erst einmal nicht mit einem großen Run“, gesteht Jörg Martin. Die Hotline werde deshalb vorerst nur mit ein bis zwei Personen besetzt. Es werde eine große Aufgabe der nächsten Monate, auf den Symptom-Checker und die Hotline des Care-Teams aufmerksam zu machen, sagt Martin. Die RKH setzt dabei auf Social-Media-Werbung, Google-Anzeigen, Suchmaschinenoptimierung sowie gedruckte Flyer.

„Das wird ein richtig dickes Brett“, schätzt Peter Grieble. Der Abteilungsleiter Gesundheit der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat Zweifel, dass Patienten in einem Notfall – gefühlt oder echt – zum Handy greifen und die RKH-Webseite aufrufen. Wer aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit auf den Geschmack gekommen sei, Notfallambulanzen aufzusuchen, werde das wohl auch in Zukunft tun, so Grieble.

Kann ich die Anwendungen bedenkenlos nutzen? Trotz der Zweifel an der Durchschlagskraft des Projektes begrüßt Verbraucherschützer Grieble das Projekt der RKH. Im Idealfall könne der Checker oder die Hotline Verbraucher beruhigen, Patienten an die richtige Stelle lotsen und Notaufnahmen entlasten.

Wichtig sei jedoch, dass Patienten ständig die Wahl zwischen KI-basierter Software und menschlicher Beratung hätten. Die Software müsse sauber funktionieren, qualifizierte Personen an der Hotline sitzen – zudem müsse die Nutzung der Angebote freiwillig sein. Patienten dürften nicht gezwungen werden, den Selbstcheck oder die Hotline zu nutzen, bevor sie Hilfe bekommen.