Von Luxburg spricht über den Nutzen und die Gefahren von KI. Moderiert haben die Elftklässlerinnen Sophia und Flora. Foto: /Stefanie Schlecht

Wird Künstliche Intelligenz (KI) unsere Jobs übernehmen? Oder wie reizvoll ist eine romantische Beziehung mit einer KI? Im Unterrieden-Gymnasium Maichingen gibt die Wissenschaftlerin Ulrike von Luxburg Antworten darauf – und auf die dystopische Frage, ob KI die Weltherrschaft übernehmen wird.

Was, wenn von Menschen programmierte Künstliche Intelligenz (KI) die Weltherrschaft übernimmt und wir diesem Umsturz machtlos zuschauen müssen, weil die KI uns überlegen ist? Ist dieses Ende der Menschheit möglich? Seit langem beschäftigen sich nicht nur Forscher mit der Frage, was KI zu leisten im Stande ist, welche Möglichkeiten noch ausgeschöpft werden könnten und wo möglicherweise die Grenzen ihres Handelns sein sollten.

 

Auch im Maichinger Unterrieden-Gymnasium schwirrt diese Dystopie mitunter durch die Köpfe. Aber nicht nur diese Frage scheint bei der Schülerschaft von Interesse zu sein, auch der Nutzen von einem vor allem bei Schülerinnen und Schülern beliebten KI-Tool sollte Thema bei der vierten Ausgabe der „Unterriedener Couchgespräche“ am Mittwochvormittag sein. Mit der Tübinger Mathematikerin Ulrike von Luxburg hat sich das Gymnasium eine auf dem Feld der KI renommierte Expertin eingeladen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die 49-Jährige mit maschinellem Lernen – der Disziplin der Informatik, die sich mit KI befasst.

Wie funktioniert eigentlich KI?

Um auch Informatik-Frischlingen das Prinzip von KI näherzubringen, brachte die Matheprofessorin einen Koffer voller Briefumschläge mit. Auf den Papieren in den Umschlägen sind mögliche Züge eines Spiels enthalten, das wir wohl alle mal in Momenten der Langeweile gespielt haben: Drei gewinnt. Das Match gegen eine Schülerin verlor der imaginäre Computer mit den Briefumschlägen. Zu zufällig und damit auch falsch die Vorschläge. Würden die Kuverts mit den fehlgeschlagenen Vorschlägen aussortiert, würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass der Koffer alias der Computer das richtige Papier vorlegt. „Das System würde lernen und nach vielleicht fünfhundert Versuchen gewinnen“, erklärt von Luxburg. Genauso funktioniere Künstliche Intelligenz.

Auch wenn in KI das Wort Intelligenz steckt, wirklich intelligent sei diese nicht, wie die Professorin klarstellt: „Eine KI ist immer nur so schlau, wie die Daten, die wir ihr geben. Sie agiert nur auf unser Zutun.“ Auf die Schülerfrage, warum sie diese nicht für intelligent hält, antwortet von Luxburg: „Intelligent wie ein Mensch, der mit dir ein Gespräch führen, der Gefühle zeigen kann und der weiß, dass er ein Mensch ist, ist eine KI nicht. Eine KI weiß nicht, was sie ist. Sie reproduziert Gelerntes – manches davon mittlerweile schon sehr gut.“ Damit spielt die Mathematikerin auf das Sprachprogramm „ChatGPT“ an. Eine Umfrage unter den Schülern zeigt, dass von Luxburg damit kein unbekanntes Tool anspricht. 83 Prozent haben das Text ausspuckende Tool schon mal für die Hausaufgaben verwendet, 91 Prozent in der Vorbereitung einer Klassenarbeit. Und 18 Prozent haben bei einer Klausur schon mal mithilfe von ChatGPT geschummelt.

Algorithmen begleiten uns jeden Tag

„Es ist wichtig, dass man die Funktionsweise von KI versteht. Man muss sie immer hinterfragen, denn nicht alles, was sie uns gibt, ist faktisch richtig, frei von diskriminierenden Aussagen oder politischer Meinungsmache“, sagt von Luxburg. Relevanz hat dieser Hinweis gerade in Zeiten, in denen soziale Netzwerke den Aufstieg demokratiefeindlicher Akteure begünstigen. „Algorithmen lernen aus Erfahrungen und unseren Daten. Wenn wir etwas zu einem Thema anschauen, sagt der Algorithmus: Bleib’ doch noch länger auf unserer App und schau’ dir das noch an! Das ist das Ziel von Instagram oder Tiktok. Denn je mehr Zeit wir auf der Plattform verbringen, umso mehr Daten hinterlassen wir“, mahnt von Luxburg indirekt zu bewusstem Social-Media-Konsum.

Weil KI die Fantasie anregt, kommt auch die Tübinger Wissenschaftlerin an diesem Mittwoch nicht am Blick in die Glaskugel vorbei. „Wird KI unsere Jobs wegnehmen und uns damit arbeitslos machen?“, fragt eine Schülerin. „Nein, in den allermeisten Berufen wird es immer Menschen geben, nur eben in anderen Aufgaben. Ärzte zum Beispiel werden durch KI in der Diagnostik unterstützt, sie werden aber immer den Patienten persönlich sehen“, prognostiziert Ulrike von Luxburg. Auch soziale Berufe wie Altenpfleger und Sozialarbeiterinnen würden nie durch KI ersetzt werden. Eng werden könnte es aber für Übersetzer. „Das kann ChatGPT schon sehr gut. In Zukunft wird das noch besser werden“, so die Forscherin.

Wird KI das Ende der Menschheit einläuten können?

Und was ist nun mit der Antwort auf die Frage: Wird KI irgendwann so intelligent sein, dass sie die Weltherrschaft an sich reißt? Ulrike von Luxburg beruhigt: „Nein, KI ist ein Verfahren im Computer. Wenn ich will, kann ich den Stecker ziehen. KI kann nicht selbst entscheiden oder Emotionen entwickeln.“ Und könnte KI eine Alternative für diejenigen sein, die keine Liebespartner finden – so wie im Hollywoodfilm „Her“ mit Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson? „Das gibt es schon. Ich wünsche aber keinem Menschen, dass er auf echte Nähe im realen Leben verzichten muss.“ Der Tenor des Tages ist: KI kann viel, aber wird nie alles können.

Künstliche Intelligenz und die Forschung dazu

Definition
 Laut Fraunhofer Institut ist KI ist ein Teilgebiet der Informatik, das sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem maschinellen Lernen befasst. Doch da schon der Begriff Intelligenz nicht klar definiert ist, gibt es keine einheitliche Definition von KI.

Forscherin
 Ulrike von Luxburg ist 49 Jahre alt, geboren in Augsburg. Sie studierte einst Mathematik im Hauptfach und Informatik im Nebenfach an den Universitäten Konstanz, Grenoble und Tübingen.

Professur
 Ulrike von Luxburg ist seit 2015 Professorin für Maschinelles Lernen an der Uni Tübingen.

Forschung im Kreis
 Im Kreis Böblingen bietet das Herman Hollerith-Zentrum, einer Außenstelle der Hochschule Reutlingen, Informatikstudiengänge an, die sich auch mit KI auseinandersetzen. Auch Sindelfingen strebt eine Kooperation mit dem Zentrum und der Hochschule Reutlingen an.