Wer vorsichtig fährt, baut weniger Unfälle. Foto: dpa

Für zusätzliche Rabatte in der Kfz-Versicherung lassen sich im Ausland viele Autofahrer überwachen. Es gilt: Wer umsichtig fährt, zahlt weniger. Hier zu Lande gibt es kaum solche Tarife. 2016 könnte sich das ändern. Dann kommt Branchenprimus Allianz damit raus.

Was ist neu in der Kfz-Versicherung?
Die Versicherungsbranche tüftelt an ganz neuen Kfz-Tarifen. Die Idee: Wer vorsichtig fährt, ist seltener in Unfälle verwickelt und soll deshalb weniger für seine Kfz-Versicherung zahlen. Die wachsende Vernetzung macht die Kontrolle des persönlichen Fahrstils möglich. Eine im Auto eingebaute Box oder eine App auf dem Smartphone speichert die Daten und meldet diese der Versicherung oder einem Dienstleister. Etliche Versicherer testen so genannte Telematik-Tarife, zwei sind mit entsprechenden Produkten bereits auf dem Markt: S-Direkt und Signal Iduna.
Die Kriterien, nach denen der Fahrstil bewertet wird, legt die Versicherung fest. Zum Beispiel überwacht sie, ob jemand oft schnell beschleunigt, hart bremst oder viel nachts fährt. Die meisten Telematik-Tarife werden sich an junge Kunden wenden. Sie haben die teuersten Kfz-Tarife, gelten als aufgeschlossen gegenüber technischen Neuerungen und „reagieren nicht so sensibel auf die Überwachung ihres Fahrstils“, sagt Annika Krempel vom Verbraucherportal Finanztip.
Was sind die Vorteile für den Kunden?
Die Kunden erhalten eine Analyse ihres Fahrstils. Die Versicherung hofft, dass Autofahrer durch die Kontrolle disziplinierter fahren. Die Allianz, die 2016 mit einem Telematik-Tarif in der Kfz-Versicherung startet, will „einen Beitrag zur Verkehrssicherheit, gerade für junge Autofahrer leisten.“ Was die Kunden locken wird: Die bisherigen Tarife belohnen gutes Fahrverhalten mit einem Rabatt – in der Spitze bis 40 Prozent.
Was spricht gegen die neuen Telematik-Tarife?
Sie tragen nach Ansicht von Experten zur Entsolidarisierung in der Kfz-Versicherung bei. „Wenn jeder nur das Risiko über seinen Beitrag bezahlt, das er verursacht, widerspricht das dem Versicherungsprinzip“, sagt Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Das Wesen einer Versicherung sei aber, unterschiedliche Risiken in einen Topf zu werfen und dann einen einheitlichen Beitrag zu berechnen. Tatsächlich werden viele Kriterien herangezogen, um den Versicherungsschutz zu berechnen: Regionalklasse, Typklasse eines Fahrzeugs, jährliche Fahrleistung, Schadenfreiheitsrabatt, Nutzerkreis, oder etwa das Geschlecht. „Es gibt kaum eine Sparte, die so ausdifferenziert ist, wie die Kfz-Versicherung“, so Grieble.
Wie zuverlässig arbeitet die Technik?
Die Versicherer versprechen Datensicherheit. Verbraucherschützer sehen das kritischer. Wie zuverlässig eine Smartphone-App arbeitet, hängt vom Empfang ab, sagt Krempel. Das „größere Sicherheitsproblem“ sieht die Verbraucherschützerin darin, dass etwa Geräte mit Funkverbindung, die im Fahrzeug fest eingebaut werden, und die das entsprechende Fahrverhalten weiterleiten, von Hackern geknackt werden können. Unlängst ist es Forschern in den USA gelungen, über eine gehackte Box ein fremdes Auto abzubremsen und die Scheibenwischer zu bedienen.
Sind Nachteile für Versicherte zu befürchten?
Ein heikles Thema aus Sicht der Versicherten ist der Datenschutz. Beispielsweise dann, wenn ein Telekommunikationsunternehmen die Daten sammelt, aufbereitet und der Versicherung zur Verfügung stellt. „Wer überwacht, dass diese Daten nicht von dem Telekommunikationsunternehmen genutzt werden?“, fragt Grieble. Beim Versicherer wiederum dürfen die Daten nicht zwischen den einzelnen Sparten weitergereicht werden. Grieble nennt ein Beispiel: Wenn ein wildes Bremsverhalten ergebe, dass jemand zu Aggressionen neige, und diese Daten vom Kfz-Bereich zur Personenversicherung wandern, sei denkbar, dass der Versicherte keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr bekomme. Letztlich muss sichergestellt sein, dass die Daten nicht das Versicherungsunternehmen verlassen. In der Kfz-Sparte ist der Wettbewerb sehr hoch, verdienen lässt sich wenig. „Die Unternehmen dürfen nicht in Versuchung geraten, die Daten zu Geld zu machen“, sagt der Verbraucherschützer. Auch wenn Versicherungsunternehmen ihren Kunden Datenschutz zusagen, „ein Restrisiko bleibt“, warnt Krempel.
Wer hat Interesse an den Daten?
Viele sagen, sie hätten nichts zu verheimlichen. „Doch wenn man überall kleine Spuren hinterlässt, ergibt sich ein großes ganzes Bild“, so Krempel. „Irgendwann kennt ein Unternehmen möglicherweise das gesamte Bewegungsprofil.“ Damit wächst die Gefahr des Datenmissbrauchs. „Ein normaler Golf sammelt heute fast schon mehr Informationen als ein Raumschiff“, formuliert ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker scharf. Und die sind nicht nur für Versicherer interessant, sondern auch für Autowerkstätten, Fahrzeughersteller, Gesundheitsdienstleister und auch für Behörden.
Werden sich Telematik-Tarife durchsetzen?
Setzen sich Telematik-Tarife in der Branche durch und werden sie von Kunden gut angenommen, dann könnte derjenige das Nachsehen haben, der so einen Tarif ablehnt. Die Versicherer werden solche Kunden dann als schlechte Risiken einstufen und höhere Beiträge für die Kfz-Versicherung verlangen, erwarten Verbraucherschützer. „Am Ende könnte man gezwungen sein, einen Telematik-Tarif abzuschließen, um nicht in der Gruppe der schlechten Risiken zu landen, für die es teuer wird“, sagt Grieble. Doch auch wer für die, die sich dem System nicht verweigern, kann der Schuss nach hinten losgehen. Das Unternehmen kann nicht nur Rabatte vergeben, sie könnte von Fahrern mit riskantem Fahrstil Beitragszuschläge einfordern. Schlimmstenfalls kann der Kfz-Versicherer die Police kündigen.
Wie kann ich bei der Kfz-Versicherung sparen?
Aufgrund des Wettbewerbs und der ausdifferenzierten Merkmale in der Kfz-Branche ist das Beitragsniveau bereits sehr günstig, so Grieble. „Mit einem Telematik-Tarif lässt sich da nicht mehr viel rausholen“, so seine Prognose. Kunden sollten in Überlegungen mit einbeziehen, dass die Black-Box etwas kosten könne. Auch nach Ansicht von Krempel lohnt es sich noch nicht, zu einem Telematik-Tarif zu wechseln. Sparen könnten Kunden auch dadurch, indem sie sich einen preisgünstigen Kfz-Versicherer suchen.