Keuchhusten tritt vor allem bei Kindern in der Kindergartenzeit und den ersten Schuljahren auf. Foto: picture alliance / Andrea Warnec/e

Ungewöhnlich viele Kinder sind derzeit an Keuchhusten erkrankt. Die bakterielle Infektion ist vor allem für Säuglinge gefährlich. Wie sich die Krankheit verbreitet und wie sich gerade junge Familien davor schützen können, erklären Kinderärzte.

In Baden-Württemberg wird derzeit vor einer Keuchhustenwelle gewarnt. Nach Angaben des Landesgesundheitsamtes waren schon im Frühjahr 484 Fälle bekannt, die sich mit der langwierigen und insbesondere für Säuglinge gefährlichen Krankheit angesteckt haben – darunter vornehmlich Kinder bis zum Alter von 14 Jahren. Zum Vergleich: 2023 wurden landesweit lediglich 29 Fälle von Keuchhusten bei Kindern und Jugendlichen gemeldet. Die Heftigkeit der Infektionswelle überrascht selbst erfahrene Kinderärzte wie Till Reckert, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Baden-Württemberg (BVKJ): Seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2013 sei dies eine „noch nie so da gewesene Pertussisepidemie“, die so schnell auch nicht wieder abklingen werde. Der Kinderlungenarzt, Infektiologe und Epidemiologe Markus Rose vom Klinikum Stuttgart empfiehlt zudem vor allem Risikogruppen, ihre Keuchhustenimpfung auffrischen zu lassen, denn laut Experten ist Keuchhusten "wahnsinnig ansteckend".

Keuchhusten und normaler Husten

Keuchhusten ist meist gekennzeichnet durch starke Hustenanfälle bis zum Erbrechen, sagt Markus Rose, der das Zentrum für Angeborene Lungenerkrankungen am Klinikum Stuttgart leitet. „Es kann auch ein pfeifendes Geräusch beim Einatmen nach dem Husten auftreten.“ Der Erreger, das Bakterium Bordetella pertussis, produziert einen Giftstoff, der mit dem Blut ins Gehirn gelangt und dort Hustenreiz auslöst. Oft dauert dieser mit teilweise unkontrollierbaren Hustenanfällen mehrere Wochen an. Kleinkinder können zudem unter Atemnot leiden.

Der Lungenspezialist Markus Rose berät als Impfexperte unter anderem das Deutsche Grüne Kreuz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

„Das kaum zu behandelnde Leiden kann bis zu Depressionen gehen“, sagt Rose. So hatte der Lungenspezialist zwei Geschwister im Schulalter, die nach wochenlangem Husten von ihrer völlig verzweifelten Mutter ins Olgahospital gebracht worden seien. „Der Ältere war so erschöpft, dass er lebensmüde war“, sagt Rose. Beide haben erst nach Monaten wieder ins normale Leben zurückgefunden.


Warum erkranken derzeit so viele an Keuchhusten?

Die aktuell hohen Zahlen erklärt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte mit dem auch für andere Kinderkrankheiten geltenden typischen Effekt der Coronapandemie: Während der Coronazeit habe es aufgrund der sozialen Distanzierung ein deutliches Infektwellen-Tal gegeben, auf das nun ein ebenso deutlicher Infekt-Tsunami folge, sagt Till Reckert. Hinzu kommt, dass Keuchhustenerkrankungen insbesondere im Frühsommer typisch sind: Schon frühere Studien haben gezeigt, dass die höchsten Infektionszahlen zwischen Juni und September auftreten.

Reckert ist sich sicher, dass es noch deutlich mehr Fälle geben werde: Zu Beginn der Symptomatik kann man den Erreger mit einem tiefen Nasenabstrich per PCR nachweisen – wie man sie beispielsweise von den Coronatests kennt, so der Kinderarzt. „Die Statistiken haben aber eine gewisse Untererfassung, da im praktischen Leben in der Regel nur Patienten gemeldet werden, die einen solchen Keimnachweis haben.“ Keuchhusten sei aber schon dann infektiös, wenn man ihn noch nicht als solchen erkennen kann. Viele Betroffene können zudem erkrankt sein, ohne stark ausgeprägte Symptome zu entwickeln – ansteckend seien diese aber dennoch.

Können auch Erwachsene an Keuchhusten erkranken?

Bei Erwachsenen sei das Bild nicht so typisch wie bei Kindern, sagt Markus Rose. „Insbesondere bei Senioren kann es im Rahmen der quälenden Hustenattacken zu Leisten- und Rippenbrüchen sowie Rissen des Rippenfelles kommen.“ Da Erwachsene oft unauffälliger Keuchhusten hätten als Kinder, gebe es hier vermutlich die Hauptansteckungsquelle mit der größten Dunkelziffer, ergänzt der Kinder- und Jugendfacharzt Till Reckert.

Was macht Keuchhusten so gefährlich für Säuglinge?

In England, wo ebenfalls die Zahl der Keuchhustenfälle drastisch gestiegen ist, sind im ersten Quartal 2024 schon fünf Babys an der Krankheit gestorben. „Babys bekommen nicht die typischen Hustenanfälle, sondern stattdessen akut lebensbedrohliche Atempausen“, erklärt Till Reckert, Sprecher des BVKJ-Landesverbandes. Daher müssen unter sechs Monate alte Babys mit Keuchhusten im Krankenhaus überwacht werden. Allerdings sind bislang zum Glück keine ähnlich schweren Verläufe wie in England zu beobachten, heißt es seitens des Olgahopitals am Klinikum Stuttgart: „Wir sehen in der Kindernotaufnahme im Klinikum Stuttgart derzeit keine ausgesprochene Häufung von Keuchhustenfällen“, sagt Rose.

Keuchhusten-Symptome

  • Stadium catarrhale (Dauer 1-2 Wochen; Intervall 5-21 Tage):

    • Erkältungsähnliche Symptome
    • Schnupfen
    • Leichter Husten
    • Kein oder mäßiges Fieber
  • Stadium convulsivum (Dauer 4-6 Wochen):

    • Anfallsweise auftretende Hustenstöße (Stakkatohusten)
    • Inspiratorisches Ziehen
    • Keuchen oder Juchzen durch plötzliche Inspiration gegen geschlossene Glottis
    • Hervorwürgen von zähem Schleim
    • Erbrechen nach Attacken
    • Zahlreiche Attacken, gehäuft nachts
    • Kein oder geringes Fieber (höhere Temperaturen deuten auf bakterielle Sekundärinfektion hin)
  • Stadium decrementi (Dauer 6-10 Wochen):

    • Allmähliches Abklingen der Hustenanfälle
    • Quelle: Pertussis-Ratgeber Robert-Koch Institut (RKI)

Bei Keuchhusten-Verdacht zum Arzt

Insbesondere Säuglinge, aber auch Kleinkinder mit Verdacht auf eine Keuchhusteninfektion sollten zum Kinderarzt, sagt Rose. „Chronisch Kranke und Hochbetagte sind zudem anfällig für Komplikationen wie etwa einer Lungenentzündung.“ Sehr schwere Krankheitsverläufe können sogar zu Hirnschäden durch Sauerstoffmangel führen, erklärt der Lungenexperte.

Lohnt eine Keuchhusten-Impfung – auch nach Infektion?

Grundsätzlich kann der Erkrankung durch Impfung vorgebeugt werden. „Allerdings zeigt die derzeitige Infektwelle, dass die Impfung leider nur teilweise und vorübergehend wirkt“, sagt Reckert. Eine Keuchhustenerkrankung kann also auch bei Geimpften nicht ganz ausgeschlossen werden. Dennoch sei eine Immunisierung sinnvoll, rät er, denn sie schütze vor Symptomschwere. „Und mit weniger Husten werden auch weniger Keime verbreitet.“

Der Kinder- und Jugendarzt Till Reckert rät derzeit zum Masketragen: Das helfe am besten, um den Keuchhustenerreger nicht weiterzuverbreiten. Foto: Lichtgut//Achim Zweygarth

Erwachsenen wird zur einmaligen Auffrischung geraten, wenn die Impfungen gegen Tetanus und Diphtherie anstehen – etwa nach Sport- oder Gartenverletzungen. Zudem rät Rose insbesondere Älteren und chronisch Kranken wie COPD-Patienten dazu, ihren Impfschutz zu prüfen und gegebenenfalls aufzufrischen. Das gilt auch für Kontaktpersonen kranker Säuglinge. Die Keuchhustenimpfung von Schwangeren schützt nicht nur die Geimpften, sondern vermindert auch die Säuglingssterblichkeit, da der Schutz auf das Baby übergeht. Dieser Impfschutz sollte gegebenenfalls spätestens vier Wochen vor der Geburt aufgefrischt werden, sagt Rose. Auch sollten Eltern bei Säuglingen die Grundimmunisierung wegen des Keuchhustens derzeit nicht herauszögern , ergänzt sein Kollege Reckert. „Ihr Nestschutz nach Impfung der schwangeren Mutter nimmt rasch ab.“

Wie kann man sich gegen Keuchhusten schützen?

Keuchhusten wird per Tröpfcheninfektion weitergegeben. Allerdings braucht der Erreger, das Bakterium Bordetella pertussis, etwas größere Tröpfchen als beispielsweise die Coronaviren, um sich zu verbreiten. Diese sinken daher auch schneller zu Boden. „Daher hilft am besten Abstand halten und möglichst Maske tragen – insbesondere gegenüber Neugeborenen“, sagt Reckert. Das gelte auch für Geimpfte mit Symptomen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Mai 2024 online und wurde im Juli aktualisiert.