Beim zweiten Tag des Kessel-Festivals wurde im Trockenen gefeiert und die Rapperin Shirin David begeisterte mit bunter Show
Am Freitag standen die Musikfans noch im Dauerregen, am Samstag stehen sie zwar noch in Pfützen und unter einem trübgrauen Himmel – aber der Regen hat aufgehört. Das Kessel-Festival ist besser besucht, es gibt nun auch kleinere Schlangen vor den Essensständen. Wem es gelungen ist, in eine Toilette vorzudringen, wird dort mit Sicherheit kein Papier vorfinden, und auch die restliche Hygiene kommt etwas kurz – „Händewaschen wird überschätzt!“, sagt eine Besucherin und lacht. Aber die Stimmung auf dem Platz ist besser noch als am Vortag, viele Menschen schlendern ausgelassen übers Areal. Hier hämmert Techno aus einem Zelt, dort dreht sich das Riesenrad mit besetzten Kabinen und das Lumpenpack, die Vorabendband in der Palastzeltbühne, singt von elektrischen Gitarren und spielt mit ihnen.
Viele sind gekommen wegen der Band Provinz
Gewiss ebenso viele Besucher sind gekommen, um Provinz, die Band aus dem Dorf Vogt bei Ravensburg zu sehen, wie Shirin David, die Headlinerin des Festivals. Bei Nicolina, Veronika und Lana aus Stuttgart haben die Indie-Popper aus Oberschwaben deutlich Vorrang: Zwei der der drei jungen Frauen aus Stuttgart sind wegen ihnen da. Tags zuvor war das Trio auch bei Cro – „Das war sehr regnerisch. Wir haben es genossen und das Beste daraus gemacht.“
Provinz bestehen aus den Cousins Vincent Waizenegger und Robin Schmid, aus Moritz Bösing und Leon Sennewald – Gesang, Keyboards, Gitarre, Schlagzeug. Ihr Bühnenbild ist klar und zurückhaltend gestaltet – da gibt es nur eine kreisrunde Sonnenscheibe, die über der Band schwebt, die in wechselnden Farben angestrahlt wird, manchmal pulsiert. Im Mittelpunkt der Show steht Vincent Waizenegger, der sehr emotional singt, auf ein Podest springt und tanzt. Er ruft auf zum Widerstand gegen die AfD, singt die „Hymne gegen euch“, die die Band schon 2021 veröffentlichte, singt auch ein brandneues Lied, ruft auf den Wasen hinaus: „Der Sommer liegt vor uns! Es ist wirklich so!“ – und er freut sich: „Es regnet nicht!“
Sina und Tilman, sie aus Winnenden, er aus dem Münsterland, aber als Student in Tübingen, sind im Publikum, feiern die Band, haben auch Roy Bianco und die Abbrunzati Boys gefeiert, die früher am Samstag ihre Italo-Schlager mit fiktiver 40-jähriger Backstory auf die Bühne brachten, waren auch bei Cro, der am späten Freitagabend doch noch all seine großen Hits sang. „Roy Bianco war sehr gut, das war große Stimmung. Und auch mit Cro waren wir sehr zufrieden!“
Die Showtreppe ist für Shirin David
Shirin David, als letzter Act am letzten Tag des Kessel-Festivals 2024, schlägt ein anderes Kapitel auf. Sie fesselt auch die Provinz-Fans und lässt sie tanzen, zu kühlem, selbstbewussten weiblichen Hiphop. Für sie gibt es die große Showtreppe auf der Bühne, sie wird umtanzt von einigen Backgroundsängerinnen und einer Schar muskulöser Männer; sie wiegt die Hüfte und zupft an ihrem weißen Sweater; sie ist die „Last Birch Standing“ und singt davon. Im Hintergrund explodieren Farben zu ihrer temporeichen Performance, Meereswellen türmen sich auf, eine Schar übergroßer Pressefotografen in Schwarzweiß stürzt sich auf die Sängerin. Und Shirin David bringt das Kessel-Festival dazu, lautstark zu singen: „Ich will den James Bond Sportwagen, Bitch!“ – „Hat das auch jeder gecatcht?“ vergewissert sie sich.
„Die Frau ist krass, ey!“, sagt einer im Publikum, er hat einen Bart und trägt eine Sonnenbrille. „Shirin David ist deutsches Kulturgut, Mann!“ Und tatsächlich können er und sein Kumpel – ebenfalls Bart und Brille, Bierdose in Händen –jeden Song der blonden Rapperin mitsingen. Lautstark.