Kerstin Andreae sorgt mit ihrem Wechsel in die Wirtschaft für Kritik. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Das wäre vor einigen Jahren wohl noch nicht möglich gewesen: Eine Grüne ist künftig Hauptgeschäftsführerin eines wichtigen Energie-Lobbyverbandes. Doch der Wechsel sorgt auch für Kritik.

Berlin - Der Wechsel der Grünen-Politikerin Kerstin Andreae an die Spitze des einflussreichen Energieverbandes BDEW ist perfekt. Der Vorstand des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft berief Andreae am Dienstag zur neuen Vorsitzenden der Hauptgeschäftsführung. Zuvor hatte das Präsidium sie vorgeschlagen. Andreae wird zum 1. November Nachfolgerin von Stefan Kapferer, der als neuer Chef zum Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz geht. Zuvor hatte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) für den BDEW-Posten abgesagt.

Andreae kündigte an, zum Amtsantritt beim BDEW ihr Bundestagsmandat nach 17 Jahren im Parlament niederzulegen. Sie nannte ihre neue Aufgabe eine große Herausforderung. Bei der Energiewende gehe es auch darum, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten.

Vertretung von 1800 Konzernen

Der BDEW vertritt mehr als 1800 Unternehmen der deutschen Strom-, Gas- und Wasserwirtschaft - auch aus der Kohlebranche, zu der die Grünen nicht das beste Verhältnis pflegen.

Als vorrangige Themen bei der Energiewende - also dem Umbau hin zu Öko-Strom - nannte Andreae den Ausbau der Stromnetze sowie Fragen der Akzeptanz in der Bevölkerung. So gibt es etwa beim Ausbau von Windrädern erhebliche Widerstände vor Ort. Andreae sagte, es sei verloren gegangen, die Menschen mitzunehmen und die Chancen der Energiewende zu betonen.

Windkraft im Fokus

Der Ausbau der Windkraft an Land war im ersten Halbjahr fast zum Erliegen gekommen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte einen Spitzentreffen dazu angekündigt. BDEW-Präsidentin Marie-Luise Wolff sagte, der Ausbau der Windkraft müsse dringend wieder in Gang kommen - sonst würden die Ausbauziele bis zum Jahr 2030 verfehlt.

Wolff sagte zur Ernennung Andreaes, diese sei bestens vernetzt und stehe für eine entschlossene, effiziente Energie- und Klimapolitik, basierend auf einer sowohl ökonomischen als auch ökologisch erfolgreichen Wirtschaft.

Keine Karenzzeit

Andreae sagte, es gehe nicht mehr darum, ob die Energiewende stattfinde, sondern wie. Sie wies Kritik an ihrem Wechsel zum BDEW zurück. Die Grünen hatten wiederholt eine Karenzzeit für Regierungsmitglieder bei einem Wechsel in die Wirtschaft gefordert. Andreae betonte, dies gelte aber nicht nur Parlamentarier.

Der Verein Lobbycontrol kritisierte den Wechsel Andreaes. „Der nahtlose Wechsel der Grünen-Politikerin Frau Andreae zum Energielobbyverband BDEW ist enttäuschend - gerade, weil die Grünen sich für mehr Distanz zwischen Politik und Wirtschaft einsetzen“, sagte eine Sprecherin von Lobbycontrol der „Rheinischen Post“.

Die Grünen im Bundestag verlieren mit dem Wechsel von Andreae ihre wohl profilierteste Wirtschaftsexpertin - gleichzeitig können sie aber einen weiteren direkten Draht in die Energiebranche aufbauen. Die Baden-Württembergerin ist bisher wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion und hat vor nicht allzu langer Zeit den Wirtschaftsbeirat der Fraktion gegründet.

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