Deutschland ist vor einem Jahr aus der Atomkraft ausgestiegen, doch viele Nachbarländer wählen einen anderen Weg Foto: //Christian Ohde

Frankreich plant neue Reaktoren, Belgien hat seinen Ausstieg um zehn Jahre verschoben, Polen will in den Bau von Kernkraftwerken einsteigen. Doch die meisten neuen Anlagen entstehen in Asien.

– Es gibt wohl kaum ein Gebäude, das die Hoffnung des Atomzeitalters so verkörpert wie das Atomium in Brüssel. Vor ein paar Wochen diente das 1958 errichtete Bauwerk als Kulisse für ein Treffen von Politikern, die in der Atomkraft nicht die Zukunft vergangener Tage sehen – sondern für dieses Jahrhundert. Daran teil nahmen unter anderen Vertreter aus den USA, der EU, China, Schweden, Japan und des Gastgebers Belgien.

 

Deutschland ist aus der Atomkraft ausgestiegen, doch viele Nachbarländer wählen einen anderen Weg. Frankreich plant neue Reaktoren, Belgien hat seinen Ausstieg um zehn Jahre verschoben, Polen will neu in die Kernenergie einsteigen. Die installierte Leistung der Kernenergie in Europa soll deutlich steigen. Wer sich für Atomkraft entscheidet, verspricht sich davon verlässlichen und CO2-armen Strom. Auch die Internationale Energieagentur (IEA) fordert den Neubau von Kernkraftwerken, um Klimaneutralität zu erreichen. Gibt es also eine Renaissance der Atomenergie?

Schaut man auf die Zahlen, so bestätigt sich dies nicht. Nach Angaben des Weltverbands der Nuklearindustrie sind weltweit rund 60 Reaktoren im Bau, weitere 110 geplant. „Neue Kraftwerke, die ans Netz gegangen sind, halten sich die Waage mit alten Kraftwerken, die stillgelegt wurden“, heißt es in einem aktuellen Report. In den vergangenen 20 Jahren wurden demnach 107 Reaktoren stillgelegt, 100 neue in Betrieb genommen. Der Anteil von Atomstrom an der weltweiten Stromproduktion nimmt zudem ab. 2022 betrug er rund neun Prozent, Anfang der 1990er Jahre noch 17 Prozent. Die weltweiten Investitionen in Wind- und Sonnenenergie übertreffen die in Nuklearenergie um ein Vielfaches. Der größte Zubau von Atomkraftwerken findet in Asien statt. Für Branchenkenner wenig verwunderlich. „Die Investitionskosten für Atomkraftwerke in Europa sind drei- bis viermal höher als in China, etwa weil bei uns viel strengere Sicherheitsstandards gelten“ , erklärt Mathias Mier, Experte für Energiewirtschaft beim Ifo-Institut in München.

Für Europa ist er in Bezug auf den Ausbau von Kernenergie skeptisch. Seine Begründung: „Atomkraft ist keine billige Energie. Sie war schon immer staatlich hoch subventioniert“, sagt Mier. „Gäbe es keinerlei staatliche Subventionen im Energiemarkt, würde kein einziges Atomkraftwerk gebaut werden, Windräder und Photovoltaikanlagen hingegen schon.“

In der Tat haben viele Kernkraftprojekte in Europa Probleme. Allein die Baukosten des Atomkraftwerkes Hinkley Point C in Großbritannien haben sich auf mehr als 50 Milliarden Euro verdoppelt. Ursprünglich sollte es 2023 in Betrieb gehen, inzwischen geht man von 2031 aus.

Unterstützer der Atomenergie verweisen häufig auf „Miniatomkraftwerke“, kleine modulare Reaktoren, die derzeit entwickelt werden und besonders kostengünstig sein sollen. Experte Mier hält das für manche Länder für eine Option. „Kleine modulare Reaktoren können in strukturschwachen Regionen der Erde eine Lösung sein“, sagt er.

Skeptisch ist er bei neuen Reaktortypen, die etwa mit Salz oder Blei statt mit Wasser gekühlt werden sollen. „ Was neue Reaktormodelle angeht, gibt es große Fragezeichen. Sie müssen noch entwickelt werden, und sie würden wohl erst Ende des Jahrhunderts ans Netz gehen“, sagt Mier. Zu spät, wenn man Klimaziele auf diesem Weg erreichen will.