Ob alte, bestehende Anlagen oder Neubauten: Die Probleme in französischen Kernkraftwerken häufen sich – doch Paris fördert seine umstrittene Energieerzeugung weiterhin.
Paris - Die französische Atombranche ist schwere Zeiten gewohnt. Doch in diesen Tagen dringen ungewöhnlich viele schlechte Nachrichten aus der Firmenzentrale des Energieriesen EdF (Electricité de France) an die Öffentlichkeit. Eines der größten Probleme des Unternehmens befindet sich im Norden des Landes, in Flamanville am Ärmelkanal. Dort entsteht ein Druckwasserreaktor vom Typ EPR, doch seit dem Baubeginn 2007 kommt das Projekt nicht aus den Schlagzeilen. Nun wurde bekannt, dass sich die Baukosten noch einmal um weitere 1,5 Milliarden Euro erhöhen werden. Die Gesamtkosten werden nun auf 12,4 Milliarden Euro geschätzt – fast viermal so viel wie ursprünglich veranschlagt.
Die staatlich dominierte EdF macht notwendige Reparaturarbeiten für die Kostenexplosion verantwortlich. Der Grund für die Nacharbeiten sind erhebliche Löcher an den Schweißnähten im Betonmantel, der bei einem Störfall den Austritt von Radioaktivität verhindern soll. Schon zuvor war bekannt geworden, dass sich die Inbetriebnahme des Reaktors deshalb um weitere drei Jahre verzögert. Er kann nun frühestens Ende 2022 ans Netz gehen, zehn Jahre nach dem ursprünglich geplanten Betriebsstart.
Der Bau des britischen Atomkraftwerks Hinkley Point C wird immer mehr zum Problemfall
Schlechte Nachrichten kommen auch von der anderen Seite des Ärmelkanals. Dort ist die EdF am Bau des britischen Atomkraftwerks Hinkley Point C beteiligt. Aber das einst gefeierte Projekt wird immer mehr zum Problemfall. Offensichtlich hinken die Arbeiten an beiden Blöcken rund ein Jahr hinter dem Zeitplan her. Zudem werden sich die Kosten nach dem derzeitigen Stand auf rund 24 Milliarden Euro belaufen – das sind etwa drei Milliarden mehr als anfänglich angepeilt. Der einzige kleine Lichtblick für das Unternehmen kommt in diesen Tagen aus dem elsässischen Fessenheim – und hat ausgerechnet mit dem Abschalten eines Atomkraftwerks zu tun. Die EdF wird nach der Schließung der Anlage nach eigenen Angaben mindestens 400 Millionen Euro Entschädigung vom Staat erhalten. Hinzu kämen gegebenenfalls zusätzliche Zahlungen für Gewinneinbußen, erklärte der Energieversorger. Der erste Reaktor des AKW soll der EdF zufolge am 22. Februar 2020 vom Netz gehen. Der zweite folge am 30. Juni kommenden Jahres. Fessenheim in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze ist seit dem Jahr 1977 am Netz und damit das älteste noch laufende Kernkraftwerk Frankreichs. Kritikern gilt es schon seit Jahrzehnten als Sicherheitsrisiko.
Paris will sich mehr Zeit für den Ausstieg lassen
Die Hoffnung mancher Atomkraftgegner, dass Frankreich angesichts dieser massiven und vielfältigen Probleme den Einstieg in den Ausstieg aus der Kernenergie vorantreiben würde, ist jedoch verpufft. Im Gegenteil: Paris will sich sogar mehr Zeit lassen. Noch 2015 hatte der damalige Präsident François Hollande angekündigt, innerhalb von zehn Jahren den Atomstromanteil am Energiemix von fast 75 auf 50 Prozent zu senken und zugleich in erneuerbare Energien zu investieren. Doch jüngst ließ Präsident Emmanuel Macron wissen, dass diese Frist auf 2035 verschoben wird. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen 14 von insgesamt 58 Reaktoren heruntergefahren werden. Ende 2035 werden die 44 Reaktoren, die dann noch laufen, ein Durchschnittsalter von 49,5 Jahren erreichen, empören sich nicht nur Kritiker.
Auch in Deutschland herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. So gibt es offensichtlich keine Pläne, das Atomkraftwerk im lothringischen Cattenom vor 2035 vom Netz zu nehmen. Der Meiler war in den vergangenen Jahren wegen diverser Pannen immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Präsident Macron wird inzwischen nicht nur von der politischen Konkurrenz als Atomlobbyist verspottet. Der aber kontert, dass Strom aus Kernenergie Frankreich zu einer CO2-freien und billigen Energie verhelfe. Kritiker halten das für eine Milchmädchenrechnung. Der Grund: Immer häufiger stehen einzelne Meiler wegen Pannen still, oder sie müssen wegen ihres Alters überholt werden. Zudem sind im aktuellen Strompreis die kaum zu kalkulierenden Kosten für den Rückbau der Atomkraftwerke nicht enthalten.
Teilweise musste Strom importiert werden
Auch die Probleme mit der Stromversorgung in diesem Sommer bleiben unberücksichtigt. Wegen der ungewöhnlichen Hitzewelle musste nach Angaben des französischen Netzbetreibers RTE die Leistung der französischen Reaktoren gedrosselt werden. Das warme Flusswasser durfte nicht mehr zur Kühlung der Anlagen benutzt werden. Teilweise musste Strom importiert werden.
Immer mehr Experten fordern angesichts dieser vielen Probleme, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien energischer vorangetrieben wird – sie stoßen in Paris allerdings auf taube Ohren. Der Anteil der regenerativen Quellen wie Sonne und Wind am Stromverbrauch beträgt in Frankreich im Jahr 2017 lediglich knapp 20 Prozent – zum Vergleich: In Deutschland sind es 2017 laut europäischer Statistikbehörde Eurostat gut 34 Prozent.