Werner Reichert wird es vermissen, an seiner alten Nähmaschine zu sitzen. Foto: Käser

Der Schneider Werner Reichert hört nach 17 Jahren auf. Damit hat die Gemeinde Kernen keinen mehr und sucht per Anzeige einen Nachfolger für die Kundschaft.

Rommelshausen - Die Fälle, bei denen sein Improvisationstalent gefragt war, haben den Schneider aus Rommelshausen bei Laune gehalten. „Ich liebe meinen Beruf mit all seinen Facetten, aber die schwierigeren, kniffligen Sachen, bei denen ich mir eine pfiffige Lösung überlegen musste, die haben mich immer am allermeisten gereizt“, sagt Werner Reichert.

Etliche Stammkunden können sich die kleine Nähstube mit dem sympathischen Chef nicht mehr wegdenken

Im Jahr 1957 ging der heute 71-Jährige beim Vater in die Lehre, 1967 machte er die Meisterprüfung und 1998 öffnete er die Schneiderei an der Waiblinger Straße in „Rom“. 17 Jahre sind seitdem vergangen. Etliche Stammkunden können sich die kleine Nähstube mit dem sympathischen Chef nicht mehr wegdenken, aber am 28. Februar 2015 ist Schluss. „Das Aufhören fällt mir nicht leicht, aber meine drei Enkel wollen mehr Zeit mit ihrem Opa“, sagt Reichert.

Genau genommen ist das Ende noch früher in Sicht. Denn: Wer noch Kleider zum Nähen oder Abändern vorbeibringen möchte, muss das bis zum 23. Dezember tun. Ein Blick auf die rappelvolle Kleiderstange, die sich durch den Laden zieht, macht eine Erklärung überflüssig. „Ich muss ja irgendwie noch alles fertig kriegen, aber ich weiß, dass es viele meiner Kunden nicht akzeptieren wollen“, sagt Werner Reichert.

Wer ein Kleidungsstück zu Werner Reichert bringt, der hält auch ein Schwätzchen

Seine Bekanntheit hat dem alteingesessenen „Römer“ dabei geholfen, so viele langjährige Stammkunden zu bekommen. In dem kleinen Laden geht es persönlich zu. Wer ein Kleidungsstück zu Werner Reichert bringt, der hält auch ein Schwätzchen – entweder mit dem Schneider oder mit einem anderen Kunden. „Mit meiner Frau habe ich mir etwas aufgebaut. Ich höre mir die Sorgen der Leute an, es ist mehr als nur reine Arbeit.“

Die Tage von Werner Reichert waren immer prall gefüllt. Von morgens 6 Uhr bis abends 18 Uhr saß er an seiner mehr als 50 Jahre alten Pfaff-Nähmaschine oder er gab der fertiggestellten Kleidung der Kundschaft an der alten Bügelstation den letzten Schliff. Auch in der Pause hat sich Werner Reichert nur schnell was vom Bäcker geholt, und dann saß er auch schon wieder an seinem Arbeitsplatz. „Wenn man engagiert ist, kann man hier sein Geld machen, aber ein langer Arbeitstag gehört da einfach dazu“, sagt der Mann, der sich auch ein halbes Jahr als Textiltechniker und in verschiedenen Modehäusern als Änderungsschneider versucht hat. „Ich habe immer mit Kleidung zu tun gehabt, aber im Endeffekt war der eigene Laden das einzig Wahre.“

Mit dem Entschluss aufzuhören, würde sich Reichert noch wohler fühlen, wenn es einen Nachfolger gäbe

Mit seinem Entschluss aufzuhören, würde sich Werner Reichert noch wohler fühlen, wenn es einen Nachfolger gäbe. Ein Problem ist, dass die Räume, in denen er seine Schneiderei hat, vom nächsten Jahr an anderweitig vermietet sind. Die Gemeinde hat für die Suche nach einem Nachfolger eine Anzeige geschaltet. Momentan sieht es so aus, als könnte sie erfolgreich gewesen sein. Solange noch nicht alles in trockenen Tüchern ist, will die Kommune aber noch nichts verraten.

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