Schwebend überm Keltengrab: die Restauratorin Nicole Ebinger, Regierungspräsident Wolfgang Reimer und Ministerin Nicole Razavi (von links) Foto: Simon Granville

Ein Keltengrab wurde im letzten Jahr als tonnenschwerer Block von Herbertingen nach Ludwigsburg transportiert. Nun werden ihm nach und nach seine Geheimnisse entlockt – unter anderem Schmuck aus Bernstein.

Ludwigsburg - Die Heuneburg, eine keltische Großsiedlung am Oberlauf der Donau nahe Herbertingen, ist laut Dirk Krausse, Abteilungsdirektor am Landesamt für Denkmalpflege (LAD), „das am besten erforschte Machtzentrum der frühen Eisenzeit, nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus.“ Man weiß, dass die Siedlung etwa zwischen 620 und 450 v. Chr. existierte, dass dort etwa vier- bis fünftausend Menschen lebten und sogar, was sie gegessen und welche Handwerke sie ausgeübt haben. Doch über die Hügelgräber wisse man weit weniger.

 

„Etwa 100 Grabhügel sind erhalten; die sind der Schlüssel zur Gesellschaftsstruktur“, erklärte der Experte die Bedeutung dessen, was am Dienstag in Grünbühl erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Nachdem man bereits im Dezember 2010 ein tonnenschweres Keltengrabzur Untersuchung in die Labore des Landesamts für Denkmalpflege in Ludwigsburg transportiert hatte und durch diesen Sensationsfund viele neue Erkenntnisse gewonnen hatte, lag die Messlatte für Grab Nummer zwei hoch, so Krausse. Doch auch dieses erwies sich als „herausragendes Leuchtturmprojekt“, wie es der LAD-Präsident Claus Wolf formulierte, und als „Highlight unserer Keltenforschung“, so Regierungspräsident Wolfgang Reimer.

Vermutlich wurde eine hochrangige Frau in dem Grab bestattet

Wie schon im ersten Grab wurden auch in diesem Knochenreste gefunden, die, den Schmuckbeigaben aus Gold und Bernstein nach zu urteilen, wohl ebenfalls von einer Frau stammen dürften. Gewissheit darüber kann erst ein Anthropologe geben.

Fest steht, dass es sich angesichts des Reichtums, von dem trotz der vermutlich bereits antiken Grabräuber noch Etliches erhalten ist, wieder um eine hochgestellte Persönlichkeit handeln muss. Möglicherweise sogar um eine Verwandte der „Fürstin vom Bettelbühl“ bekannt gewordenen Toten aus dem ersten freigelegten Keltengrab. Das lege sowohl die räumliche Nähe als auch die Ähnlichkeit der Grabbeigaben – im Fall der Toten aus Grab Nummer zwei 15 gerippte Röhrenperlen aus Gold, der Rest einer Bernsteinfibel und Bronzebeschläge – nahe, so Leif Hansen, der die Grabungen vor Ort geleitet hatte.

Vom Wagen sind sogar Holzreste erhalten – das ist sehr selten

Doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Während die Fürstin vom Bettelbühl offenbar eine Reiterin war, wurden in Grab Nummer zwei Überreste eines Wagens gefunden. Und anders als an anderen Fundorten handelte es sich dabei nicht nur um typische Bronzebeschläge, sondern auch um Überreste von Holz, erklärte Leif Hansen. Im speziellen Fall darüber hinaus außer von Eiche, was laut Hansen relativ normal wäre, sondern auch von Esche, die für Wagen verwendet wurde. Die Holzreste sollen nun dabei helfen, auch dieses Grab genau zu datieren.

Dass überhaupt noch organisches Material erhalten ist, was den Überschwemmungen durch den Bettelbühlbach zu verdanken sei, sei deshalb „mindestens so wertvoll wie Gold und Bernstein“, so Krausse. Denn die Jahresringe des Holzes könnten auch viel über Klima und Umwelt im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt verraten.

Eine Fundgrube für das geschulte Auge der Experten

Der Boden sei „gespickt mit Fundmaterial“, so die Restauratorin Nicole Ebinger. Dem Laien erschließt sich das allerdings nicht auf den ersten Blick. Ihm präsentiert sich der Erd- und Kiesblock, der täglich mit Eis gekühlt wird, um Schimmel zu vermeiden, als braunschwarze, feuchte Masse. „Aber wenn man stundenlang auf den Arbeitsbühnen darüber liegt, schärft sich das Auge“, so die Expertin – und sie deutete hier auf ein Stück Wirbelsäule, dort auf eine Goldperle, eingebettet in organisches Material.

Letzteres ist auch der Grund, warum man das Grab aufwendig als Ganzes geborgen und mit dem Schwerlasttransporter nach Grünbühl gebracht hat. Durch die extreme Trockenheit der vergangenen Jahre hätten die seltenen und wissenschaftlich außergewöhnlich wertvollen Objekte bereits Schaden genommen, erklärten die Fachleute.

Wollte man den Körper der Toten konservieren?

Rätsel hat den Archäologen zunächst eine wachsartige Masse aufgegeben, von der mehrere Kilogramm geborgen wurden. Zunächst vermutete man einen verwitterten Stein, dann stellte sich heraus, dass es sich um Kiefernharz handelt. Eine mögliche Erklärung: Das Harz wurde als eine Art Balsam verwendet, um den Körper der Toten zu konservieren.

Die Goldperlen seien übrigens, obwohl sie Ähnlichkeiten mit Arbeiten aus Südeuropa aufwiesen, vor Ort hergestellt worden, zeigte sich Nicole Ebinger überzeugt: „Das waren Feinschmiede am Werk, die ihr Handwerk wohl in Italien erlernt haben. Man hat sich die Technik und das Know-how aus dem Süden geholt.“

Bis Mitte nächsten Jahres werden die Arbeiten an dem großen Block wohl noch dauern, dann geht es an die Bergung von Teilblöcken.