Immer lächeln, auch wenn das Tablett mehr als zwölf Kilo wiegt: Anna Klaushofer im Dauereinsatz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mehr als 2000 Menschen arbeiten jeden Tag auf dem Cannstatter Wasen. Der Großteil davon sorgt in den Festzelten für flüssigen und festen Nachschub – ein Job für Leute ohne Berührungsängste.

Stuttgart - „Die Krüge hoch!“, tönt es von der Bühne. Noch fällt die Reaktion des Publikums verhalten aus. Es ist Montagmittag, und statt der allabendlichen Partygemeinde haben sich im Fürstenberg-Festzelt auf dem Cannstatter Volksfest einige Hundert ältere Semester zum Essen eingefunden. Es herrscht gute Laune. Die Stieflziacha aus Bayern heizen mit Schlagern ein. „Fliege mit mir in den Himmel hinein“, singen die Besucher und schunkeln. „Prosit miteinander“, schallt’s noch sehr züchtig von der Bühne. Und wieder: „Die Krüge hoch!“

Anna Klaushofer befolgt die Aufforderung prompt – allerdings auf ganz andere Weise. Die 22-Jährige steht an der Bierausgabe und nimmt einen Maßkrug nach dem anderen auf. Die durstigen Gäste warten. Im zügigen Tempo wandert der Gerstensaft an die Tische in der Box 1, in der die junge Kellnerin heute Dienst tut. Das Zelt ist zwar nicht voll, aber zur Mittagszeit herrscht trotzdem Hektik. Denn schließlich wollen alle innerhalb kurzer Zeit essen. Anna Klaushofer eilt zurück und schultert ein riesiges Tablett. Haxen und halbe Hähnchen wollen einmal quer durchs Zelt zur Loge getragen werden.

„Nani“ steht auf ihrem Namensschildchen. Im Zelt geht’s schließlich nicht sehr formell zu. Die blonde junge Frau trägt wie alle Kellnerinnen Dirndl. Daran hängen Wäscheklammern aus Holz mit Aufschriften wie „Chaos-Team“ oder „Bierkönigin“. Locker und sympathisch soll der Auftritt sein. Wie viel harte Arbeit in diesem Job steckt, erahnt man aber spätestens beim Blick auf die Turnschuhe. „Da kommen schon ein paar Kilometer zusammen“, sagt die Österreicherin und lacht. Das dürfte leicht untertrieben sein. 17 Tage lang wird durchgehend geackert, ordentliche Lautstärke, Hitze und bierselige Gäste inbegriffen – ein echter Knochenjob. „Wenn man ein Arbeitsmensch ist, geht das“, sagt sie und ergänzt trocken: „14 Maßkrüge kann ich schon tragen, wenn ich muss. Aber zwölf sind angenehmer.“

Nur wenige Festangestellte

Allein im Fürstenberg-Zelt von Festwirt Peter Brandl arbeiten 200 Leute. „Nur 20 davon sind Festangestellte, die das ganze Jahr über bei uns sind“, erzählt er. Den großen Rest holt er sich für das Volksfest dazu – Aushilfen, Studenten oder Mietköche für die Küche. Die meisten davon kommen regelmäßig, oft schon seit vielen Jahren. Da weiß man, was man hat. Denn zum einen gibt es nicht mehr so viele Bewerbungen wie früher, zum anderen aber meistert auch nicht jeder den Job. „Es kommt schon auch vor, dass sich Leute überschätzen und der Aufgabe nicht gewachsen sind“, weiß Brandl. Er setzt deshalb besonders auf Mitarbeiter, die aus der Gastronomie kommen und wissen, was sie erwartet.

Das gilt auch für Anna Klaushofer. Zu Hause ist sie in Großarl, südlich von Salzburg. Dort kellnert sie normalerweise in einer Almhütte. „Für den Wasen nehme ich Urlaub“, erzählt sie. Das gilt für viele Mitarbeiter im Zelt. Zahlreiche Nationalitäten schuften da, aber auffallend viele kommen aus Österreich. Das liegt daran, dass dort viele saisonal im Einsatz sind – im Sommer in den Wanderregionen, im Winter in den Skigebieten. Da kommt der Wasen im Herbst für ein Zubrot gerade recht.

Wie hoch das genau ausfällt, darüber hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Klar ist aber: Wer viel verkauft, verdient auch viel. Denn die Kellner und Kellnerinnen bekommen bei Brandl 90 Cent pro Maß und zehn Prozent der Umsätze aus den Speisen. Wer richtig ranklotzt, kann es in 17 Tagen auf einige Tausend Euro bringen. Damit möglichst keiner benachteiligt wird, werden die Tische zugelost und von Tag zu Tag in einem rollierenden System neu vergeben.

Leerlauf am Nachmittag

Der Mittagsstress ist vorbei. Die meisten Zeltbesucher haben gegessen und getrunken. Die Stimmung wird fröhlicher. „Prost, ihr Säcke!“, tönt es nun deutlich forscher von der Bühne, und mancher Senior ruft ausgelassen zurück: „Prost, du Sack!“ Dann leeren sich die Bänke nach und nach. Der Nachmittag unter der Woche ist für die Festwirte die schwierigste Zeit, oft spielt die Kapelle dann nur für wenige Besucher. Die Kellner haben Luft. Einige machen Pause, tippen auf ihren Handys. Anna Klaushofer trägt nur noch ein, zwei Maßkrüge auf einmal. „Jetzt ist es ruhiger, aber das braucht man auch mal“, sagt sie. Zum zweiten Mal ist sie dabei. Im vergangenen Jahr hat sie ein Freund zwei Tage vor Beginn des Fests spontan gefragt, ob sie mitkommen will. Jetzt sitzt sie gemeinsam mit Kolleginnen in einer Ecke, um etwas zu essen. Dazu gibt’s fürs Personal jede Menge Wasser und süßen Sprudel, um gut durch den langen Tag zu kommen, der erst spätabends endet.

Komplett von vormittags bis nachts geht freilich nicht mehr, seit die Arbeitsbestimmungen in Deutschland verschärft worden sind – ganz zum Unverständnis der Gastronomie, die dagegen Sturm gelaufen ist, weil es bei bestimmten Anlässen schwierig ist, Mitarbeiter nach zehn Stunden nach Hause zu schicken. „Das müssen Sie mal einem Kellner erklären, der arbeiten und Geld verdienen will“, klagt auch Brandl. Seither sei das System aus Arbeitszeiten, Pausen, Dienstbeginn und -ende sehr kompliziert. Dazu brauche jede Bedienung inzwischen ein Attest vom Ohrenarzt und müsse zwingend Ohrstöpsel tragen. Die Praxis zeigt, dass so mancher lieber darauf verzichtet. Der Festwirt aus Karlsfeld bei München fasst all die Bürokratie ganz einfach zusammen: „Es ist ein Wahnsinn.“

Wohnen im Container

Der wartet bald auch auf Anna Klaushofer. Denn der Abend steht bevor. Eine neue Band betritt die Bühne, an den Tischen werden Reservierungszettel befestigt. Von 18 Uhr an ist das Zelt beinahe voll. Dann wird’s laut und hektisch, und manchmal auch zudringlich. „Das kann aber auch dienstagmittags passieren“, sagt die 22-Jährige. Der Normalfall sei das ohnehin nicht. „Und wenn Gäste doch mal unangenehm werden, lässt man’s meist einmal durchgehen – und beim zweiten Mal kommt der Sicherheitsdienst.“ Die Sicherheitslage, gerade was das Personal betrifft, ist denn auch laut Festwirten, Polizei und Veranstalter entspannt.

Die Stadtbahnen spucken immer mehr junge Männer in Lederhosen und Karohemden sowie junge Dirndlträgerinnen aus. Sie strömen in die Zelte, in Partylaune und oft schon angeheitert. Alles steht auf den Bänken. „Die Krüge hoch“, schallt es von der Bühne. Tausendfach werden diesmal Maßkrüge nach oben gereckt. Anna Klaushofer schleppt Unmengen Bier durch die Gänge.

Die Österreicherin hat nach Feierabend wenigstens keinen langen Heimweg. Wie so viele Wasen-Beschäftigte wohnt sie auf dem Campingplatz nebenan. „In einem Container, wie auf der Baustelle“, sagt sie. Diese 17 Tage sind eben der Ausnahmezustand – aber für Arbeitsmenschen kein Problem.

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