Henny Stamer in ihrem Weinzelt: Diesen Herbst wird es dieses Bild nicht mehr geben. Foto: Leif Piechowski

Das Weinzelt der Schaustellerfamilie wird nicht mehr zugelassen. Die Alte Kanzlei übernimmt.

Stuttgart - Sie gehört zum Volksfest wie die Fruchtsäule: die Familie Stamer. Seit Generationen sind die Stamers auf dem Wasen, als Zuckerbäcker, Karussellbetreiber, Gastronomen. Nun endet eine Ära. Ernst und Henny Stamer bekamen keine Zulassung mehr für ihr Weinzelt. Die Alte Kanzlei übernimmt.

Es war beim jüngsten Volksfest. Über ihre Familientradition hatten wir mit Henny Stamer geplaudert. Zum Abschied hatte sie uns herumgeführt. Und gezeigt, was alles neu ist, wie sehr sie und ihr Bruder in ihr Zelt investiert hatten. Und was sie noch vor hatten. Schließlich sollte es schmuck dastehen, dieses Jahr wäre ein Jubiläum angestanden. 1972, vor 40 Jahren, hatte Vater Willi erstmals das Weinzelt auf dem Volksfest aufgebaut. Nun fällt die Feier aus. Denn die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, Herrin des Wasens, hat die Stamers nicht mehr fürs Volksfest zugelassen.

Nicht nur Schüler, auch Karussells, Imbisse und Zelte bekommen Noten

„Wir hatten vier Bewerbungen für ein Weinzelt“, sagt Andreas Kroll, Chef der in.Stuttgart, „und das Konzept der Alten Kanzlei hat uns überzeugt.“ Sprich, man hielt es für besser als jenes der Familie Stamer. Sogar für deutlich besser. Was sich auch bei der Punktevergabe zeigte. Nicht nur Schüler, auch Karussells, Imbisse und Zelte bekommen Noten.

Jahr für Jahr bewerben sich mehr als 1000 Schausteller für die knapp 400 Plätze auf dem Volksfest. Zur Auswahl fassen die Organisatoren die Branchen zusammen, etwa Süßwaren, Wurfbuden oder Weinzelte. Und verteilen dann Punkte in verschiedenen Kategorien. Die Bewerber mit den höchsten Punktezahlen werden zugelassen. Zwar gibt es Ausnahmen für Geschäfte, die schon lange auf dem Wasen sind. Doch im Falle Stamer half auch die Tradition nichts. Die Bewerbung der Alten Kanzlei sei so attraktiv gewesen, dass man sie nicht habe ablehnen können, heißt es auf dem Wasen.

Henny Stamer möchte erst einmal nichts sagen. „Geben Sie mir 14 Tage Zeit, bis ich mich sortiert habe.“ Widerspruch hat sie auf jeden Fall eingelegt.

Mit der Zeit gehen

„Wir haben Frau Stamer in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass sie etwas tun muss“, sagt Kroll, „und dieser Schritt ist uns jetzt nicht leicht gefallen.“ Aber man müsse das Fest entwickeln, mit der Zeit gehen. „Es gibt genug Beispiele für Feste, bei denen die Veranstalter so lange an der Tradition festhielten, bis kein Besucher mehr kam.“

Nun hat die Familie Stamer maßgeblich an der Tradition des Volksfests mitgewirkt, den Wasen geprägt. Schon 1780 war ein Vorfahr als Schausteller unterwegs. Willi Stamer war Zuckerbäcker, seine Frau Henriette stammte auch aus einer Schaustellerdynastie. Zunächst verkauften sie Süßwaren, bis Willi Stamer vom Dach fiel, sich den zweiten Lendenwirbel brach und nicht mehr Zucker kochen konnte.

1972 eröffneten die Stamers einen Imbiss

Also eröffneten die Stamers einen Imbiss und 1972 das Weinzelt. Weil Peer-Uli Färber, damals Verkehrsdirektor, und Stamer gerne auch auf dem Wasen ein Viertele trinken wollten. Wie überhaupt Stamer ein Patron auf dem Platz war. Er war 40 Jahre Chef des Schaustellerverbands Südwest, konnte gut mit Färber und wusste seinen Einfluss zu nutzen. Nun endet die Ära der Stuttgarter Schaustellerfamilie auf dem Wasen.

Die Alte Kanzlei übernimmt. Deren Chef Marco Grenz frohlockt. „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen.“ Bereits im Vorjahr habe er sich beworben, damals aber eine Absage bekommen. Nun darf er vom 28. September bis zum 14. Oktober 2012 als Wasenwirt grüßen. Virtuell hat er sein Zelt bereits aufgebaut. Unter www.wuerttemberghaus.de kann man im Internet sehen, was er auf dem Wasen präsentieren will.

Über 40 Weine will er ausschenken, den günstigsten zu vier Euro, Essen soll von vier bis 40 Euro kosten. 700 Gäste sollen Platz im Zelt finden, 350 im Biergarten, 150 in einer Lounge. Als Vorbild gilt ihm das Zelt von Feinkost Käfer beim Oktoberfest in München, dort trifft sich die Schickeria gerne zum Champagner. Schampus statt Viertele, ist das die schöne neue Wasenwelt? Gut möglich, dass nach einer Klage Stamers das Verwaltungsgericht klären muss, wie viel Tradition das Volksfest noch verträgt.

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