Die Bäckerei am Eck ist die einzige Einkaufsmöglichkeit in Zazenhausen Foto: Peter-Michael Petsch

In vielen Teilen der Stadt bricht die Nahversorgung weg. Nun sollen Experten vorschlagen, wie zwölf stark betroffenen Bezirken zu helfen ist. „Die Konzepte reichen vom Ortsbus bis zum Wochenmarkt“, sagt Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht. Im ersten Teil unserer Serie blicken wir auf Zazenhausen.

In vielen Teilen der Stadt bricht die Nahversorgung weg. Nun sollen Experten vorschlagen, wie zwölf stark betroffenen Bezirken zu helfen ist. „Die Konzepte reichen vom Ortsbus bis zum Wochenmarkt“, sagt Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht. Im ersten Teil unserer Serie blicken wir auf Zazenhausen.

Stuttgart - Früher war hier mal ein Metzger. Aber das ist so lange her, dass sich Rose Siegel fast nicht mehr daran erinnern kann.Dabei sollte sie es wissen. Schließlich war der Metzger ihr Vorgänger in dem Ladenlokal an der Kirchäckerstraße. Die Siegels betreiben eine ihrer insgesamt 15 Bäckerei-Filialen in Zazenhausen. Und sie sind zufrieden mit dem Standort. Vor allem seit das Neubaugebiet Hohlgrabenäcker fertig geworden ist.

Seither ist der Umsatz noch ein bisschen besser geworden. Der Laden ist zwar keine Goldgrube. In der Umsatz-Rangliste der Siegel-Filialen belegt er nur einen Mittelfeldplatz, aber das Geschäft lohnt sich. Allerdings nur für einen Bäcker. Alle anderen Lebensmittelhändler machen einen großen Bogen um Zazenhausen. Die ganz großen Händler der Branche sowieso.

Die Wirtschaftsförderung unter der Führung von Ines Aufrecht wollte bis zuletzt einen Discounter in den Norden der Stadt locken. Doch alle winkten nur müde ab: „Viel zu wenig Bürger“, lautete die Begründung, „viel zu wenig Umsatz.“

Wenn Reinhold Weible das hört, stellen sich ihm die Nackenhaare auf. Der Vorsitzende des Bürgervereins Zazenhausen kennt das Trauerspiel um die Nahversorgung in diesem Stadtteil von der ersten Stunde an. Also weiß er auch, dass alles ganz anders hätte laufen sollen. „Die eigentliche Triebfeder, das Neubaugebiet zu bauen, war eigentlich der Plan, damit die Nahversorgung zu sichern“, sagt Weible.

Denn die großen Lebensmittelketten forderten, dass Zazenhausen mindestens 2500 Einwohner haben müsse. Nur so lohne sich das Geschäft für einen Vollsortimenter. Also baute man das neue Viertel mit einer Fläche für einen großen Laden. Heute hat Zazenhausen dank des Neubaugebietes 3500 Einwohner. Aber inzwischen fordern die potenziellen Betreiber eines großen ­Marktes 5000 Einwohner als Geschäftsgrundlage.

Lange geschah nach den Absagen nichts. Bis der Immobilien-Eigentümer, die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG), die Geduld verlor und einen Teil der Handelsfläche in Wohnungen umwandelte. Übrig blieben lediglich 145 Quadratrmeter Ladenfläche.

„Ein Witz“, sagt Weible, „für einen Laden dieser Größe findet man keinen Betreiber für Lebensmittel.“ Discounter brauchen das Zehnfache an Fläche. Selbst Manfred Kaul, Chef der Bonus-Märkte und auf Sonderfälle spezialisiert, hat dankend abgewinkt. „Darauf lässt sich eben kein Betreiber ein“, bestätigt auch Dieter Reischl, stellvertretender Bezirksvorsteher von Zuffenhausen, die verfahrene Situation in Zazenhausen.

Zusammengefasst: Jetzt fehlt die Fläche, die einen Laden in entsprechender Größenordnung mit ausreichend Parkplätzen zulässt. Damit denkt ein Unternehmer gar nicht mehr über ein Projekt an diesem Ort nach. Ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist. Ohne Fläche findet man keinen Betreiber – aber ohne Betreiber lohnt es sich für die Stadt oder die Wirtschaftsförderung nicht, eine neue Fläche auszuweisen. Ganz egal wie man die Sache auch dreht und wendet: Es lohnt sich für keinen Händler. Für keinen – mit Ausnahme der Bäckerei Siegel.

„Mehr geht hier einfach nicht“, glaubt Rose Siegel, „die Leute haben doch alle ein Auto und kaufen in Mühlhausen oder Zuffenhausen ein.“ Weiter sagt sie: „Früher kamen ab und zu ein paar Ältere und wollten diese oder jene Lebensmittel. Aber die Fragen danach haben auch immer mehr nachgelassen.“ Alle hätten sich mit der verfahrenen Situation arrangiert.

Gibt es etwa gar keine Nachfrage nach einem örtlichen Lebensmittelladen? Ist Zazenhausen etwa keiner der Brennpunkt-Bezirke in der Stadt, die von einem Experten-Team im Auftrag der Stadt identifiziert wurden? Gibt es gar keine Zazenhausener, die gerne in der Nähe ihrer Wohnung einkaufen wollen?

Es gibt sie. Nicht unbedingt im Neubaugebiet, aber in Alt-Zazenhausen. „Dort wohnen viele ältere Menschen“, sagt Dieter Rieschl. Jene Senioren haben den Bedarf, auf kurzen Wegen das Nötigste einkaufen zu wollen. „Für diese Menschen ist die Situation schwierig“, sagt Christine Knorst, stellvertretende Vorsitzende des Gewerbe- und Handelsvereins Zuffenhausen, „denn auch der Knisel könnte öfter fahren.“ Mit Knisel meint sie den Busunternehmer, der für den VVS den öffentlichen Nahverkehr übernimmt. Die Linie 401 fährt von Mühlhausen über Zazenhausen, Zuffenhausen nach Feuerbach und wieder zurück.

An der Haltestelle Viadukt stehen tatsächlich zwei ältere Damen, die täglich nach Zuffenhausen zum Einkaufen fahren. Margot Müller und ihre Begleiterin, die ihren Namen nicht nennen will, haben längst resigniert: „Wir fahren halt mit dem Bus, weil uns nix anderes übrig bleibt. Wenn jemand fragt, wo wir wohnen, sagen wir immer: Am A. . . der Welt.“ Beide fühlen sich abgehängt. Von der Kommunalpolitik vernachlässigt und benachteiligt: „Wir haben hier nicht einmal einen Briefkasten.“ Eine weitere Frau mischt sich ins Gespräch ein und klagt: „Andere fahren mal kurz mit dem Auto zum Einkaufen. Aber das kann ich mir nicht leisten.“

Es sind offenbar einige, die mit dem Bus zum Einkaufen fahren. Damit scheint die Ortsbus-Variante, wie sie beispielsweise in Botnang praktiziert wird, auch für Zazenhausen eine Lösung zu sein. Auch die Möglichkeit, die Versorgung über einen mobilen Laden zu gewährleisten, drängt sich auf. Aber hier hat sich Reinhold Weible vom Bürgerverein schon eine blutige Nase geholt. „Mobile Läden sind keine Lösung. Sie haben mir bereits vor zwei Jahren alle abgesagt“, sagt er und seufzt: „Ich glaube nicht mehr daran, dass sich hier überhaupt etwas tut. Der Markt ist buchstäblich verlaufen. Die Leidtragenden sind jetzt die Familien mit Kindern und die Alten.“

Zazenhausen – ein hoffnungsloser Fall?

„Jein“, meint Richard Weible: „Wenn sich etwas grundlegend ändern soll, muss der Leidensdruck noch größer werden.“ Aber selbst dann . . . , „dann wird es sehr, sehr schwer, eine Lösung für Zazenhausen zu finden“, wie auch der stellvertretende Bezirksvorsteher Dieter Reischle meint.

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