Die „poetische Anmutung“ ist nur noch von begrenzter Dauer, die Tage der Lindenallee in Schorndorf sind gezählt – allerdings gibt’s zum Ausgleich Neupflanzungen an anderer Stelle. Foto: Peter-Michael Petsch

Gutachten belegt, dass sich keine Fledermäuse im Geäst aufhalten. Umstrittene Fällung kann beginnen.

Schorndorf - Noch in der vergangene Woche hatte Jörg Daiss, Sprecher des Naturschutzbunds (Nabu) für Schorndorf und Umgebung, gegen die Umsetzung der vom Gemeinderat mit knapper Mehrheit beschlossenen Neugestaltung der Uhlandstraße gewettert. 22 alte Bäume entlang jener Allee sollen abgeholzt werden, um endlich die Holperpiste zu beseitigen und bei der Neugestaltung des Asphalts gleich einige Anwohnerparkplätze anlegen zu können.

Den Naturschützern geht diese geplante Fällaktion allerdings gewaltig gegen den Strich. Bereits im vergangenen Herbst wurde eine Bürgerinitiative Uhlandstraße gegründet. Sprecher Eberhard Klasse rügte mit Blick auf die eigentlich kerngesunden Bäume den Beschluss des Stadtparlaments als eine „krasse Fehlentscheidung“. Mit den Raible-Anlagen an der Uhlandstraße und dem nahen Feuersee habe Schorndorf „eine gewachsene Stadtlandschaft mit sehr poetischer Anmutung“. Diese solle nun durch die „unnötige Baumfällaktion“ zerstört werden.

Landratsamt Waiblingen in Aktion gesetzt

Die Initiative wandte sich im Dezember 2011 an den Petitionsausschuss des Stuttgarter Landtags, um das Ganze doch noch abwehren zu können. Damit verbunden war bereits eine erste Verzögerung, weil der Petitionsausschuss sich erst im März 2012 mit dem Thema befassen wollte – allerdings dürfen nach der Baumschutzverordnung nur bis Ende Februar und dann wieder ab Oktober die Motorsägen röhren.

Zugleich setzte die Initiative das Waiblinger Landratsamt in Aktion. Der Grund: In den Bäumen könnten möglicherweise Fledermäuse ihre Jungen aufziehen. Tatsächlich wies die Kreisbehörde zum Jahreswechsel die Stadt Schorndorfer an, „fachlich qualifiziert zu prüfen“, ob tatsächlich Zwergfledermäuse in den Linden zu Hause sind.

Süffisante Untertöne aus dem Rathaus

Die Expertise mit dem Titel „Ausbau der Uhlandstraße in Schorndorf – Überprüfung der Sommerlindenallee auf eine Quartiernutzung durch Fledermäuse“ liegt nun vor. Das Ergebnis verleitet Rathaussprecher Jörg Aschbacher zu erkennbar süffisanten Untertönen: „Weit und breit keine einzige Spur von Fledermäusen“, betont er. Auch eine Fortpflanzungsstätte, ein Wochenstubenquartier, war auf den Linden nicht zu finden.

Tatsächlich ging das Gutachterteam aus Esslingen akribisch ans Werk. „Mit deutscher Gründlichkeit“, so heißt es aus der Verwaltung, hätten die Experten per Hebebühne jeden Baum untersucht, ihre Erkenntnisse in einem zwölfseitigen Gutachten samt Anhängen zusammengefasst und das „Unbedenklichkeitssiegel“ ausgestellt.

Möglicherweise nisten die Tiere sich mal für eine Nacht ein

Diplom-Ingenieur Dieter Blaser erläutert die Ergebnisse: „Sämtliche Baumhöhlen, Astlöcher und Rindenspalten wurden bis in alle relevanten Baumbereiche untersucht.“ Die Inspektion der Höhlen und Spalten erfolgte je nach Beschaffenheit wahlweise mit einem Endoskop oder einer Schwanenhalslampe. Doch „Hinweise auf eine aktuelle Belegung als Winterquartier“ ergaben sich nicht.

Auch entdeckten die beiden Diplom-Ingenieure und die beiden Diplom-Biologen des Büros keine charakteristischen und eindeutigen Spuren, die auf eine zurückliegende Nutzung schließen lassen – etwa „Kotfunde, Urinspuren, verfärbte Hangstellen, Fraßplätze oder Mumien“. Mehrere Höhlen sind nach oben geöffnet, so dass sie keinen Schutz vor Regenwasser bieten. Folglich waren diese Höhlen zum Zeitpunkt der Kontrolle auch mit Wasser gefüllt. Andere Höhlen bieten ungenügend Schutz vor Licht oder Zugluft und sind deshalb für Fledermäuse nicht geeignet.

Der Gutachter schließt allerdings nicht aus, dass sich eine Fledermaus mal für eine Nacht in der Linde aufhält. Vorgeschlagen wird deshalb, dass drei Flachkästen und zwei Rundkästen an den Bäumen des angrenzenden Parks der Raible-Anlagen installiert werden. Rathauschef Matthias Klopfer zieht nun eine klare Schlussfolgerung: „Die Sommerlinden können gefällt werden.“

„Außer Spesen nichts gewesen“

Zugleich rügt die Stadtverwaltung angesichts dieser eindeutigen Ergebnisse, dass die Gegner des Ausbaus der Uhlandstraße „alle Register ziehen, um die notwendige Fällung der 22 teils kranken Linden zu verhindern“. Die Vermutung, dass dort Fledermäuse nisten, habe sich „als starker Tobak erwiesen“. Klopfer hat das Ergebnis der Untersuchung, wie viele andere mit ihm, erwartet und urteilt nach diesem erzwungenen, aufwendigen Verfahren: „Außer Spesen nichts gewesen.“

Bis die Bäume tatsächlich gefällt werden, dürfte freilich noch einige Zeit ins Land gehen. Denn zum einen muss die Baumschutzverordnung berücksichtigt werden. Zumanderen empfiehlt der beauftragte Gutachter, alle Eventualitäten zu berücksichtigen: Um eine unbeabsichtigte Störung oder gar Tötung von Fledermäusen zu vermeiden, die eventuell spontan eine Baumhöhle als Quartier ausgesucht haben, sollte nur von November bis März gefällt werden.

Und schließlich steht ja auch noch die Sitzung des Petitionsausschusses aus. Diese wurde von März in den Sommer verlegt. Angesichts des Gutachtens rechnet Rathaussprecher Aschbacher jedoch nicht damit, dass die Landespolitiker das demokratische Votum des Schorndorfer Gemeinderats noch aushebeln werden.

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