Mit Rollstuhl ist hier Endstation, bevor die Reise begonnen hat: Ein Aufzug im Esslinger Bahnhof funktioniert mal wieder nicht. Foto: Roberto Bulgrin

Eine Rollstuhlfahrerin sucht einen neuen Arbeitsplatz und wird durch defekte Aufzüge in Bahnhöfen ausgebremst – etwa in Esslingen, wo der Fahrstuhl zur Bahnsteigunterführung seit 27. November stillsteht.

Esslingen - Für viele Menschen ist es ein Alltagsärgernis. Für Andrea F. (Name von der Red. geändert) ist es eine Art Freiheitsberaubung mit gravierenden Folgen für ihr Berufsleben: das unkalkulierbare Risiko nicht funktionierender Aufzüge in Bahnhöfen, namentlich dem in Esslingen, die eigentlich die Barrierefreiheit im öffentlichen Personenverkehr ermöglichen sollen. Seit ihrer Geburt mobilitätseingeschränkt – den Ausdruck „behindert“ weist sie zurück –, ist die 52-jährige kaufmännische Angestellte auf einen Rollstuhl angewiesen. Und so bedeuten die Worte „Außer Betrieb“ an der Aufzugtür für sie unter anderem versäumte Bewerbungsgespräche oder zumindest Unpünktlichkeit. Beides keine tolle Empfehlung in den Augen künftiger Arbeitgeber, auch wenn Andrea F. nichts dafür kann. Und sie spielt mit offenen Karten: „Ich bin zum ehrlichen Menschen erzogen worden“, sagt sie. „Es gehört sich, einen neuen Chef darauf hinzuweisen, warum man Pünktlichkeit nicht immer garantieren kann.“

 

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Etliche Jahre arbeitete Andrea F. in Esslingen, nicht allzu weit von ihrer Wohnung entfernt. Seit fünf Monaten ist sie arbeitslos. Seither erweist sich das Beförderungsproblem auch beruflich als bisweilen schier unüberwindliches Hindernis. „Am Abend vor einem Vorstellungsgespräch in Tübingen habe ich mich noch informiert, ob die Aufzüge im Bahnhof Esslingen funktionieren. Am nächsten Morgen war einer außer Betrieb. Ich kam nicht zum Regionalexpress.“ Einen Zeitpuffer hatte sie aus leidvoller Erfahrung eingeplant, sie versuchte, mit dem Bus über den Flughafen zu fahren, verpasste dort den Anschluss – und mit dem Termin auch den Job. Andrea F. kann viele solcher Geschichten erzählen, deren „Hauptfigur“ immer ein kaputter Aufzug ist. Im Stuttgarter Hauptbahnhof war es einer der Fahrstühle von der S- zur U-Bahn, bei einer bereits zugesagten Stelle in Göppingen kam das Esslinger Aufzugproblem dazwischen.

Mit dem Termin auch den Job verpasst

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„Falsche Bauteile geliefert“

Dessen jüngste Folge dauert, nachdem es auch in den vergangenen Jahren teils langwierige Stillstände gab, seit 27. November. Seither geht nichts beim Aufzug vom Bahnhofsvorplatz zur Unterführung, und zwar „wegen eines technischen Fehlers“, wie die Deutsche Bahn auf Anfrage mitteilt. Und warum zieht sich das so hin? „Die Bahn hat die Herstellerfirma umgehend mit der Störungsbeseitigung beauftragt. Leider wurden zwischenzeitlich falsche Bauteile geliefert, weshalb sich die Reparatur verzögert“, erklärt der Bahnsprecher. Und fügt hinzu: „Zwischen dem ersten Januar und dem 26. November 2021 hatte dieser Aufzug eine Verfügbarkeit von 97,9 Prozent.“ Allerdings gibt es im Esslinger Bahnhof mehrere Aufzüge, ebenso an Ziel- und Umsteigebahnhöfen. Für mobilitätseingeschränkte Menschen wächst damit je nach Zahl der zu passierenden Aufzüge das Barriere-Risiko.

Für die Stadt ein Dauerärgernis

Bei der Stadt Esslingen wertet man das Aufzugproblem im Bahnhof jedenfalls als „Dauerärgernis“, wie Niclas Schlecht sagt, der Sprecher von Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Er erinnert an etliche Briefe, welche die Stadt in den vergangenen Jahren an die Bahn geschrieben habe. „Wir erwarten jetzt, dass die Bahn das Problem schnellstmöglich und dauerhaft löst.“ Auch der Esslinger CDU-Bundestagsabgeordnete Markus Grübel hat sich in der Sache zu Wort gemeldet. Er dringe bei der Bahn „seit langer Zeit auf echte Barrierefreiheit“ und habe sie auch in diesem Jahr bereits mehrmals zum schnellen Handeln aufgefordert, schreibt er in einer Pressemitteilung. Der Vorgang zeige aber auch, wie wichtig ein zweiter barrierefreier Zugang zu den Bahnsteigen sei. Den Mitarbeiter, den Grübel von der Bahn zur Hilfe mobilitätseingeschränkter Menschen fordert, hat Andrea F. während des jüngsten Aufzug-Stillstands nicht gesichtet.

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„Alle reden von Inklusion, keiner tut was“

Sie ist inzwischen vom Glauben an den gesellschaftlichen Willen zur Inklusion beinahe abgefallen: „Es kann doch nicht sein, dass alle davon reden, und keiner tut was.“ Der Versuch, die Barrieren mit behördlicher Hilfe zu überwinden, führte ihrer Darstellung nach in einen absurden bürokratischen Zirkel. Ihre Anfrage bei der Deutschen Rentenversicherung, ob sie Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben – in diesem Fall Fahrdienste oder die Erstattung von Taxigebühren – beanspruchen könne, sei mit der Auskunft beschieden worden: Erst wenn sie tatsächlich einen Job habe.

In einem Teufelskreis

Auf Nachfrage unserer Zeitung verwies der Sprecher der Deutschen Rentenversicherung in Berlin auf Ermessensspielräume bei der Entscheidung über solche Leistungen. Auskünfte zu Einzelfällen seien im journalistischen Rahmen nicht zulässig. Für Andrea F. ist klar, dass sie einen Job erst bekommt, wenn sie ein Maß an Zuverlässigkeit zusichern kann, das angesichts der Unzuverlässigkeit im öffentlichen Verkehr nur mit zusätzlicher Unterstützung möglich ist. Womit sich der Teufelskreis geschlossen hätte. Ihr bitteres Fazit: „Ich möchte arbeiten, aber mir werden nur Steine in den Weg gelegt.“

Nachträgliche Barrierefreiheit

100 Aufzuganlagen
 Zahlreiche Bahnhöfe sind historische Gebäude. Doch nicht nur vor 100 und mehr Jahren, auch in der jüngeren Vergangenheit dachte offenbar niemand an Barrierefreiheit, die mobilitätseingeschränkten Menschen die selbstständige Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel erst erlaubt. Heute gibt es laut Auskunft der Deutschen Bahn in der Region Stuttgart rund 100 Aufzuganlagen, viele von ihnen nachträglich in die Bahnhöfe eingebaut. Durchschnittlich und aufs Jahr gerechnet seien sie zu 97 Prozent in Betrieb.

Online-Info
 Über die Verfügbarkeit von Aufzügen in ihren Bahnhöfen informiert die Deutsche Bahn auf der Webseite bahnhof.de und über die App Bahnhof live. Außerdem hilft die Mobilitätsservicezentrale der Bahn unter der Telefonnummer 0 30/65 21 28 88.