Nachdem die Flüchtlingszahlen wieder gesunken sind, ist jetzt die Zeit für einen Kassensturz. Wo könnte in Zukunft weitere Unterkünfte entstehen? Und wie kann Leonberg dem Bedarf an Pflegeplätzen und Seniorenwohnungen begegnen?
Zuerst Flüchtlinge anstelle von Senioren, nun wieder Senioren anstelle von Geflüchteten – so zumindest sieht die künftige Belegung des ehemaligen Seniorenzentrums am Parksee in Leonberg aus.
Kleiner Rückblick: 2022 waren die Bewohner der Einrichtung der Samariterstiftung in ein 2019 neu gebautes Gebäude neben dem Leonberger Rathaus umgezogen. Seitdem steht die Altersresidenz am Stadtpark leer. Im Herbst 2023 waren Pläne bekannt geworden, dass der Kreis Böblingen das Gebäude anmieten und dort Geflüchtete unterbringen möchte. Damals waren etwa 300 Menschen aus der Landeserstaufnahme in den Kreis geschickt worden – pro Monat.
Keine einfachen Lösungen bei komplexen Themen
Die Pläne hatten für erheblichen Widerstand am Engelberg gesorgt, Senioren aus dem benachbarten betreuten Wohnen etwa hatten Unterschriften dagegen gesammelt, es gab auch eine Demo vor dem Rathaus. Dass Flüchtlinge dort in in der Nähe von Senioren, Schulen und Kindergarten sowie Einkaufsmöglichkeiten einziehen, war vielen nicht geheuer. Dass der Protest hier und da von rechten Stimmen unterstützt wurde, half weder dem Anliegen der Senioren noch einem lösungsorientierten Dialog.
Aber genau den braucht Leonberg jetzt und das in Bezug auf beide Themen. Geflüchtete dürfen nicht ausgespielt werden gegen ältere Menschen, die Pflege und Unterstützung benötigen. Bei beiden Themen ist die Sachlage komplex und es gibt keine einfachen Lösungen, im besten Falle kurzfristige Linderungen.
Da nun das Flüchtlingsheim am Stadtpark vom Tisch ist und der Investor im früheren Pflegeheim nun dort wieder Ältere beherbergen will, ist alles gut? Bei Weitem nicht. Zum einen soll dort betreutes Wohnen eingerichtet werden. Das ist ganz sicher nachgefragt, allerdings werden in den nächsten Jahren wohl weitere Plätze in der stationären Pflege benötigt. Zum anderen wird es aber dauern, bis das Gebäude modernisiert und umgebaut ist. Und noch immer schwebt der Arbeitskräftemangel in der Pflege wie ein Damoklesschwert über allem.
Ein erneuter Kassensturz muss her
Bei der Unterbringung von Geflüchteten wird es sogar noch komplizierter, denn hier gibt es ein dreistufiges System vom Land über die Kreise bis hinunter in die Kommunen. Wobei die Kreise ihre Unterkünfte über die Kommunen verteilen. Die Zahlen fluktuieren. Und wenn mehr Plätze für Asylbewerber benötigt werden, dann kommt dieser Zuwachs nach spätestens zwei Jahren in den Kommunen an.
Leonberg ist dabei nicht untätig geblieben. Und doch ist die Aufgabe nicht einfacher geworden. Vor ziemlich genau zehn Jahren schon schrieb ich von der Quadratur des Kreises, als zwei Standorte für neue Unterkünfte für Geflüchtete und Wohnungslose gesucht wurden. Also schon vor dem großen Flüchtlingszustrom der Jahre 2015 und 2016.
Und mal wieder ist es Zeit für einen Kassensturz. Da kommt es gelegen, dass die Fortschreibung des Flächennutzungsplans beginnt und die Stadt genau unter die Lupe genommen wird. In einer Stadt muss es Platz für alle geben: für Familien mit Kindern, für Alleinstehende, für fitte Senioren und Pflegebedürftige, für Geflüchtete und für heimische Wohnungslose, um nur einige Beispiele zu nennen.
Ein neuer Plan muss her, wo Geflüchtete bei steigenden Zahlen unterkommen sollen. Und wo der Bedarf für Pflege und seniorengerechtes Wohnen zusätzlich gedeckt werden kann. Denn so ein Kreis hat nicht nur keinen Anfang, sondern auch kein Ende.