Da es immer weniger Apotheken gibt, wurde der Notdienst in Baden-Württemberg umgestellt. Eine KI erstellt nun die Dienstpläne. Foto:  

Am Feiertag sucht ein Mann aus Leonberg eine Apotheke, um sein Rezept einzulösen. Dafür muss er nach Malmsheim oder Schwieberdingen. Die Notdienstpläne werden seit Januar per KI erstellt. Doch das sei eine Verbesserung, sagt die zuständige Kammer.

Krank wird man selten dann, wenn es günstig ist. Und gerade in der kalten Jahreszeit mit ihren vielen Erkältungsbakterien und Grippeviren ist die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, medizinische Hilfe beim Genesen zu benötigen.

 

So erging es auch Rüdiger Schmidt aus Leonberg, den es am Dreikönigstag erwischt hatte. Beim Besuch der Notfallpraxis erhielt er ein Rezept, dass er noch am Feiertag einlösen wollte. In einer Stadt mit fast 50 000 Einwohnern wird wohl eine der zehn Apotheken Notdienst haben, dachte sich der Anwalt. Nach einem Blick auf den Aushang der Apotheke in der Altstadt, die seiner Wohnung am nächsten gelegen ist, stellte sich jedoch heraus: Um das Rezept einzulösen, muss er nach Renningen-Malmsheim, Schwieberdingen oder Stuttgart-Vaihingen fahren. Das sind an jenem Tag die nächstgelegenen Notdienst-Apotheken.

Wohnortnahe Versorgung seit unverzichtbar

Auch wenn das für ihn persönlich an jenem Tag kein Problem darstellt – seine Frau holte für ihn die Medikamente ab –, hat es ihn sehr verärgert. „Dieser Zustand ist für eine Stadt dieser Größe inakzeptabel. Gerade an Sonn- und Feiertagen ist eine wohnortnahe Versorgung durch Apotheken unverzichtbar“, sagt Rüdiger Schmidt. Es sei nicht zumutbar, eine solche Odyssee hinlegen zu müssen. „Die Menschen gehen am Feiertag ja nicht aus Spaß zum Arzt, sie haben eine körperliche Not“, meint er. Und wer keinen Führerschein besitze, sei meist noch schlechter dran.

Miriam Sachs von der h&h-Apotheke am Leonberger Marktplatz begrüßt zwar die Sorge um die Mitmenschen. „In der Realität ist das aber nicht wirklich ein Thema“, sagt die Apothekerin. „Die meisten haben in dieser Situation jemanden, der zur Apotheke fahren kann. Oder sie sind so krank, dass sie ohnehin im Krankenhaus behandelt werden.“ Dass am Feiertag keine einzige Apotheke in Leonberg Notdienst hatte, sei auch nicht ungewöhnlich. „Das kommt schon hin und wieder mal vor“, sagt Sachs. Und immerhin sei am Tag davor, dem Sonntag, eine Apotheke in Ditzingen dran gewesen.

Im alten Kreissystem waren Dopplungen möglich

Bis zum Jahreswechsel ist der Apotheken-Notdienst noch in so genannten Notdienst-Kreisen organisiert gewesen, die sich in ihrer Struktur an die Landkreise angelehnt haben. Laut Apothekerkammer Baden-Württemberg hatte es fast 100 dieser Kreise gegeben. Das zu Leonberg gehörende Gebiet etwa habe sich von der Großen Kreisstadt bis nach Weissach, Weil der Stadt und Magstadt erstreckt. Ditzingen und Gerlingen hingegen hätten zu einem anderen Notdienst-Kreis gehört. „Da ist es schon mal vorgekommen, dass in Leonberg und Gerlingen oder Ditzingen gleichzeitig Apotheken Notdienst hatten“, berichtet Miriam Sachs.

Doch das ist seit dem neuen Jahr alles anders. Die Apothekerkammer, die für die Notdienste zuständig ist, setzt nun Künstliche Intelligenz ein, um die Pläne zu erstellen. Die alten Kreise sind passé, stattdessen gibt es nun standardisierte Parameter „wie Bevölkerungsdichte, Entfernung zweier Apotheken in Straßenkilometern, notwendige Ruhezeiten zwischen zwei Notdiensten und weiteren Faktoren“, erklärt Miriam Traufenbach, Pressesprecherin der Apothekerkammer. Damit wird ein Raster erzeugt, in dem die Notdienste gleichmäßig über das Bundesland verteilt sind So sollen blinde Flecken und lokale Dopplungen vermieden werden. In Städten oder Ballungszentren mit 75 000 Einwohnern oder mehr habe auch mindestens eine Apotheke geöffnet.

Immer weniger Apotheken in Deutschland

„Die Entfernung zwischen zwei Notdienst-Apotheken liegt im Schnitt bei acht Kilometern“, berichtet Traufenbach. In 98 Prozent der Fälle könne eine Maximalentfernung von 25 Straßenkilometern eingehalten werden. Die Entfernung zwischen Schwieberdingen und Malmsheim liegt bei 21 Kilometern.

Für die Leonberger Apothekerin liegt das Problem ganz woanders „In Deutschland schließen jährlich hunderte Apotheken“, sagt sie. Gerade in ländlichen Gebieten sei es immer schwieriger geworden, die Dienste abzudecken. Hier bringe das neue System deutliche Verbesserungen. „Wir in der h&h-Apotheke haben mit 20 ungefähr gleich viele Notdienste in diesem Jahr. Aber Kollegen im Schwarzwald etwa hatten bisher alle fünf bis sechs Tage Notdienst. Das ist jetzt nicht mehr so viel“, berichtet die Apothekerin.

Für 24-Stunden-Notdienst werden zwei Apotheker gebraucht

Notdienst heißt, die Apotheke ist für 24 Stunden, von 8.30 Uhr morgens bis 8.30 Uhr am nächsten Tag, geöffnet. Egal, welcher Wochentag ist. „Am Wochenende und an Feiertagen braucht es immer zwei Leute. Und diese Dienste dürfen nur Apotheker machen“, erklärt Miriam Sachs. Aus dem nächtlichen Notdienst gehe es für sie oft direkt wieder in den normalen Tagdienst. „An Neujahr 2022 habe ich einmal 24 Stunden Notdienst machen müssen, da meine Kollegin krank war. An diesem Tag habe ich 300 Menschen bedient“, erzählt sie.

„Man muss da wirklich abwägen, was für den Patienten zumutbar ist und was für die Apotheken“, sagt sie. Perspektivisch wird es wohl auch nicht besser, eher im Gegenteil. Stichwort Babyboomer. „Wir haben eine alternde Bevölkerung und uns fehlen immer mehr Arbeitskräfte“, sagt Sachs.

Notdienstsuchen gibt es verschiedene im Netz, etwa www.aponet.de oder direkt bei der Landeskammer auf www.lak-bw.de .