Produktionsrückgänge nach Corona-Lockdown und der Chipmangel schlagen jetzt voll auf den Gebrauchtwagenmarkt durch. Beliebte Modelle sind schwer zu bekommen.
Stuttgart - Wegen Corona steigen die Preise für Gebrauchtwagen. Die Produktionsrückgänge 2020, als die Bänder während der Lockdowns stillstanden, und der Chipmangel 2021 schlagen voll am Markt für Gebrauchtfahrzeuge durch. Der Handel stöhnt über leere Verkaufsräume, der Autokäufer über historisch hohe Preise.
Kaum mehr junge Gebrauchte
Das Angebot an Gebrauchtfahrzeugen, vor allem bei den jungen Gebrauchten mit Laufleistung bis 10 000 Kilometern, ist massiv zurückgegangen. Leasinggesellschaften, Autovermieter, Firmenflotten, Daimler-, Audi- und Porsche-Mitarbeiter – sie alle bekommen weniger Fahrzeuge ab Werk und geben daher auch weniger an die Markenhändler ab.
Ein Händler eines deutschen Premiumherstellers aus dem Stuttgarter Umland schätzt, dass er derzeit nur noch auf zehn Prozent des Bestandes an jungen Gebrauchten zurückgreifen kann, den er noch im Frühjahr hatte. Ein Händler, der Peugeot und Fiat verkauft, sagt: „Wenn das so weitergeht, ist der Verkaufsraum Weihnachten leer.“ Er denke bereits über die Kündigung von Verkäufern nach. Michael Ziegler, Chef des Kfz-Verbandes im Südwesten, schätzt: „Im September war der Zustrom an jungen Gebrauchten um etwa 30 bis 40 Prozent niedriger als gewöhnlich.“ Das Problem werde sich in den kommenden Monaten wie ein Schneeball vergrößern.
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Die Zahlen sind schon jetzt dramatisch: Bundesweit wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt im September mit knapp 585 000 Fahrzeugen 13 Prozent weniger auf einen neuen Besitzer umgeschrieben als im Vorjahr. In der Region Stuttgart fielen die Umschreibungen in den jeweils ersten drei Quartalen von 180 000 Stück vor Corona 2019 über 172 000 im Jahr 2020 auf 162 000 in diesem Jahr. 2019 hatten Markenhändler bundesweit jeden Monat im Schnitt 93 161 Vorführwagen in ihren Beständen, in diesen Tagen liegt der Wert mit 55 659 Fahrzeugen deutlich darunter.
Hersteller geben weniger junge Gebrauche an ihre Händler ab. Eine Zwischenhandelsplattform, über die ein Premiumhersteller Werksdienstwagen an seine Händler vertreibt, führte einst eine deutlich vierstellige Zahl von Fahrzeugen. Vor zwei Monaten fiel die Stückzahl unter die Tausendermarke, derzeit sind weniger als hundert Fahrzeuge verfügbar.
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Sämtliche Kurven des größten Autoportals für Verbraucher in Europa, Autoscout 24, zum Angebot beliebter Modelle zeigen seit Monaten nach unten: Im Januar wurden am Tag im Durchschnitt gut 23 000 VW Golf angeboten, im September waren es gut 19 000 Stück, das sind 17 Prozent weniger. Beim Opel Astra ging das Angebot von 12 600 auf knapp 9000 Stück in die Knie. Das Angebot beim Audi A6 schmolz von 9400 auf 6500 Stück zusammen.
Die Preise steigen. Ein Händler sagt: „Ein Leasingfahrzeug hat zu normalen Zeiten nach drei Jahren einen Restwert von 55 Prozent des Neupreises. Derzeit sehen wir, dass diese Fahrzeuge für 80 bis sogar 90 Prozent des Neupreises angeboten werden.“
Seit Frühjahr steigen die Preise
Die Deutsche Automobil-Treuhand (DAT), die Daten am Kfz-Markt erhebt, sieht seit Frühjahr steigende Preise am Gebrauchtwagenmarkt. Ein 36 Monate alter Diesel mit einer Jahreslaufleistung von 15 000 bis 20 000 Kilometern kostete im Juni im Durchschnitt 52,9 Prozent des Neuwertes. Bis September stieg dieser Wert auf 55,2 Prozent. Für einen Benziner mit den gleichen Daten wurden im Juni im Schnitt noch 55,6 Prozent des Neuwertes verlangt, im September waren es bereits 58,0 Prozent.
Dagegen sinken bei gebrauchten E-Autos die Preise von 51,9 Prozent auf 47,4 Prozent. Als Gründe gelten die Subventionierung von Neuwagen durch die Kaufprämie, die bis 2025 verlängert wurde, sowie die halbierte Dienstwagenbesteuerung.
DAT hat für drei beliebte Gebrauchtwagen die Preissteigerung von Februar bis Juni ermittelt. Angenommen wurden ein Alter von 36 Monaten und eine Laufleistung von 20 000 Kilometern im Jahr. Demnach stieg der Preis eines gebrauchten VW T-Cross in fünf Monaten im Schnitt um 870 Euro und der einer Mercedes-A-Klasse um 800 Euro. Ein Käufer eines Volvo V60 musste im Juni 600 Euro mehr hinlegen als noch im Februar.
Autoscout 24 berichtet ebenfalls von deutlich gestiegenen Preisen. In diese Statistik gehen verhältnismäßig junge Fahrzeuge sowie solche mit extrem hoher Laufleistung ein. Im Januar lag demnach der Audi A6 im Schnitt bei einem Preisangebot von 28 450 Euro, im September lag es im Durchschnitt bei 30 039 Euro. Für den VW Tiguan wurden im Januar im Schnitt noch 24 684 Euro verlangt, im September waren es 28 004 Euro. Der Preis für einen VW Passat Variant kletterte von 18 001 auf 21 225 Euro, der für einen Audi A 3 von 17 860 auf 20 633 Euro – und der für einen VW Golf von 14 405 auf 16 876 Euro.
Auch Mobile.de berichtet über steigende Angebotspreise. Im August lagen die Angebote für über die Plattform angebotene Wagen im Durchschnitt erstmals über der 27 000-Euro-Marke. Im September betrug der Wert bereits 27 544 Euro – und lag damit um 1,4 Prozent über dem des Vormonats.
Preisschub in der Pandemie
Bedeutung
65 Prozent der Verbraucher mit Auto-Kaufabsicht gaben an, dass ihr eigenes Auto in der Pandemie für sie wichtiger geworden sei.
Mehr Abwanderer
19 Prozent der vorigenNeuwagenkäufer gaben 2020 an, einen Gebrauchten kaufen zu wollen. 2019 lag der Wert noch bei 14 Prozent.
Lieferengpässe
Ruhende Bänder 2020 und Engpässe bei der Chipversorgung reduzieren den Nachschub an jungen Gebrauchten. Es kommen weniger Leasing-, Firmen- und Mitarbeiterwagen in den Handel.