Ende Januar 2023 protestieren unter anderem Landwirte gegen den geplanten regionalen Gewerbeschwerpunkt. Foto: Simon Granville

Korntal-Münchingen hatte für den regionalen Gewerbeschwerpunkt visionäre Pläne, einen Stararchitekten und Porsche an der Seite. Doch das ambitionierte Projekt hat einfach keine Chance. Und jetzt?

Die Nachricht aus dem Korntal-Münchinger Rathaus landet am Freitag um kurz vor halb zwölf im Mail-Postfach. Es geht um den regionalen Gewerbeschwerpunkt nördlich von Müllerheim. Die Spannung steigt, schließlich sollte der so visionäre wie umstrittene Ökopark längst Thema im Gemeinderat gewesen sein. Jetzt also informiert die Stadtverwaltung über „aktuelle Entwicklungen“. Kurz und knapp.

 

Wörtlich heißt es: „Im Dezember 2023 hat der Gemeinderat unter anderem beschlossen, dass die Stadtverwaltung Gespräche hinsichtlich der Möglichkeiten einer Sicherung der Grundstücke im Bereich des geplanten regionalen Gewerbeschwerpunkts nördlich Müllerheim führt. Dies ist im Laufe des Jahres geschehen. Nach Beratungen im Gemeinderat steht zwischenzeitlich fest, dass kein für alle Beteiligten gangbarer Weg gefunden werden konnte. Die Stadtverwaltung hat die betroffenen Grundstückseigentümer über die Entwicklungen informiert.“

Der Bürgermeister spricht von einem möglichen Neustart

Ist der regionale Gewerbeschwerpunkt (RGS) damit endgültig gestorben, nachdem der Gemeinderat vor einem Jahr beschlossen hat, dass er ihn aufgrund „schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen“ angesichts steigender Zinsen und Baukosten vorerst auf Eis legt? „Die Entscheidung des Gemeinderats, als Stadt zum jetzigen Zeitpunkt nicht in den Erwerb der Optionsrechte oder der Grundstücke einzutreten, bedeutet nicht eine grundsätzliche Abkehr vom RGS – vielleicht aber ein möglicher Neustart“, sagt der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) auf Nachfrage. Und auch, die Gründe für die Mehrheitsentscheidung dürften vielseitig sein.

Allen Gründen voran: die aktuell angespannte wirtschaftliche Lage. „Dies betrifft die potenzielle Investorenseite einerseits, anderseits aber auch die Stadt und ihre Finanzkraft selbst“, erläutert der Rathauschef. Zudem sei das Zeitfenster zur Sicherung der Grundstücke wegen der Fristen der Optionslaufzeiten und eines möglichen Bürgerentscheids „sehr eng bemessen. Auch die Grundstücksverfügbarkeit war bis zum Schluss nicht einheitlich gegeben“.

Porsche und Stararchitekten mit ins Boot geholt

Die Pläne für den landesweit beachteten Ökopark hatten es von Anfang an nicht einfach – obwohl sich die Stadt als Projektpartner und einen möglichen Nutzer den Stuttgarter Autobauer Porsche mit ins Boot holte. Ebenso den berühmten Freiburger Architekten Wolfgang Frey, der sich, wie er sagt, dem nachhaltigen Bauen und ganzheitlicher Stadtentwicklung verpflichtet hat. Mit beiden an ihrer Seite schwebte der Stadt auf dem Acker von 16 Hektar Großes vor.

Nämlich ein maximal nachhaltiger und ökologischer Gewerbepark, der Wohnen, Arbeiten und Produzieren vereint. Ein Leuchtturmprojekt sollte der RGS sein – mit unter- und oberirdischen Nutzungsflächen, um das Gelände bestens zu nutzen. Von „weltweit einzigartig“ sprach Wolfgang Frey im Oktober 2021 im Interview. Er kümmerte sich auch um den Grunderwerb. Doch das Projekt mit einem Investitionsvolumen von mindestens eineinhalb bis zwei Milliarden Euro ist auch umstritten: Kritiker kämpfen gegen den Verlust wertvollen Bodens.

Projekt schon mehrmals gestoppt

Sowohl der damalige Bürgermeister Joachim Wolf (parteilos), der im Juli 2021 das ambitionierte Projekt vorgestellt hat, als auch sein Nachfolger Alexander Noak samt Gemeinderat betonten stets, das Gebiet nur unter den strengen Leitlinien der Stadt zur Nachhaltigkeit umzusetzen.

Bereits im Februar 2022 stoppte die Stadt das Projekt zum ersten Mal, weil die passenden Grundstücke nicht verfügbar waren. Später präsentierte die Kommune eine Fläche von 16 Hektar für den RGS – statt der einst angedachten rund 25 Hektar, die vor allem der frühere Rathauschef Wolf forcierte.

Groß angelegter Infomarkt mit Porsche

Im Februar 2023 dann endlich – weil einmal verschoben – der ganz große Aufschlag: In der Buddenberg-Halle in Münchingen stellten Stadt und Architekt die Pläne für den Ökopark der Öffentlichkeit vor. Vertreter von Porsche, des Verbands Region Stuttgart und der Wirtschaftsförderung waren beim groß angelegten Infomarkt zugegen. Die kritischen Stimmen blieben laut. Die auch anwesenden örtlichen Naturschutzverbände und der Bauernverband Korntal und Münchingen hatten bereits vor ihrer Demo die Initiative Kostbarer Strohgäuboden gegründet. Zuletzt, vorigen Dezember, waren außer Fragen zum Artenschutz Fragen zum Verkehr offen, zur Anbindung des Ökoparks an Straße und Schiene, für die Gutachten hersollten.

Die Ansichten zur jüngsten Entscheidung hinter verschlossener Tür gehen im Gemeinderat auseinander. Die CDU-Fraktion kommt zu einer vergleichbaren Beurteilung wie die Stadtverwaltung, sagt der Fraktionschef Oliver Nauth. „Wir sehen die Grundlage für die Realisierung eines RGS nicht in ausreichendem Umfang gegeben.“ Zweitens kämen auf die Stadt „deutliche haushalterische Risiken“ zu, sprich: sehr hohe Kosten.

Nördlich von Korntal-Münchingen ist viel Ackerfläche. Foto: Werner Kuhnle

Die Freien Wähler sind ähnlicher Auffassung. Die im Laufe der Beratungen aufkommenden Fragen seitens Gemeinderat und Verwaltung an Planer und Vertreter aus Wirtschaft und Verbänden seien weitgehend unbeantwortet geblieben, kritisiert die Fraktionschefin Marianne Neuffer. „Zu den offenen Fragen, der mangelnden Unterstützung übergeordneter Verbände kommt die prekäre Lage in der Wirtschaft.“ Angesichts dessen wäre die Sicherung der auslaufenden Optionsrechte auf die Grundstücke ein nicht vertretbares finanzielles Risiko gewesen. „Zumal diese Optionen keine zusammenhängende Fläche gewährleisteten.“

Chance vertan, meint die FDP

Die FDP sieht das anders. „Die Stadt hat ihre Chancen auf einen regionalen Gewerbeschwerpunkt vertan“, meint der Vorsitzende Peter Ott. Dabei stünden ihr keine nennenswerten Gewerbeflächen mehr zur Verfügung – höhere Gewerbesteuereinnahmen seien aber nötig, um anstehende Investitionen zu finanzieren. „Andere Kommunen agieren nicht so zaghaft. In der Nachbarschaft zu Bosch in Schwieberdingen entsteht jetzt ein regionaler Gewerbeschwerpunkt. Während wir im Bedenkenträgertum verharren, werden dort Nägel mit Köpfen gemacht.“

Die SPD-Fraktion bedauert laut ihrer Vorsitzenden Renate Haffner „sehr, dass sowohl in der Bevölkerung als auch im Gemeinderat stets so viele Zweifel und Verzögerungsmanöver forciert wurden, dass dieses wirklich einmalige Vorzeigeprojekt nicht aus dem Anfangsstadium herauskam“. Wahrscheinlich sei man gedanklich der Zeit vorausgewesen. „Deshalb hoffen wir, dass unsere Ideen und Planungen wenigstens einen Impuls liefern, vorhandene und zukünftige Gewerbegebiete nachhaltiger zu gestalten.“

Im neuen Jahr wird wieder beraten

Wie geht es weiter? Die Stadtverwaltung lädt die Grundstückseigentümer für Februar zu einem nichtöffentlichen Gespräch ein. Auch die Region sei informiert, sagt der Bürgermeister Noak. Er betont, die Verwaltung stehe weiter „grundsätzlich hinter der Notwendigkeit des RGS. Dies für den Wirtschaftsstandort Region Stuttgart, aber auch die Stadt selbst.“ Konkrete Schritte ruhten derzeit, bis sich die Rahmenbedingungen verbessern. Weitere Beratungen mit dem Gemeinderat seien im neuen Jahr vorgesehen.