Den visionären, landesweit beachteten Ökopark, in den auch Porsche einziehen wollte, haben die Korntal-Münchinger zu Grabe getragen. Auch wenn sie Kritik üben, blicken sie optimistisch nach vorn. Was sagen die Beteiligten?
Aus der Traum. Der, als Stadt voranzuschreiten und einen „Gewerbepark mit Modellcharakter“ zu schaffen, ein „Leuchtturmprojekt der Nachhaltigkeit in allen Dimensionen“. Diese Superlative gebrauchte der damalige Bürgermeister Joachim Wolf, als er im Sommer 2021 im Gemeinderat die Visionen Korntal-Münchingens für das Gebiet nördlich von Müllerheim vorstellte, wo Wohnen, Arbeiten und Produzieren vereint sein sollten.
Eine Fläche von 25 Hektar definierte der Verband Region Stuttgart (VRS) vor gut zehn Jahren als regionalen Gewerbeschwerpunkt (RGS). Seit 2021 hat die Stadt mit dem renommierten Freiburger Architekten Wolfgang Frey viel Zeit und Geld investiert, um ihre ambitionierten Vorstellungen zu Papier und in die Bevölkerung zu bringen. Nach langem Ringen liegen die Pläne nun endgültig in der Schublade – die Umsetzung des RGS ist auf unbestimmte Zeit verschoben.
Gutachten zum Artenschutz: noch nicht mal beauftragt
Vorausgegangen waren unter anderem Gespräche hinsichtlich der Möglichkeiten einer Sicherung der Grundstücke. Der Vorhang ist gefallen, nachdem der Gemeinderat mehrheitlich beschlossen hat, dass die Stadt nicht in den Erwerb der Optionsrechte oder der Grundstücke eintritt.
Der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) betont, „wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“. Viele Gründe würden derzeit die Umsetzung verhindern, vor allem die aktuell insgesamt angespannte wirtschaftliche Lage. Die Wirtschaftlichkeit des Projekts sei zunehmend infrage gestellt worden. Fragen zur verkehrlichen Erschließung – bis die B10 autobahnähnlich ausgebaut ist – seien ungeklärt, das Gutachten zum Artenschutz: noch nicht beauftragt.
Ankauf der Grundstücke für 20 Millionen Euro
Außerdem beklagt die Stadt mangelnde Unterstützung für das landesweit beachtete Projekt. Verbal sei die vom VRS groß gewesen, so Noak, „aber uns fehlt eine handfeste Unterstützung“. Sprich: eine finanzielle. „Wir brauchen sowohl die Region als auch das Land als starke Partner, als Task Force und eine Konzeption, wenn wir den Wirtschaftsstandort stärken wollen.“ Von einer überschaubar großen Kommune könne man nicht verlangen, dass sie zwischenfinanziert und ein Milliardenprojekt stemmt.
Allein für den Ankauf der Grundstücke hätte die Stadt mit grob geschätzt 20 Millionen Euro in Vorleistung gehen müssen. „Dieses Risiko kann die Stadt nicht allein tragen", meint der Bürgermeister. Er würde sich wünschen, dass es ein Pendant etwa zum Grundstücksfonds Baden-Württemberg gibt: Das Land hilft in Form eines Zwischenerwerbs, wenn Kommunen mit Bedarf an bezahlbarem Wohnraum momentan kein Geld haben, um Grundstücke selbst zu kaufen.
Oft stellen sich die Grundstückseigentümer quer
Im Februar stehen Gespräche mit Vertretern des Regionalverbands an. Denen blickt der Bürgermeister optimistisch entgegen. Er halte am RGS fest, versichert Noak. Und auch, die Stadt stehe weiter hinter dem Konzept der Nachhaltigkeit. Er hoffe auf einen „Neustart auf anderer Basis“.
Der Chefplaner der Region, Thomas Kiwitt, stellt fest, dass es Bauprojekte gerade überall schwer haben, „und für innovative Vorhaben gilt dies leider ganz besonders“. Das Beispiel Korntal-Münchingen zeige, dass es eine komplexe und langwierige Angelegenheit sei, größere Gewerbegebiete ab zehn Hektar zu schaffen. Ein Großteil der geplanten Flächen könne in absehbarer Zeit nicht entwickelt werden. „Eine problematische Erschließung und unzureichende Mitwirkungsbereitschaft der Eigentümer stehen besonders häufig entgegen. Und dann gibt es natürlich noch die Fälle, in denen die Bürgerschaft eine Gewerbefläche abgelehnt hat, wie zuletzt in Donzdorf oder Aichelberg.“
Fast eine Million Euro für Schwieberdingen
Das schwächt den Standort. „Dementsprechend gibt es nur ein relativ geringes Angebot an sofort verfügbaren Gewerbeflächen“, so Kiwitt. Dabei sei es wichtig, dass ein Bauplatz verfügbar ist, wenn die Stützen der Wirtschaftsstruktur und damit des Wohlstands einen brauchen. „Dass bauwillige Investoren jahrelang auf die Fertigstellung eines Gewerbegebietes warten, sollte jedenfalls nicht vorausgesetzt werden.“
Um ein Gewerbegebiet müssen sich die Kommunen selbst kümmern. Thomas Kiwitt spricht von einer „klaren gesetzlich geregelten Aufgabenteilung“. Weder sei der VRS Erschließungsträger noch Grundstücksentwickler. Dass er die Stadt im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt, sei aber selbstverständlich. So könne es eine Finanzspritze für Maßnahmen geben, die Entwicklungshindernisse beseitigen. Schwieberdingen etwa erhält fast eine Million Euro. Damit werden im RGS Laiblinger Weg Leitungen verlegt, um weitere vier Hektar zu nutzen.
Porsche: erst begeistert, nun zurückhaltend
Der Architekt Frey bedauert, wie er sagt, die Entscheidung der Korntal-Münchinger. „Es ist schade, da in einer seltenen Chance alles vorhanden war: eines der weltbesten Unternehmen als Nutzer, damit gesicherte Finanzierung und externer Projektentwickler, der alle Kosten getragen hätte sowie genügend Fläche für beliebige Grundstückszuschnitte.“ Besonders beeindruckt habe ihn das gesellschaftspolitische Verantwortungsbewusstsein der vielen Bürger, die ihre Grundstücke im Interesse des Gemeinwohls und der ökologisch nachhaltigen Stadtentwicklung zu einem extra niederen Preis zur Verfügung gestellt hätten. Die „wertvollen Erfahrungen und Erkenntnisse aus dieser Projektentwicklung“ werden jetzt an anderer Stelle realisiert, sagt Frey: Die Enzkreis-Gemeinde Straubenhardt setzt ein vergleichbares innovatives Projekt um.
Den Stuttgarter Autobauer Porsche holte sich Korntal-Münchingen als Projektpartner und einen möglichen Nutzer mit ins Boot. Nannten Vertreter des Unternehmens vor zwei Jahren beim groß angelegten Infomarkt das Konzept sehr überzeugend, weil zukunftsweisend, äußert sich ein Sprecher nun zurückhaltend. „Porsche prüft auch in Zukunft mögliche Flächennutzungsoptionen in der Region. Der Standort Korntal-Münchingen bleibt dabei weiter interessant für das Unternehmen.“ Laut dem Bürgermeister steht die Stadt in gelegentlichem Austausch.
Blick auf den Bestand
Und konzentriert sich jetzt erst einmal auf vorhandene Gewerbegebiete. Sie sollen so optimiert werden, dass bestehendes Gewerbe erweitern kann und sich ein wenig neues ansiedeln. Noak: „Wir haben einen sehr guten Mix, um über Krisen zu kommen.“