G8 oder G9? Manche Bundesländer lassen beide Wege zu. Foto: dpa

Die Begeisterung für die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit ist verblasst. Die Kritik am Turboabitur wird lauter – jedoch vornehmlich in den alten Bundesländern. Dort kehren einige ganz zu G9 zurück.

Stuttgart - Die Tendenz in den deutschen Bundesländern war vor gut 15 Jahren eindeutig: Politik und Wirtschaft wollten jüngere Absolventen, weil die deutschen Abiturienten im internationalen Vergleich zu alt seien. Von 2003 an führten alle Bundesländer das achtjährige Gymnasium ein – nur Rheinland-Pfalz beschränkte sich auf einen Modellversuch mit wenigen Ganztagsschulen. Inzwischen gilt G8 zwar fast überall noch als Regelform. Wo es Gemeinschaftsschulen oder vergleichbare Stadtteilschulen gibt, wie im Saarland oder in Hamburg, bieten diese G9 an, die Gymnasien setzen auf G8. Baden-Württemberg lässt an 44 Gymnasien G9-Züge zu. Doch der Trend scheint sich zu wenden. Hessen setzt bereits auf Wahlfreiheit zwischen G8 und G9, Bayern will zurück zu G9.

Niedersachsen schwenkt um

Als erstes Bundesland ist Niedersachsen ganz auf das neunjährige Gymnasium eingeschwenkt. Jedoch habe man nichts überstürzt, so ein Sprecher von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). „Im Gegensatz zum überhasteten und fehlerhaften G8, ist das neue Abitur nach neun Jahren mit Sachverstand und im Dialog eingeführt worden“. Schüler, Eltern, Lehrergewerkschaften, Kirchen, kommunale Spitzenverbände und die Landtagsabgeordneten wurden 2013 im einem Dialogforum gehört. Dann wurde eine Expertenkommission einberufen. Die 260 Gymnasien in Niedersachsen und die 40 kooperativen Gesamtschulen mit Gymnasialzweig kehrten im Schuljahr 2015/16 zu G9 zurück.

Die längere Schulzeit nutzt Niedersachsen dem Sprecher zufolge mit mehr Unterricht in den Kernfächern in der Mittelstufe. Deutsch, Mathe sowie die erste und die zweite Fremdsprache wurden jeweils mit zwei weiteren Stunden ausgestattet. Der zusätzliche elfte Schuljahrgang ist als Einführungsphase für die Oberstufe gedacht. Insgesamt stehen den Schülern nun bis zum Eintritt in die Oberstufe 17 Wochenstunden mehr zur Verfügung.

„Signal der Entschleunigung“

Das Fazit des Ministeriums ist naturgemäß positiv. Durch die längere Schulzeit werde Stress von den Schülern genommen. Gleichzeitig sei es durch das zusätzliche Jahr stärker möglich, Inhalte nachhaltiger zu bearbeiten und zu vertiefen. „Das klare Signal der Entschleunigung und Wissensvertiefung auf dem Weg zum Abitur hat einen großen Rückhalt in der Bevölkerung und in den Verbänden“, bilanziert der Ministeriumssprecher.

Auf die Übergangszahlen von der Grundschule an die Gymnasien hat die Änderung kaum Auswirkungen. 43,3 Prozent der Kinder wechselten zum Schuljahr 2016/2017 von der Grundschule auf ein Gymnasium, das ist knapp ein Prozent mehr als vor der Umstellung.

Bayern plant zweigleisig

Bayern will dagegen zweigleisig fahren. Das neunjährige Gymnasium soll Standard werden, jedoch ist eine „Überholspur“ in Form von G8 vorgesehen. Das sogenannte neue bayerische Gymnasium wird nächstes Jahr eingeführt. Mit der Verlängerung auf neun Jahre wolle man der gewachsenen Heterogenität der Schüler gerecht werden, erklärt ein Sprecher von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Zusätzliche Lernzeit sei zudem nötig für neue Anforderungen wie Digitalisierung, für mehr politische Bildung und die Stärkung der Kernfächer.

Vor allem in der Unter –und Mittelstufe soll der Nachmittagsunterricht reduziert werden. Allerdings werden von der 5. bis zur 13. Jahrgangsstufe insgesamt 18 zusätzliche Pflichtstunden eingeführt. Bis Klasse neun sieht die Stundentafel pro Jahrgang 30 Stunden Pflichtunterricht vor, dazu kommen ein bis zwei Intensivierungsstunden. Für den zusätzlichen Pflichtunterricht kalkuliert Bayern 1000 weitere Lehrer ein.

Schüler, die auf die „Überholspur“ einschwenken wollen, sollen in den Klassen acht bis zehn mit Zusatzunterricht und digitalen Angeboten vorbereitet werden. Sie sollen dann von Klasse zehn direkt in Klasse zwölf wechseln können. Die Jahrgangsstufe elf ist als Einführungsphase in die Oberstufe gedacht.

G9 kein Thema in Sachsen

„Überhaupt kein Thema“ ist die neunjährige gymnasiale Schulzeit dagegen in Sachsen, das regelmäßig in Leistungsvergleichen brilliert. Dazu mag beitragen, dass G8 in den fünf neuen Bundesländern historisch gewachsen sei, vermutet ein Sprecher des sächsischen Staatsministeriums für Kultus. Sachsen und Thüringen sind die Länder, die nie G9 auch nur versuchsweise eingeführt haben. Auch heute, so der Sprecher, stünden der Landesschülerrat wie der Landeselternrat „voll hinter G8“.

Jedoch habe die bisherige Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) die Stofffülle etwas reduziert und die Anzahl der Stunden heruntergefahren. Seit diesem Schuljahr müssen die Gymnasiasten nicht mehr drei Naturwissenschaften und zwei Fremdsprachen in der Oberstufe ­belegen, jetzt reichen drei Naturwissenschaften und eine Fremdsprache oder zwei Naturwissenschaften und zwei Fremdsprachen.

Auch der Freistaat kürzt Stunden

In einer Untersuchung hatten Oberstufenschüler über eine zu hohe Belastung geklagt. Bisher haben die sächsischen Gymnasiasten den meisten Unterricht von allen deutschen Gymnasiasten. Sie müssen von Klasse fünf bis zwölf 269 Jahreswochenstunden leisten. Die Kultusminister­konferenz gibt 265 Stunden vor (bei G8 sind das etwas mehr als 33 Stunden pro Woche). 265 Stunden gibt es auch in Baden-Würt­temberg. Sachsen will die Stundentafeln anpassen.

Wurzeln in der Weimarer Republik

Das neunjährige Gymnasium (Sexta bis Oberprima) in Deutschland gab es bereits in der Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten verkürzten die Schulzeit auf acht Jahre. Die Bundesrepublik kehrte zum neunjährigen Bildungsgang zurück, während die DDR bei acht Jahren blieb.

  
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