Kein Chlor in Berkheim Naturbad soll mehr Gäste bringen

Von Annette Mohl 

Die Stadtwerke Esslingen wollen das Freibad in Berkheim künftig chlorfrei betreiben.

Esslingen - Für den Esslinger Gemeinderat war ein Ausflug nach Franken vor ein paar Tagen durchaus aufschlussreich. Dort besuchten die Stadträte und mit ihnen Vertreter des Bürgerausschusses, der Schulen und von Vereinen das Naturbad Großhabersdorf. Die Idee für den Trip hatten die Stadtwerke Esslingen (SWE), die in Esslingen die drei öffentlichen Bäder betreiben. Dort kam man auf die Idee, das Hallen-Freibad Berkheim nicht konventionell zu sanieren, sondern als Naturbad umzubauen. Das hätte, wie die SWE meinen, gleich mehrere Vorteile.

Seit 2009 denkt der Gemeinderat schon über die Schließung eines der beiden Freibäder nach. Beim Tauziehen um den Erhalt des Neckarfreibads oder des Berkheimer Bads konnte sich zunächst das größere am Neckar behaupten. Doch auch das Bad in Berkheim fand viel Rückhalt in der Bevölkerung, die Bürger wehrten sich mit mehr als 12.000 Unterschriften gegen die Schließung. Die Unterzeichner schätzen die großzügige Badelandschaft mit 1600 Quadratmeter Wasserfläche verteilt auf drei Becken und die fünf Hektar große Liegefläche mit altem Baumbestand. Im Mai besuchten zum Auftakt der Saison 6200 Menschen das Freibad in Berkheim.

Doch einfach so weiter geht nicht. SWE-Sprecher Rene Schulte spricht von 420.000 Euro Betriebskosten jährlich. Das Bad ist 38 Jahre alt und weist inzwischen erhebliche technische Mängel auf, die hohe Kosten nach sich ziehen. „Es besteht Handlungsbedarf“, sagt Schulte. Je älter ein Bad sei, desto mehr Wasser müsse man laufend zuführen, um die Wasserqualität zu halten. Dies wiederum habe einen höheren Stromverbrauch zur Folge und belaste die ­Pumpen.

Renovierung kostet doppelt so viel wie Umbau in ein Naturbad

Wollte man das Bad konventionell renovieren, wären 3,5 Millionen Euro nötig. Der Umbau in ein Naturbad dagegen käme auf 1,5 bis 1,7 Millionen Euro. Entscheidend ist für Schulte aber der Aspekt, dass ein Naturbad als überregionaler Besuchermagnet wirken könnte, während konventionelle Freibäder in der Regel nur Besucher aus dem Stadtteil haben. In Großhabersdorf erfuhr die Esslinger Delegation, dass das Konzept Naturbad zieht: Dort hat sich die Besucherzahl von bisher 10.000 auf rund 25.000 bis 30.000 fast verdreifacht. Zielgruppe sind Familien mit Kindern, aber auch alle Bade­gäste, die kein Chlor im Badewasser wollen.

Bedenken der Esslinger Delegation konnten in Großhabersdorf weitgehend zerstreut werden. Die natürliche Filteranlage über einen Vorfilter sowie ein großes Kiesbett und Schilf funktioniert offenbar so gut, dass nicht nur die Wasserqualität hervorragend sei, sondern das Wasser auch so klar, dass man auf den Boden sehen kann.

Die Leistungsschwimmer in den Vereinen haben aber Bedenken. Sie befürchten eine Verschlechterung der Trainingsbedingungen, weil das Wasser im Naturpool nicht erwärmt wird. Bei Temperaturen zwischen 17 und 20 Grad sei kein Training möglich. Bei einer Bürgerversammlung äußerten sich auch ältere Badegäste kritisch dazu, dass das Bad nicht geheizt werden soll. Schwimmsportler befürchten außerdem, dass die Linien am Boden schlecht zu erkennen sein werden, wenn das Wasser zwar klar, aber ganz leicht getönt sei. Die SWE sind ­allerdings überzeugt davon, dass Reflektoren ­Abhilfe schaffen könnten.

In Schorndorf gibt es das bisher einzige Naturbad

Nun ist der Gemeinderat gefragt, das ­Naturbad auf den Weg zu bringen. Esslingen würde dann in die Fußstapfen von Schorndorf treten, wo es das bisher einzige Naturbad in der Region gibt. Der Ziegeleisee im Oskar-Frech-Seebad mutet allein wegen seiner Größe mit 8500 Quadratmeter Wasserfläche und 10.000 Quadratmeter Liegewiese zwar eher wie ein See an als ein Pool. ­Tatsächlich schwimmt man aber auch dort in einem eingefassten Becken. Die Grenzen zwischen Schwimmteich und -see sowie ­Naturpool sind fließend.

Zwei andere Freibäder in der Region ­wurden dagegen geschlossen. In Weinstadt haben sogar die Bürger selbst per Bürgerentscheid das Aus für das Cabrio-Bad durchgesetzt. Dort hatte der Gemeinderat bereits einen Neubau beschlossen. Jetzt dümpelt das Bad vor sich hin.

Das ehemalige Waldfreibad im Krummbachtal bei Gerlingen wurde bereits 1991 geschlossen. Inzwischen gleicht es mehr einem Biotop als einer Schwimmstätte, zwischen den Platten wachsen Pflanzen, im Becken tummeln sich Frösche. Die veraltete Anlage entsprach damals nicht mehr den Vorschriften. Bis zur Schließung zog das Bad aber jedes Jahr einige Zehntausend Badegäste an – trotz teils recht frostiger Wassertemperaturen: Das Becken wurde durch Quellwasser gespeist.

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