...weil Ralf Vendel der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Baden-Württemberg rasch Entwarnung gibt. Foto: StZ

Auf dem EVF-Baustellengelände in Göppingen wird keine Fliegerbombe gefunden. Die Evakuierung weiter Teile der Oststadt wird deshalb gleich am Sonntagmorgen wieder aufgehoben .

Göppingen - Die Aktion ist beendet, noch ehe sie so richtig begonnen hat. Schon vor 7 Uhr macht am Sonntagmorgen in Göppingen die Nachricht die Runde, dass der vermeintliche Fund einer Fliegerbombe auf dem Baustellengelände der Energieversorgung Filstal (EVF) gar keiner ist. Gefunden wird nichts, gar nichts, weder ausgediente Kochtöpfe, wie OB Guido Till schon vor Wochen spekuliert hatte, noch eine alte Badewanne, was andere gemutmaßt hatten, oder sonst irgendetwas Metallisches. Einfach nichts.

2600 Menschen hatten vorsorglich ihre Häuser verlassen müssen. Vor der Mensa des Mörike-Gymnasiums, in die nur ein paar wenige der Evakuierten, gekommen oder gebracht worden waren, weichen das Rätselraten, die Ungewissheit und auch die Furcht vor einer Explosion einer großen Erleichterung. Die Helferinnen und Helfer des Deutschen Roten Kreuz flachsen herum: „Jetzt gibt es erst mal ein Bombenfrühstück“, sagt einer. Sein Kollege ergänzt lachend: „Und heute Nachmittag vielleicht noch eine echte Eisbombe.“

Das „Bombenfrühstück“ lassen sich auch Gamze Cicek und ihre Familie schmecken. Sie sind in der Dürer-straße zuhause, direkt oberhalb des Gaskessels und damit in Sichtweite zum mutmaßlichen Fundort, der nun doch keiner war. „Da unsere ganzen Verwandten ebenfalls in der Gegend wohnen, konnten wir nirgends anders hin“, sagt sie. Nicht nur wegen ihrer Kinder ist sie froh, dass es die Anlaufstelle im Mörike-Gymnasium gibt, wo sich all die Leute versammeln können, die nicht wegfahren wollten oder konnten. Dass die Verantwortlichen eine Evakuierung angeordnet hatten, obwohl es keine abschließende Gewissheit gab, dass auf dem Areal wirklich eine Bombe liegt, hält die junge Frau für verständlich. „Wir wohnen da schon sehr nah dran. Wenn da was passiert...“, sagt sie.

Einen Tisch weiter sitzt Michael Bauknecht, der in der Jahnstraße und damit ein gutes Stück weiter entfernt lebt. Sicherheit gehe einfach vor, betont er. „Wäre doch was gewesen, hätte doch jeder sofort gefragt: Warum habt ihr denn nicht?“

Es besteht Einigkeit, dass Sicherheit Vorrang hat

Gerade mal eine halbe Stunde später beginnt im Rathaus die von der Tageszeit her wahrscheinlich früheste Pressekonferenz aller Zeiten. Guido Till erklärt, dass der Verdacht im Bereich der EVF auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg zu stoßen, schon sehr groß gewesen sei. „Die Dokumentationen der US-Streitkräfte zeigen einen Abwurfkorridor über der Nordstadt und einen eben nördlich der Großeislinger Straße.“ Deshalb sei das Ergebnis der Erkundung durch ein von der Baufirma beauftragtes Privatunternehmen auch für möglich erachtet worden. „Gleichwohl muss über die Stichhaltigkeit einer solchen Diagnose im Wiederholungsfall nachgedacht werden, weil das den Steuerzahler eben doch eine Menge Geld kostet.“

Wie viel das letztlich sein wird, vermag der Göppinger OB indes ebenso wenig zu sagen wie Wolfgang Jürgens, der Pressesprecher der Ulmer Polizeidirektion. Unisono loben die beiden indes die Mitwirkungsbereitschaft der Bevölkerung sowie das Zusammenspiel der alles in allem 400 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdiensten und eben der Polizei. Es habe keine Probleme gegeben, sondern reibungslos funktioniert, stellen sie fest.

Die „Fehldiagnose“ kann mehrere Gründe haben

Auf Ralf Vendel, den Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Baden-Württemberg, muss hingegen noch ein wenig gewartet werden. Von ihm erhoffen sich die Anwesenden zumindest ansatzweise Aufklärung darüber, wie es zu der Fehldiagnose kommen konnte. Er ist mit seinen Kollegen noch am Einsatzort mit dem Zusammenpacken beschäftigt. Als er im Rathaus eintrifft, schildert er zunächst, dass seine Untersuchungen bereits kurz vor 6 Uhr begonnen hätten. „Als wir aber in sieben Metern Tiefe immer noch nichts entdecken konnten, war klar, dass da auch nichts ist.“ Weitere Sondierungen hätten ebenfalls keine Hinweise auf eine Bombe ergeben.

Warum die privaten Kampfmittelbeseitiger zu einem anderen Ergebnis gekommen seien, vermöge er nicht zu sagen. Dafür könne es mehrere Gründe geben, ergänzt Vendel auf Nachfrage. „Vielleicht gab es dort punktuell eine Ansammlung entsprechender Mineralien, obwohl wir lediglich auf Schiefer gestoßen sind.“ Vielleicht habe das Gradiometer beim Bohren aber auch irgendein Metallteil mit runter gezogen. Das komme immer mal wieder vor. Woran es lag, sei schwer zu sagen: „Eindeutig weiß man es eben erst, wenn man vorsichtig gräbt und dabei nichts findet.“

Nun kann sich auch der an diesem Morgen verhinderte Bombenentschärfer eine Tasse Kaffee gönnen, während sich die spontane Frühstücksgemeinschaft in der nicht allzu weit entfernt gelegenen Mensa des Mörike-Gymnasiums so langsam auflöst. Familie Cicek ist bereits weg, wieder zurück in den eigenen und – nunmehr bestätigt – sicheren vier Wänden.

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