Die Nachfrage nach ökologisch erzeugtem Fleisch ist hoch. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Das Konsumverhalten verändert sich, die Discounter reagieren. Aldi bietet Frischfleisch ab 2030 praktisch nur in Bio-Qualität an – das hat einen Preis.

Stuttgart - Aldi will plötzlich Haltung zeigen: Bis zum Jahr 2030 soll in den Filialen nur noch Fleisch verkauft werden, das fast Bioqualität hat. Bisher liegt der Anteil bei knapp 13 Prozent. Schnitzel und Steaks, die aus einer Tierhaltung stammen, die nur den gesetzlichen Mindestanforderungen entspricht, soll es schon in vier Jahren nicht mehr geben. „Wir möchten, dass Tierwohl eine Selbstverständlichkeit wird“, sagte Erik Döbele, der Einkaufschef von Aldi Süd, zur neuen Haltung des Discounters.

 

„Tatsächlich kann man ausnahmsweise den Discounterriesen loben“, sagt Stephanie Töwe-Rimkeit von Greenpeace. Die Ankündigung sei ein richtig guter Schritt und ein Signal in die Branche, erklärt die Kampagnen-Sprecherin vom Team Agrarwende. Was die Politik bislang versäumt habe, schaffe nun Aldi – für die Umweltschützerin ist es ein Volltreffer.

Allerdings gilt Aldis Ankündigung nur für den Bereich Frischfleisch, etwa ein Drittel der produzierten Menge. Der Rest geht zu gleichen Teilen in den Export und die verarbeitende Industrie, die daraus etwa Chicken Nuggets macht, oder die Gastronomie. Greenpeace plädiert deshalb für eine Kennzeichnungspflicht für Fleisch in allen Formen. Ein weiteres Problem: Schweine verbringen ihr kurzes Leben nicht in einem einzigen Stall. Mastbetriebe kaufen bei Ferkelerzeugern ein, etwa elf Millionen Jungtiere werden importiert. Von Beginn an artgerecht wachsen Nutztiere nur unter einem Biosiegel auf.

Höhere Tierwohlstandards seien mit höheren Kosten bei der Produktion verbunden, was sich auf den Verkaufspreis auswirke, baut Aldi vor. „Doch Nachhaltigkeit und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis schließen sich nicht aus“, wird den Kunden versichert. Um den Umbau der Landwirtschaft zu finanzieren, steht eine Tierwohlabgabe im Raum. Sie könnte durch eine Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes von sieben auf 19 Prozent abgedeckt werden, lautet ein Vorschlag. Frischfleisch würde also mindestens zwölf Prozent teurer, andere gehen von 50 Prozent aus. Momentan kostet ein Kilo Schweinegulasch bei Aldi sieben Euro, mit einem Bioland-Siegel werden dafür 25 Euro verlangt. „Mit dem Konsum um die Hälfte runter“ ist Gerald Wehdes Strategie, um die Kosten abzufedern. Das würde auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen, sagt der Bioland-Vertreter. Außerdem würden die Folgekosten der Billigfleischproduktion wegfallen, was zum Beispiel zu einem sinkenden Wasserpreis und weniger Gesundheitsausgaben führen würde, erklärt er.

Laut einer Studie des Thünen-Instituts würde die Fleischproduktion eine Stufe unterhalb des Bio-Standards in Deutschland jährlich vier Milliarden Euro mehr kosten. Demnach entfielen auf jeden Bundesbürger 50 Euro, ein Kilo Fleisch würde um etwa 50 Cent teurer. Aldi plant aber von 2030 an praktisch mit Bio-Qualität. Vielleicht läuft es wie bei der Abschaffung von Eiern aus Käfighaltung, sagt Achim Spiller, Professor für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte in Göttingen: Der Preisunterschied betrug entgegen allen Erwartungen zu Eiern aus Bodenhaltung nur einen Cent mehr. Er geht davon aus, dass auch Biofleisch billiger wird, wenn es zum Standard wird, weil die Verarbeitungskosten sinken.

Es gebe kein Recht auf tägliches Billigfleisch, hat die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) schon betont. „Um den Verbraucher mache ich mir gar keine Sorgen“, sagt Gerald Wehde von Bioland. Spätestens die Corona-Pandemie habe zu einer nachhaltigen Veränderung des Konsumverhaltens geführt, in der Zeit wuchs der Absatz von Bio-Lebensmitteln um 22 Prozent. Die Nachfrage nach ökologisch erzeugtem Fleisch könne zur Zeit gar nicht gestillt werden. „Die Handelsketten sind nicht blöd, die wissen,was verkaufbar ist.“

Eine Preiserhöhung von 0,5 Prozent beim Fleisch senkt die allgemeine Nachfrage um ein Prozent, lautet jedoch eine Formel von Achim Spiller. Und ein Viertel der Verbraucher sind laut dem Professor sehr preisbewusst beim Fleisch. In seinen Studien haben andererseits bis zu 80 Prozent der Befragten bekundet, dass in der Landwirtschaft mehr für den Tierschutz getan werden muss. Unter den jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren würden 83 Prozent einen höheren Preis für artgerechte Haltung bezahlen, zwölf Prozent ernähren sich fleischlos. Die beste Lösung sei, dem Verbraucher wie bei der Abschaffung des Käfig-Eis keine Wahl zu lassen, sagt er. Denn als Lidl kürzlich einen Euro auf ausgewählte Schweinefleischprodukte aufschlug, um die Landwirte zu unterstützen, griffen die Kunden zur billigeren Ware.

Der Erfolg der Initiative hängt davon ab, ob die anderen Lebensmittelhändler mitziehen. Aldis Marktanteil bei Frischfleisch liegt bei 24 Prozent. Der größte Fleischverkäufer ist der Edeka-Verbund, der sich nur vage geäußert habe, kritisiert Stephanie Töwe-Rimkeit von Greenpeace. Die niedrigste Haltungsstufe nehmen in nächster Zeit alle Ketten aus dem Verkauf. Lidl und Kaufland haben weitergehende Pläne, Rewe zieht zumindest bei den Eigenmarken mit Aldi gleich. Aber im Handel werden vermeintliche Schwächen gerne ausgenützt: Als Lidl versuchte, nur noch Fairtrade-Bananen zu verkaufen, konterte die Konkurrenz mit einer Werbekampagne für Billigbananen. Die Abschaffung des Käfig-Eis hat sich laut Spiller auch über 15 Jahre hingezogen. Solange wurde Tierschutzdumpingware aus der Ukraine importiert und für die Herstellung von Nudeln oder Teigen verwendet.