Sophie von Kessel und Charly Hübner in „Das Verhör in der Nacht“ Foto: ZDF/Sandra Hoever

Das ZDF zeigt den Kammerspiel-Thriller „Das Verhör in der Nacht“ nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann. Matti Geschonneck inszeniert Sophie von Kessel und Charly Hübner in einem Duell der Geister.

Stuttgart - Es ist Heiligabend, die elegante Philosophie-Professorin Judith (Sophie von Kessel) verlässt mit Geschenktüten ihr Hotel – doch auf der Straße wird sie aufgehalten: Der „Staatsschutz“ hat Fragen. Der Beamte Thomas (Charly Hübner) verhört sie in ihrem Zimmer, er konfrontiert sie mit ihrer Vergangenheit, Reisen nach Bolivien und Chile, und mit ihrer Gegenwart, Seminaren über „strukturelle Gewalt“. Judith wirkt zunächst abweisend und einsilbig. Schließlich fragt Thomas rundheraus: „Wo ist die Bombe?“

Sein einziges Indiz: Ein Pamphlet von ihrem Privatrechner. Ein „Gedankenspiel“ für ihr Seminar sei das, erklärt sie. Nun beginnt in dem TV-Thriller „Das Verhör in der Nacht“ ein Katz-und-Maus-Spiel um Wahrheiten, um den Rechtsstaat, dessen Gewaltmonopol und um Verschwörungen.

Konservative und linke Thesen prallen aufeinander

Der Bestsellerautor Daniel Kehlmann („Tyll“) hat sein Bühnen-Kammerspiel „Heilig Abend“ selbst fürs Fernsehen umgeschrieben, das aktuell im Alten Schauspielhaus in Stuttgart hätte laufen sollen – wegen des Teil-Lockdowns wird die fertige Inszenierung wohl nie zu sehen sein. Die Dialoge sind extrem pointiert und könnten leicht aufgesagt wirken; doch Hübner spricht sie von Beginn an wie selbstverständlich, absolut glaubwürdig mit seiner ganzen Körpersprache und der arroganten Logik einen Mannes, der Macht über andere hat. Sophie von Kessel läuft im zweiten Teil zu großer Form auf, als ihre Figur auftaut und die Situation zu drehen beginnt, wie man es einer engagierten Intellektuellen mit Vorgeschichte zutraut.

„Ich weiß das“, sagt Thomas, wenn er sie übergriffig mit intimen Details aus ihrem Leben provoziert, Judith antwortet: „Sie wissen lange nicht alles.“ Während konservative und linke Thesen aufeinanderprallen, bricht Kehlmann vertraute Denkmuster komplett auf. Thomas preist den Rechtsstaat, hebelt ihn aber zugleich aus, indem er droht, lockt, seine Befugnisse bewusst überschreitet, Menschen gegeneinander ausspielt. Sie wiederum prangert sehr stringent an, was sie unter struktureller Gewalt versteht: die Manipulation von Konsumenten, die Entrechtung von Unterprivilegierten. Zugleich verteidigt sie vehement die Bürgerrechte, die ihr der Staat gewährt, den sie kritisiert.

Geschonneck inszeniert mit ruhiger Hand

Matti Geschonneck ist der richtige Regisseur für so einen Stoff, ihm dürften solche Diskussionen vertraut sein: Die DDR hat ihn 1978 als Wolf-Biermann-Sympathisanten ausgebürgert. In seiner Ostberlin-Tragikomödie „Boxhagener Platz“ hat er Michael Gwisdek als desillusionierten alten Spartakisten im Jahr 1968 inszeniert, die absurde innere Mechanik autoritärer Staaten am Beispiel der DDR-Endphase in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit Bruno Ganz als zynischem SED-Funktionär auf dem Abstellgleis.

Mit ruhiger Hand hat Geschonneck nun Kehlmanns Duell der Geister ins Bild gesetzt. Er hatte dafür kaum mehr als seine beiden Hauptdarsteller und den Text, und doch ist ihm ein atmosphärisches Hochspannungsgeflecht gelungen. Alle Wendungen und Pointen sitzen – es kann einem schwindlig werden bei all den Widersprüchen.

„Das Verhör in der Nacht“ läuft am 27.11 um 20.15 Uhr bei Arte, am 30.11. um 20.15 Uhr im ZDF und steht in beiden Mediatheken.

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