Obwohl sie dort größere Chancen auf einen Abschluss haben, besuchen immer weniger Stuttgarter Kinder mit Behinderung Regelschulen. Die Inklusion werde kaputt gemacht, sagt der Stuttgarter Rektor Gerhard Menrad. Was steckt hinter dieser Aussage?
Wie zieht man einen 50-Grad-Winkel? „Ich zeige Dir meinen Trick“, sagt John zu seiner Lehrerin Sabrina Schmid. Er legt sein Geodreieck an die Linie auf seinem Blatt, setzt einen Punkt bei der 50, positioniert das Geodreieck neu, was ein bisschen dauert, zieht die Linie. „Lass mich mal mit meinem Trick kontrollieren“, sagt Sabrina Schmid und prüft die Aufgabe auf die Art, wie sie die Winkelbestimmung gelernt hat, indem sie das Dreieck verschiebt und direkt die Linie zieht. Ja, das Ergebnis ist dasselbe.
John hat Förderbedarf im Bereich Lernen. Der Elfjährige ist einer der Inklusionsschüler aus der sechsten Klasse der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Möhringen. Sabrina Schmid ist nicht nur seine Klassenlehrerin. Ein Teil ihres Deputats fließt in die Förderung von Inklusionskindern, davon sind allein fünf in der 6 A.
Größter Unterstützungsbedarf in Mathe und Deutsch
Gerade ist Werkstattunterricht: Die Klasse verteilt sich auf mehrere Räume. Die einen lernen Französisch, andere Deutsch als Fremdsprache – und einige, darunter die Inklusionskinder John und Luca, eben Mathematik mit Sabrina Schmid und ihrer Kollegin Solveig Lübbe. Wegen des externen Besuchs sind die beiden Lehrerinnen ausnahmsweise zu zweit, sodass Sabrina Schmid in dieser Stunde besonders viel Ruhe hat. Doch auch wenn es schwierigere Themen als Winkelbestimmungen gibt und der Elfjährige im Umgang ein angenehmer Schüler ist, stellt sich Sabrina Schmid auch an diesem Tag wieder die Frage, ob ein ausgebildeter Sonderpädagoge Kinder wie John nicht „besser fördern“ könne. Den größten Unterstützungsbedarf sieht sie in den Fächern Deutsch und Mathematik. „Ich bin aber Englisch- und Geschichtslehrerin“, sagt sie.
„45 ist die Hälfte von welcher Zahl?“, fragt sie John zum Beispiel einmal. „Hmm“, sagt der groß gewachsene Junge. „Das ist schwer“, findet er, „ 25 und 25 sind 50“. Er kratzt sich am Kopf. Die Lehrerin gibt ihm den Tipp, auf sein Geodreieck zu gucken, aber das hilft ihm nicht. Sie holt Kugeln aus Filz, ihm kullert ein Teil davon auf den Boden. Da verrät sie ihm die Lösung und zeigt ihm die Neunzig auf dem Geodreieck. Einem Sonderpädagogen oder einem Mathelehrer wäre vielleicht noch ein Kniff eingefallen, damit John selbst auf das Ergebnis kommt. Aber sie sei wie gesagt keine Fachlehrerin.
2018 war eine Sonderpädagogin mit 16 Stunden in der Klasse
„Ich hatte total Lust da drauf“, erinnert sich Sabrina Schmid im anschließenden Gespräch an ihre ersten Erfahrungen mit der Inklusion. 2018 hatte sie mit einer Kollegin eine Klasse übernommen, in der fünf Inklusionskinder waren. Eine Sonderpädagogin war ihnen mit 16 Stunden zugeordnet – „aus heutiger Perspektive eine Luxussituation“, sagt sie. Sie vermisst diese Zeit und das gute Miteinander mit der Sonderpädagogin in der Klasse. Im Vergleich dazu sei es heute „schwierig, weil man alleine ist“.
Inzwischen rechnet man für Schüler mit inklusivem Förderbedarf im Bereich Lernen 2,5 Extra-Lehrerstunden. Diese verteilen sich auf eine halbe Sonderpädagogenstunde – zwei Stunden übernimmt eine normale Lehrkraft, sodass sie in dieser Zeit zu zweit in der Klasse sein können. Während ein Sonderpädagoge ein ganzes Studium absolviert habe, „machen wir Learning bei Doing“, sagt auch ihre Kollegin Arta Mahmutaj, die ebenfalls in zwei Klassen der Schule in der Inklusion eingesetzt ist und versucht, den „ganz unterschiedlichen Lernbedürfnissen“ der Schüler gerecht zu werden. „Es ist eine Herausforderung“, sagt auch sie.
„Man nimmt den Kindern Bildungschancen“
„Die Regelschullehrkräfte stemmen die Inklusion aktuell überwiegend alleine“, konstatiert der geschäftsführender Schulleiter der Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen, Gerhard Menrad, der auch Leiter der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule ist ist. Er findet, dass inklusiv beschulte Schüler „mindestens in den Hauptfächern“ von einem Sonderpädagogen betreut werden sollten. „Man nimmt den Kindern Bildungschancen“, sagt er.
Eigentlich, das hat unter anderem eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben, ist der Bildungserfolg von Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen größer als der an Förderschulen: Sie schafften im Vergleich häufiger den Hauptschulabschluss. Doch diese Errungenschaft sei in Gefahr. So wie es aktuell laufe, werde „die Inklusion kaputt gemacht“, befürchtet Menrad. Wobei er daraus „keinen Vorwurf“ ableiten will. Er weiß ja, woran es liegt – die sonderpädagogischen Schulen sind bekanntlich massiv unter Druck: „Es gibt keine Lehrkräfte.“
Immer weniger Kinder in der Inklusion
„Ich verstehe, dass die Schulen eine andere fachliche Begleitung wünschen“, erklärt Christof Kuhnle, der zuständige Schulrat aus dem Staatlichen Schulamt. Aus Schülersicht könne es aber auch positiv sein, die Lehrer aus der eigenen Schule an der Seite zu haben. „Wir sehen, dass sie in der Regel durch das Mit- und Voneinanderlernen auch noch unter diesen Voraussetzungen profitieren“, sagt Kuhnle. Aber was man auch sehe: dass manchen Kindern direkt zum Sonderpädagogischen Bildungszentrum (SBBZ) geraten wird. Dort steigen die Schülerzahlen, die Inklusion ist hingegen rückläufig. Es würden in der Inklusion seit Jahren „immer etwas weniger“ Schülerinnen und Schüler, sagt Kuhnle. Darauf müssten sie „ein Auge haben“.
Sabrina Schmid ist mittwochs in Klasse 6 in der Doppelstunde Deutsch dabei. Je nachdem, was das Kind brauche, wiederhole sie aber auch Mathe. Die Wochenpläne, die an der Gemeinschaftsschule üblich sind, weisen wegen der Inklusionskinder noch ein viertes Lernniveau neben dem grundlegenden (G), dem mittleren (M) und dem erweiterten (E) aus. Oft ist die Lehrerin zudem damit befasst, den Kindern bei der Organisation ihrer Materialien zu helfen, was viele überfordere. „Wir sortieren Arbeitsblätter ein“, erklärt sie. Auch die Lernwerkstatt endet für John und seine Lehrerin genau damit. Als er das Matheblatt einheften soll, fehlt sein Hefter. Also machen sie sich auf die Suche. Immerhin geht es nur um einen Hefter. Luca hatte am Vortag seine warme Straßenkleidung in der Sporthalle liegen lassen – trotz der kalten Temperaturen.
Die meisten Inklusionskinder im Förderbereich Lernen
Zahlen
In Stuttgart gehen weiterhin deutlich mehr Schülerinnen und Schüler auf Förderschulen als inklusiv beschult zu werden. Am höchsten ist der Anteil in der Inklusion noch im Förderbereich Lernen. Laut Schulamt werden 43 Prozent inklusiv beschult (330 Kinder und Jugendliche), 436 besuchen ein SBBZ. Im Bereich geistige Entwicklung liegt der Anteil der Inklusion nur bei zwölf Prozent, 25 Prozent besuchen eine „kooperative Organisationsform“, 63 Prozent ein SBBZ. Kinder mit körperlichem oder motorischem Förderbedarf besuchen überwiegend die Margarete-Steiff-Schule: 190 gegenüber 27 in der Inklusion. In diesem Schuljahr wurden in diesem Förderbereich 36 Kinder am SBBZ eingeschult, nur drei inklusiv.
Anspruch
Kinder und Jugendliche mit Behinderungen haben das Recht auf eine diskriminierungsfreie inklusive Beschulung, darauf weist die Landesbehindertenbeauftragte Simone Fischer immer wieder hin und verweist auf die UN-Behindertenkonvention, die Deutschland 2009 unterzeichnet hat. Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder in heterogenen Klassen erfolgreich lernen.