Etliche der noch freien Grundstücke an der Hedwig-Lohß-Straße in Stammheim sind aktuell Ladenhüter. Foto: K. Schwarz/STZN

Über Jahre lief es im Neubaugebiet Langenäcker-Wiesert gut, doch jetzt bleibt die Stadt auf Plätzen sitzen. Als Grund gilt ein toxischer Mix aus gleich drei Faktoren.

Auf dem Grundstücksmarkt in der Landeshauptstadt waren sie jahrzehntelang der Renner. Reihenhausgrundstücke wurden von der Stadt in Bebauungsplänen zugeschnitten, auf den Markt gebracht, gefördert und von jungen Familien gern gekauft. Lange Zeit galten sie als probates Mittel, um einkommensstarke Familien von der Abwanderung in den Stuttgarter Speckgürtel abzuhalten. Doch die jüngste Ausschreibung der Stadt zeigt, dass die Nachfrage nach dem früheren Selbstläufer schwächelt. Auf sieben Bauplätze erhielt das Liegenschaftsamt genau sieben Bewerbungen. Sie stammen aber von nur drei privaten Interessenten.

 

Wohngebiet war umstritten

Das Neubaugebiet Langenäcker-Wiesert in Stammheim war heiß umstritten. OB Fritz Kuhn gab zum Ärger seiner Grünen-Fraktion und des Bundes für Umwelt und Naturschutz 2014 seine Stimme, um die 320 Wohneinheiten auf Acker- und Wiesenflächen zu ermöglichen. Weil ein Wohnungsbauunternehmen aus Besigheim die Grundstücksaufteilung vor dem Landgericht streitig stellte, war das acht Hektar große Gebiet anschließend noch Jahre blockiert.

1160 bis 1381 Euro pro Quadratmeter

Inzwischen ist der Großteil der Flächen bebaut, insgesamt vergibt die Stadt in Eigenregie 24 Bauplätze, davon sechs für Einfamilien-, neun für Doppel- und neun für Reihenhäuser. Die letzten sieben Flächen für Reihenhäuser auf Grundstücken, die zwischen 168 und 250 Quadratmeter messen (dazu 21 Quadratmeter Weganteil), hatte das Liegenschaftsamt vor einigen Wochen ausgeschrieben. Grundsätzlich vergibt die Stadt Baugrund seit Februar 2022 nur noch im Erbbaurecht. Der Bodenwert liegt zwischen 1160 und 1381 Euro pro Quadratmeter, der daraus resultierende Erbbauzins (auf 100 Jahre) in Stammheim in der Hedwig-Lohß-Straße zunächst bei 4640 bis 6287 Euro jährlich. Alle drei Jahre kann er angepasst werden. Die Stadt lässt seit 2022 eine hundertprozentige Beleihung des Erbbaurechts zu. Auch die Ablösung des Zinses durch einen Einmalbetrag (hier 184 000 bis 250 000 Euro) wäre möglich. Dazu kommen einmalig 8648 Euro für die Hausanschlüsse. Im Exposé weist die Stadt auf die Fördermöglichkeiten der L-Bank hin. Und zusätzlich zum verbilligten Darlehen können eine Familie mit zwei Kindern bis zur Einkommensgrenze von 108 750 Euro (brutto) einen städtischen Baukostenzuschuss von 15 000 Euro erhalten.

Vorleistung belastet Haushalt

Die Nachfrage für die Flächen, die nur an private Bauherren zur Eigennutzung angeboten wurden, wäre mit mau noch schmeichlerisch umschrieben. Innerhalb der Ausschreibungsfrist von einem Monat meldeten sich genau drei Bewerber. Mehr als die Hälfte der angebotenen Flächen wird daher keinen Käufer finden. Dass Grundstücke wie Blei liegen bleiben, beobachten auch Umlandkommunen. In Steinheim-Kleinbottwar stockt die Vermarktung in einem Neubaugebiet, in Marbach fürchtet man Ähnliches. Weil die Kommunen mit Erwerb, Umlegung und Erschließung in Vorleistung gehen, belastet das den Haushalt.

„Das ist ein traumhaftes Gebiet"

Stammheims Bezirksvorsteher Julian Deifel schwärmt von dem Neubaugebiet. „Das ist ein traumhaftes Gebiet, ich wüsste nicht, wo man in Stuttgart schöner wohnen kann“, sagt Deifel. Die neue Kita sei fast fertig, mit der Stadtbahnlinie U 15 erreiche man die City in 20 Minuten und man sei schnell im Grünen. Anfangs sei es gut gelaufen, die Nachfrage war gegeben. Wegen Langenäcker-Wiesert sei Stammheim in Stuttgart vergleichsweise am stärksten gewachsen. Die aktuelle Schwächephase könne am Erbbau liegen, sagt Deifel. Allerdings habe es wegen der stark gestiegenen Zinsen vereinzelt auch Rückgaben von Bauplätzen gegeben. Für die aktuelle Zurückhaltung ist wohl ein toxischer Mix verantwortlich. Zu Zinssteigerung – die Bauzinsen sind seit Ende 2021 von rund einem auf etwa 3,5 Prozent gestiegen – und massiver Baukostenerhöhung (um 30 Prozent seit Ende 2021) kam zuletzt auch noch die Unsicherheit über den eigenen Arbeitsplatz.

Viele schminken sich Eigentum ab

Die Misere hatte das Stadtmessungsamt bei der jüngsten Präsentation der Entwicklungen am Immobilienmarkt zusammengefasst. Bauplätze für Wohngebäude entpuppten sich als Ladenhüter, im ersten Quartal 2025 wurden in ganz Stuttgart sieben verkauft. Grundstücke verloren an Wert, der Gutachterausschuss hatte zum 1. Januar eine Abwertung um drei Prozent vorgenommen.

Den Traum von den eigenen vier Wänden schminken sich immer mehr ab, erklärte vor wenigen Tagen der Verband der Privaten Bausparkassen. Grund sind die Kosten. Nur noch 33 Prozent wollten für Wohneigentum sparen, zehn Prozentpunkte weniger als 2024. Viele Menschen schienen zu glauben, dass Eigentum für sie nicht mehr erreichbar sei, sagt Hauptgeschäftsführer Christian König. Das sei ein Alarmsignal, denn Eigentum sei eine wichtige Säule der privaten Vorsorge. Die nun nicht vergebenen Bauplätze in Stammheim werden erneut öffentlich ausgeschrieben werden, sagt die Stadt.