Im Landkreis Böblingen gibt es keine Küchenchefin, auch Köchinnen sind rar gesät. Warum ist das so? Ein Gespräch mit zwei Frauen, die ihren Beruf lieben.
Während es in heimischen Küchen oft die Frauen sind, die das Essen für die Familie zubereiten, dominieren im professionellen Bereich klar die Männer. Das zeigt sich sowohl beim Blick in die Spitzengastronomie – nur 14 von über 300 mit Michelin-Sternen prämierte Lokale haben eine Küchenchefin an der Spitze – als auch im Landkreis. Dort ist dem Sprecher der Dehoga-Kreisstelle, Peter Kramer, keine einzige Küchenchefin bekannt. Auch in der Ausbildung sind die Zahlen eindeutig: 2024 schlossen bei der IHK-Bezirkskammer Böblingen 13 Menschen ihre Kochausbildung ab, darunter eine Frau.
Aber es gibt eine Küche, in der gleich zwei Frauen am Herd stehen: im Wirtshaus Zum Löwen in Steinenbronn. In dem Lokal arbeiten die Küchenmeisterin Carmen Baur und die Auszubildende Selina Seher, Küchenchef wiederum ist Marcel Hild. Warum so wenige Frauen den Beruf ergreifen? Es fehle an Vorbildern, sagt Selina. „Und es ist körperlich sehr anspruchsvoll“, sagt die 16-Jährige und erzählt von schweren Töpfen, großer Hitze, weiten Laufwegen und stundenlangem Stehen.
Als Köchin allein unter Jungs?
All das schreckt Selina nicht ab, sie brennt für ihre Berufswahl. Schon in der zehnten Klasse jobbte sie samstags im Löwen und wusste daher genau, was auf sie zukam, als sie im September mit ihrer Ausbildung begann. „Es macht mir total Spaß“, sagt sie und schwärmt vom Zubereiten von Buchweizenrisotto und Anrichten der Desserts.
Im Februar startet die Berufsschule, erst dann weiß sie, ob sie dort Frauen an der Seite haben wird. Oder womöglich nur Jungs? „Das ist mir voll egal. Ich bin sehr selbstbewusst und lass’ mich nicht unterkriegen.“ Vielleicht, sagt sie und grinst, liege das an ihrem Hobby Kickboxen.
Carmen Baur brennt genauso für ihren Beruf. Sie hat die Gastronomie in ihrer DNA: Ihre Großeltern und Eltern führten viele Jahrzehnte das Gasthaus Adler in Steinenbronn. Baur wuchs rund um Küche und Gaststube auf. Selbst Köchin zu werden, stand für sie außer Frage, „da war ich am besten aufgehoben“. Wie in der Gastronomie üblich, machte sie Station in vielen Küchen; besonders gern erinnert sie sich an die vier Jahre in der Stuttgarter Speisemeisterei, deren Küche in ihrem Beisein zwei Michelin-Sterne verliehen bekam.
Respekt durch gute Leistung
Allein unter Männern zu arbeiten, schreckt auch die 50-Jährige nicht ab. In der Meisterschule war sie die einzige Frau, ebenso in der Speisemeisterei. „Das hat mir nie was ausgemacht. Ich kann mit jedem.“ Sie habe nie Choleriker als Chef gehabt, keine fliegenden Pfannen erlebt. Von den männlichen Kollegen habe sie sich immer respektiert gefühlt. Über ihre Ausbildungszeit, während der sie an Wettbewerben teilnahm, sagt sie: „Wir Mädels haben uns mit unserem Kochen Respekt verschafft.“ Den Glauben an sich selbst versucht sie auch bei den jungen Frauen zu stärken, denen sie als Prüferin bei den Gesellen- und Meisterprüfungen der IHKs Nürtingen und Esslingen begegnet.
Als nicht einfach hat die Küchenmeisterin die Zeit erlebt, als sie Mutter wurde. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie jahrelang nur stundenweise als Aushilfe. Eine Anstellung mit Arbeitszeiten abends und am Wochenende war undenkbar für die junge Mutter, die für ihre Kinder da sein wollte. Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei sicher ein wesentlicher Grund, der Frauen vom Köchinnenberuf abhalte, sagt Baur. Trotzdem macht sie jungen Frauen wie Selina Mut: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“
Einer, der die Zusammenarbeit mit Köchinnen schätzt, ist Timo Böckle. „Mädels sind sehr konzentriert und fügen sich schnell ins Team ein“, sagt der Küchenchef des Böblinger Lokals Zum Reussenstein. Gerade eben erst musste er seine rechte Hand, die Sous-Chefin, weiterziehen lassen. Sie habe dem Betrieb sehr gut getan und seine Schwächen ausgeglichen. Er habe ihren Stil der Mitarbeiterführung geschätzt – er selbst vergesse das Loben leider oft – und auch die Teller hätten von ihrer weiblichen Herangehensweise profitiert: schön, leicht, filigran.
Trotzdem rate er jungen Frauen, die sich beim Reussenstein auf eine Ausbildung bewerben, immer davon ab, Köchin zu werden. Sie sollten klar vor Augen haben, dass die Familiengründung in diesem Beruf Hürden habe. „Das Hauptgeschäft ist abends.“ Gleichzeitig zeige er Bewerberinnen auf, welche Wege sie später als Mütter einschlagen könnten, zum Beispiel im Eventcatering oder bei Betriebsrestaurants. „Ich möchte da mit offenen Karten spielen. Wer den Beruf trotzdem von Herzen macht, ist bei mir immer willkommen.“
Ausbildung im Kreis Böblingen
Rückgang
Der diesjährige Ausbildungsstart hat in den meisten Branchen Lücken offenbart. Das zweite Jahr in Folge haben weniger Azubis im Kreis Böblingen ihre Lehre begonnen. Laut Handwerkskammer-Bericht verzeichnet die örtliche IHK-Bezirkskammer ein Minus von 5,3 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen.
Gründe
Marion Oker, Leitende Geschäftsführerin der IHK-Bezirkskammer Böblingen, nennt Gründe für den Rückgang: Neben der demografischen Entwicklung und einem immer größeren Angebot an Bildungswegen hätten viele Betriebe bedingt durch die schwache Konjunktur weniger Ausbildungsstellen angeboten