Viele Nutzer des Internetforums Reddit haben in Gamestop-Aktien investiert, um gegen das Geschäftsmodell professioneller Hedgefonds zu protestieren. Einer davon war der Informatiker Radi, dem die Aktion 1600 Euro wert war.
Stuttgart - Die 1600 Euro braucht Radi nicht, sagt er. Jene 1600 Euro, die er in den vergangenen Tagen in Aktien der Videospielkette Gamestop investiert hat. Sein Ziel war, zusammen mit vielen Kleinanlegern gegen das Geschäftsmodell professioneller Hedgefonds zu protestieren. Diese, die sogenannten Shortseller, hatten auf fallende Kurse der Gamestop-Aktie gewettet und machen nun aber massive Verluste, weil sich die vielen Kleinanleger gegenseitig zum Kauf von Gamestop-Aktien anstachelten und damit den Kurs in die Höhe trieben.
Radi: „Die Wall Street mit den gleichen Waffen schlagen“
Radi schloss sich der Bewegung der Kleinanleger an, investierte insgesamt 1600 Euro in Wertpapiere von Gamestop. „Es geht mir nicht ums Geld, ich gehe davon aus, dass ich es wahrscheinlich verlieren werde“, sagt der 26-jährige Informatiker und erklärt: „Es geht darum, auf den Missstand an den Finanzmärkten aufmerksam zu machen.“ Darauf, dass es so etwas wie Leerverkäufe überhaupt gibt: Das ist ein Geschäftsmodell, bei dem sich die Hedgefonds Aktien leihen, sie sofort verkaufen, dann auf fallende Kurse setzen, um sie später für einen niedrigeren Wert zurückzukaufen und wieder an den Verleiher zurückzugeben. Den Gewinn ziehen sie aus der Differenz aus dem Verkaufswert und dem Wert, zu dem sie die Aktien zurückgekauft haben.
„Das ist doch absurd. Als ich mich da informiert habe, musste ich es sieben-, achtmal durchlesen, weil ich es einfach nicht glauben konnte“, sagt Radi. Als er dann von der Aktion mehrerer Kleinanleger erfuhr, die die Wertpapiere von Gamestop erwarben, um die Kurse in die Höhe zu treiben und damit die Hedgefonds zu ärgern, wollte er sofort mitmachen. „Die Wall Street mit den gleichen Waffen schlagen“, sagt er.
Radis Kumpel hat 6000 Euro in Gamestop-Aktien investiert
Die Shortseller sind grundsätzlich nicht schlecht für den Markt, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): „Sie analysieren überbewertete Kurse. Damit werden die Zahlen eines Unternehmens noch mal unter die Lupe genommen.“ So wie im Fall Wirecard, als einige Shortseller sogar früher als die Behörden durchschaut hätten, dass etwas nicht stimmte. Manche Shortseller manipulierten mit Gerüchten aber auch absichtlich, damit die Kurse fielen und sie selbst daran verdienten. Die Aktion der Kleinanleger erachtet Kurz als eine „pfiffige Idee“. Sie hätten es geschafft, den professionellen Hedgefonds ein Bein zu stellen.
Radi war von dieser Idee überzeugt. Seit mehr als zehn Jahren ist er auf Reddit angemeldet. Das ist das Forum, auf dem sich unzählige Nutzer zum Kauf der Gamestop-Aktien verabredeten. Er glaubt, dass viele Reddit-Nutzer so denken wie er: „Den wenigsten dort geht es um das Geld. Viele haben die Aktien schon verkauft und den Betrag gespendet“, erzählt Radi. Aber es gebe auch andere: seinen Kumpel zum Beispiel, der schon 6000 Euro in Gamestop-Aktien investiert habe, aber mit der Presse nicht reden wolle. Über Radi lasse er mitteilen: „Es geht nur ums Geld.“
Selbst einen 100 000-Euro-Gewinn würde Radi spenden
Jürgen Kurz hält das für einen riskanten Plan: „Das ist reine Spekulation, wie eine Wette.“ Und die Gefahr, am Ende viel Geld zu verlieren, ist extrem hoch. Denn sobald die großen Hedgefonds entweder alle ihre Aktien zurückgekauft haben oder pleitegegangen sind, wird sich der Wert der Gamestop-Aktie wieder an den realen Unternehmenswert angleichen.
Radi ist das egal, er brauche das Geld nicht, behauptet er. Sollte er mit einem Plus aus dieser Aktion hervorgehen, wolle er den Betrag zur Verfügung stellen: „Wenn ich 100 000 Euro Gewinn machen sollte, spende ich ihn.“ Etwa an eine gemeinnützige Organisation, die sich in der Krebsforschung engagiert oder im Bildungswesen. Dabei gehe es ihm um den sozialen Aspekt: „Wir müssen endlich damit anfangen, das Vermögen der Gesellschaft gleichmäßiger zu verteilen“, sagt er. Auch in seiner eigenen Familie gehe die Schere auseinander. Seine Mutter sei Reinigungsfachkraft, er Informatiker: „Ich verdiene das Sechsfache, das ist weltfremd.“