Katrin Lehmann ist Chefin der globalen IT von Mercedes. Ohne funktionierende IT würden im Unternehmen nicht einmal die Werktore funktionieren. Foto: © Mercedes-Benz AG

Katrin Lehmann hält den digitalen Betrieb von Mercedes-Benz am Laufen – und kämpft dafür, dass Frauen die mächtigen Positionen der IT-Welt nicht länger den Männern überlassen.

An der Arbeit von Katrin Lehmann kommt bei Mercedes kein Mitarbeiter vorbei. Ohne sie und ihr Team könnten Beschäftigte nicht einmal das Werksgelände betreten, denn Zugangssysteme und Ausweise sind IT-gestützt. Und selbst wenn dies gelänge, würden sie spätestens beim Hochfahren ihrer Laptops oder in der Autoproduktion auf die nächste Hürde stoßen.

 

Ohne die IT, für die sie von Stuttgart-Vaihingen aus weltweit verantwortlich ist, liefe bei Mercedes-Benz Group nichts. Die IT sei „wie die Elektrizität: Man sieht sie nicht, aber wenn sie ausfällt, spüren das alle sofort“.

In Stuttgart-Vaihingen betreibt Mercedes einen großen Bürostandort. Allen Bürobeschäftigten wird auf ihren Rechnern eine KI-Anwendung zur Verfügung gestellt. Foto: Wilhelm Mierendorf wm-foto@t-online.de

Lehmann verantwortet die digitalen Systeme im gesamten Unternehmen. Sie sorgt dafür, dass sie stabil laufen, technisch modernisiert werden – und dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befähigt sind, sie sinnvoll zu nutzen. Die IT ist für sie der „unsichtbare Motor des Unternehmens“. Finanzsysteme von der Buchhaltung bis zur Bilanz hängen ebenso an ihr wie Kundenservices oder zentrale Teile der Produktion.

Letztere wäre ohne IT nicht nur langsamer, sondern auch teurer, weil digitale Systeme Materialien zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort steuern. Auch die Entwicklung profitiert, etwa durch digitale Zwillinge neuer Produkte, die schneller konzipiert und getestet werden können als ausschließlich reale Prototypen.

Ihr Team arbeitet weltweit, unter anderem in Indien und den USA. Was manche als Belastung empfinden würden, deutet Lehmann als Vorteil: „Morgens kann ich wegen der Zeitverschiebung gleich mit meinen Leuten in Indien sprechen, abends passt es dann in den USA.“

Prägende Zeit als Leistungsschwimmerin

Dass sie früher Leistungsschwimmerin war, prägt sie bis heute. „Ich habe mit fünf angefangen zu schwimmen und das während der gesamten Jugend durchgezogen“, sagt sie. Später kam Triathlon hinzu. Disziplin, frühes Aufstehen, Ausdauer – diese Struktur helfe ihr auch im Beruf: Ziele setzen, Verantwortung übernehmen, schwierigen Aufgaben nicht ausweichen. Der Sport helfe zudem, Distanz zum Tagesgeschäft zu gewinnen.

Gleichzeitig ist die IT-Landschaft historisch gewachsen – und entsprechend komplex. Viele Programme sind seit Jahrzehnten im Einsatz. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, diese Landschaft zu vereinfachen. „Man braucht nicht Dutzende Programme zur Rechnungsstellung – drei reichen vielleicht auch.“ Hinter dem saloppen Satz steht ein langwieriger Umbauprozess.

Beim Thema Künstliche Intelligenz will Lehmann Beschäftigten Ängste nehmen. Die KI sei vor allem ein Werkzeug für Menschen – kein Ersatz. Als Beispiel nennt sie das Recruiting: „Wenn die Anforderungen an eine Stelle klar definiert sind, kann KI sehr gut anhand der Daten abgleichen, welche Bewerbungen am ehesten dem gesuchten Profil entsprechen.“ Doch ob jemand ins Team passt, könne keine Maschine entscheiden. „Diese Entscheidung trifft der Mensch – auch wenn sie von der KI vorbereitet wird.“ Sie verweist auf eine Aussage des OpenAI-Chefs Sam Altman: KI ersetze nicht Menschen – aber Menschen, die KI nutzen, würden diejenigen ersetzen, die es nicht tun.

Alle Mercedes-Bürobeschäftigten erhalten KI

Künftig will das Unternehmen KI deutlich breiter einsetzen. Rund 90.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerhalb der Produktion erhalten Zugriff auf den Microsoft-Assistenten Copilot von Microsoft. Er soll bei E-Mails, Terminvorbereitungen und Zusammenfassungen helfen. Ziel ist es, Beschäftigte von Routineaufgaben zu entlasten und Freiräume für wertschöpfende Tätigkeiten zu schaffen.

Der Umbau der Softwarelandschaft und der verstärkte KI-Einsatz bedeuten für viele Beschäftigte Umstellungen. Lehmann versucht, den Veränderungen symbolisch die Schwere zu nehmen. Werden Altsysteme abgeschaltet, organisiert ihr Team sogenannte „Sundowner“-Events: Mit symbolischen Drinks wird gefeiert, dass für eine Anwendung die Sonne untergeht. Ein Ritual, das Abschied und Aufbruch zugleich markieren soll.

Softwareentwicklung, so Lehmann, braucht eine andere Unternehmenskultur: weniger Hierarchie, mehr Eigenverantwortung, mehr Bereitschaft, Fehler zu machen – außer in sicherheitskritischen Bereichen. „Es gibt nicht mehr die Führungskraft mit überlegenem Wissen, die allen sagt, wo es langgeht.“ Stattdessen gehe es um gemeinsames, lebenslanges Lernen.

Bei Mercedes wird Zeit fürs gemeinsame Lernen reserviert

Dafür hat sie eine wöchentliche „Deal Hour“ eingeführt: Jeden Freitag ist eine Stunde für Lernen, Ausprobieren und Diskutieren reserviert. Auch Führungskräfte nehmen teil – und dürfen Fehler machen. Zusätzlich setzt sie auf Reverse Mentoring: Jüngere, oft technologieaffine Mitarbeiter coachen erfahrene Führungskräfte in Digitalthemen.

Ganz wichtig ist ihr auch, mehr Mädchen und Frauen für IT zu interessieren. Viele Mädchen vermeiden nach ihrer Einschätzung, mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer zu studieren, selbst wenn sie darin gute Noten hatten. Das liege auch daran, dass es für sie an Vorbildern in der Branche fehle. „Ich betrachte es deshalb als Teil meiner Aufgabe, Frauen in der IT zu fördern“, so Lehmann. Mit dieser Haltung mache man sich zwar angreifbar, aber ihr sei wichtig, Frauen in der IT und auch in Führungspositionen sichtbar zu machen.

Frauen und Mädchen sollen sehen: Auch andere gehen diesen Weg

„Frauen und Mädchen sollen sehen: Hey, es gibt auch andere Frauen, die diesen Weg gehen.“ Die Sichtbarkeit von Frauen in der IT solle auch in die nächste Generation abstrahlen und von vornherein mehr Mädchen dazu bringen, sich für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer zu entscheiden.

Dass Menschen mit ausgeprägtem Faible für IT zuweilen als „Nerds“ angesehen werden, die klischeehaft als etwas verschrobene Personen beschrieben werden, die exzessiv am Rechner sitzen, stört sie wenig. Der Begriff werde zu negativ wahrgenommen. Die Menschen, die als Chefs der globalen IT-Konzerne in der globalen Wirtschaft das Sagen haben, seien alle Nerds. „Wenn Frauen und Mädchen um die IT einen Bogen machen, wird dieses Zukunftsthema immer eine Männerdomäne bleiben.”

Katrin Lehmann will sich damit nicht abfinden. „Ja, ich bin ein Nerd“, sagt sie. „Und wissen Sie was? Ich finde das cool und bin stolz darauf.”