Mit wundervollen Balladen wie „Nine Million Bicycles“ oder „The Closest Thing To Crazy“ hat Katie Melua die Herzen ihrer Fans im Sturm erobert. Auf der Esslinger Burg bescherte ihnen die Sängerin mit georgischen Wurzeln und britischem Pass einen seelenvollen Abend.
In der Wunderwelt der Popmusik gibt es viele, die mehr auf die Wirkung schillernder Shows, spektakulärer Effekte und schlagzeilenträchtiger Eskapaden setzen als auf musikalische Finesse. Katie Melua lässt lieber ihre Musik sprechen. Sie vertraut auf eingängige Melodien, sehr persönliche Texte voller tiefer Gefühle, auf Bühnenauftritte ohne Schnickschnack und auf eine bezaubernde Stimme. Viele ihrer Texte, in denen sie von Liebesfreud’ und Liebesleid, von Sehnsucht und Erfüllung, von schlimmen Enttäuschungen und größtem Glück erzählt, sprechen ihren Fans aus der Seele. Und sie schmeicheln sich dem Publikum mit ihrem Wohlklang ins Ohr. Wie breit sie musikalisch aufgestellt ist, hat Katie Melua mit ihrem jüngsten Album „Love & Money“ bewiesen. Die schönsten Titel hat sie zusammen mit vielen ihrer älteren Hits im letzten Sommerkonzert des Jahres auf der Esslinger Burg präsentiert.
Mehr als „Nine Million Bicycles“
Vielen ist Katie Meluas Esslinger Auftritt 2016 unvergesslich. Damals wie heute war es ein Vergnügen, ihre erfolgreichsten Titel wie „Nine Million Bicycles“ oder „Wonderful Life“ zu hören. Anders als die Jungs von Revolverheld, die am Freitagabend mit einer originellen Präsentation gepunktet hatten, wirkte Katie Meluas Auftritt fast puristisch. Nichts sollte von der Wirkung der Worte und der betörenden Klänge ablenken. Und sogar das Wetter spielte mit: Pünktlich zum Konzertbeginn flauten die stürmischen Winde ab, die tagsüber durch die Region gefegt waren, und bis auf ein paar harmlose Tropfen blieb der Musikgenuss für die rund 2500 Zuhörerinnen und Zuhörer ungetrübt.
Andere würden zu jedem Song eine persönliche Geschichte erzählen – die Sängerin und Songwriterin mit den georgischen Wurzeln und dem britischen Pass bedankt sich artig beim Publikum fürs Kommen, sie rühmt in kurzen Worten das besondere Flair der Burg und verrät, dass sie gerne einmal wiederkommen würde, um Esslingens Reize kennenzulernen. Alles Weitere bleibt – bis auf ganz wenige Ausnahmen – der Wirkung ihrer Texte überlassen. Nur bei ihrer Debüt-Single „The Closest Thing To Crazy“, die sie auf der Burg solo nur mit samtener Stimme und Gitarrenklang präsentierte, verriet sie, dass dieser Titel in einer Zeit entstanden ist, als ihre Sicht auf die Liebe eine weitaus pessimistischere war als heute. Und wenn sie darin erzählt, wie es sich für eine Frau anfühlt, ihren Platz in einer Beziehung zu suchen, selbst zu lieben und sich geliebt zu fühlen, um am Ende doch immer wieder verletzt zu werden und ganz tief abzustürzen, dann werden manche im Publikum ein bisschen melancholisch und fühlen sich von der Künstlerin nur zu gut verstanden.
Harmonie in bewegten Zeiten
In jungen Jahren wollte Katie Melua Politikerin werden, um den Frieden in die Welt zu tragen. Doch vielleicht kann sie ja mit ihrer Musik viel eher Harmonie verbreiten in einer Zeit, die viele verunsichernd und alles andere als harmonisch empfinden. Katie Meluas Songs klingen wie Liebeserklärungen an das Leben. Sie weiß, wie es sich anfühlt, am Boden zu sein, und wie befreiend es sein kann, sich aus einem seelischen Tief heraus zu kämpfen. Nicht von ungefähr widmete sie ihrem inzwischen verstorbenen Psychiater, der sie dabei begleitet hatte, den Song „14 Windows“ auf ihrem jüngsten Album.
Viele kennen und lieben Katie Melua dank ihrer zauberhaften Balladen, die immer dann besonders zu Herzen gehen, wenn sie solo nur mit Gitarre und Stimme vorgetragen werden. Dann wird es im weiten Rund der Burg mit einem Mal mucksmäuschenstill, und allenfalls fragt man sich noch, weshalb ausgerechnet im besinnlichsten Moment die Popcornmaschine an einem der Verkaufsstände losknattern muss. Doch ansonsten gibt man sich in solchen Momenten nur zu gern dem Zauber des Augenblicks hin. Katie Melua ist eine Grenzgängerin zwischen den musikalischen Stilrichtungen. Pop, Folk, Jazz und Blues prägen in unterschiedlichen Schattierungen ihre Songs, die leisen Töne sind ihr Markenzeichen, das sie in der Zusammenarbeit mit dem Erfolgsproduzenten Mike Batt kreiert hat. Dass sie auch anders kann, zeigt die 38-Jährige mehr denn je mit „Love & Money“. Da schlägt sie bisweilen rockigere Töne an, die zeigen, dass Katie Melua keine musikalischen Grenzen kennt und mehr denn je ihren eigenen Weg geht. Ihre Erfahrungen im Musikgeschäft hat sie in „Golden Record“ verarbeitet – einem Song, der von Kämpfen und Enttäuschungen erzählt, aber auch Mut macht, dass es gelingen kann, sich freizuschwimmen. So, wie sich Katie Melua freigeschwommen hat.
Sehnsüchtige Gefühle
Das gilt nicht nur musikalisch, sondern auch ganz privat. In „Love & Money“ erzählt sie von Liebe, Freiheit und Selbstfindung – und davon, was es heißt, nach vielen Enttäuschungen die große Liebe zu entdecken. Einen der Songs von ihrem neuen Album hat Katie Melua auf Deutsch gesungen: „Remind Me To Forget“ – ein besonderes Erlebnis fürs Esslinger Publikum. Viele hätten ihr gerne noch länger zugehört. Und der Gedanke, Katie Meluas seelenvolle Songs nicht nur – wie an diesem Abend – im Licht der untergehenden Sonne, sondern unterm Sternenhimmel zu lauschen, hat in so manchen Zuhörern sehnsüchtige Gefühle geweckt.
Neun Stationen des Erfolgs
Die Alben
Mit der CD „Call Of The Search“ hat Katie Meluas Karriere 2003 Fahrt aufgenommen. Insgesamt bringt sie es inzwischen auf neun Alben – viele der Songs hat sie selbst geschrieben. Zum internationalen Durchbruch trug nicht zuletzt die langjährige Zusammenarbeit mit dem Hit-Produzenten Mike Batt bei, der ihr half, jenen unverwechselbar schmeichelnden Sound zu kreieren, den viele als für sie typisch empfinden.
Das Neunte
„Love & Money“ ist das neunte und damit jüngste Album von Katie Melua. Und es ist vielleicht das persönlichste geworden. „Ich habe versucht, das Gefühl des Sich-Verliebens einzufangen“, hat sie verraten. Es sind die Worte und Gefühle einer Künstlerin, die dank einer erfüllenden neuen Beziehung und dank ihrer neuen Rolle als Mutter mehr denn je in sich ruht. Die diese Ruhe schätzt. Die sich nicht länger von anderen vereinnahmen lässt, sondern ihren Weg geht, wie es ihr richtig erscheint und guttut. Und die das Leben liebt.