Die Katholische Kirche sieht sich mit Forderungen nach Veränderung konfrontiert. Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes ruft auf, die Stimmen der Engagierten ernst zu nehmen – „sonst treten die einfach aus“.
Stuttgart - Es waren beschauliche Tage beim 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt. Die vielen versöhnlichen Töne können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es rumort – besonders bei der Katholischen Kirche. Christian Hermes, Stadtdekan in Stuttgart, skizziert die Lage im Frühjahr 2021.
Herr Hermes, in der katholischen wie in der evangelischen Kirche meldet sich die Basis immer deutlicher zu Wort. Wie sehen Sie diese Entwicklung grundsätzlich?
Was ist Kirche? Nicht eine Heilsanstalt oder die Hierarchie, sondern eine Gemeinschaft der von Gott angesprochenen, eine lebendige Gemeinschaft, die von der Kommunikation mit Gott und untereinander lebt. Insofern ist die Berufung der Mitglieder nicht, als brave Schafe passiv zu bleiben, sondern zu partizipieren, zu hören, zu sprechen, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb freue ich mich (und sollten sich auch andere freuen), dass Christinnen und Christen heute selbstbewusst und mündig auftreten.
Geht es nur um Weiterentwicklung oder schwingt nicht auch die Sorge des Verlustes mit?
Klar, es ist wie in der „Gesellschaft der Singularitäten“, wie ein Soziologe es nannte: Die Pluralisierung und Diversifizierung ist super, aber sie ist auch anstrengend. Denn es ist natürlich viel einfacher, in einer weltweit uniformen und hierarchischen Kirche die Einheit zu bewahren. Manche haben Angst, dass diese Form der Einheit verloren geht, die natürlich über viele Jahrhunderte auch recht effektiv war.
Heute nicht mehr?
Möglicherweise wird solche Uniformität der Vielfalt der Kulturen und Lebenssituation und Erwartungen heutiger Menschen aber eben nicht gerecht. Einheit in Vielfalt das hört sich gut an, macht aber Arbeit und verlangt Toleranz und ein weites Herz. Das steckt ja aber auch im „katholos“ drin: dieser ernste Anspruch, alle mitzunehmen. Nicht immer einfach.
Die Laien der Evangelischen Kirche in Deutschland haben eine 25-jährige Studierende zur neuen Präses gewählt. Viel Wirbel hat das bei den EKD-Verantwortlichen nicht verursacht. Ähnlich die Kommunikation der Katholischen Kirche nach der Laienkonferenz. Grenzen sich die Kirchenverantwortlichen vielleicht gar zunehmend von ihrer „Basis“ ab?
Bei dem „Synodalen Weg“ der Katholischen Kirche, wo vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale über Macht und Gewaltenteilung, das Priesterbild, Geschlechtergerechtigkeit und Sexualethik beraten wird, erlebe ich im Gegenteil ein mühsames, aber ganz wichtiges Gespräch.
Mit Ergebnissen?
Viele, leider nicht alle, Bischöfe bemühen sich sehr, zuzuhören und auf Augenhöhe zu beraten. Viele Synodale, ich auch, berichten ständig in allen möglichen Gremien und Veranstaltungen vor Ort, und da kommt auch viel zurück, was wir dann wieder einbringen können. Klar ist: Da muss dann auch etwas herauskommen, nicht nur „Schön, dass wir darüber gesprochen haben.“ Das wäre zu wenig und würde dann das schon ramponierte Vertrauen weiter beschädigen.
Wie schwierig wird es noch?
Der „Synodale Weg“ ist aktuell in einer entscheidenden und riskanten Phase. Wir müssen bei den genannten Themen weiterkommen, damit wir überhaupt wieder unserem eigentlichen Auftrag nachkommen können.
Die Pandemie haben manche als Chance der Kirche(n) gesehen. Tatsächlich scheint auch die Katholische Kirche Schwierigkeiten zu haben, auf diese unkalkulierbare Krankheit eine Antwort zu finden, die den Menschen Halt gibt und neues Interesse an der christlichen Idee weckt. Sehe ich das falsch?
Klar ist, dass traditionelle religiöse Deutungen und Erklärungen in einer modernen und aufgeklärten Welt und Theologie nicht mehr funktionieren. Weder macht die schön einfache Erklärung, die Pandemie sei eine Strafe Gottes, keinen Sinn, ebenso wenig magische Rituale zur Virusabwehr, was man schon daran sieht, dass Leute, die das glauben und deshalb auf Schutz verzichten, ganz besonders häufig erkranken. Warum wohl? Zunächst, auf einer ganz untheologischen Ebene, haben die großen Religionsgemeinschaften den Auftrag, sich vorbildlich und verantwortungsvoll zu verhalten und ihre Mitglieder zu richtigem Verhalten anzuhalten. Das ist auch eine Sache der christlichen Nächstenliebe. Dazu gehört auch, dass wir uns solidarisch um die kümmern, die besonders von der Pandemie betroffen sind: existenziell und sozial.
Bleibt da überhaupt theologische Kraft?
Bei der theologischen Deutung können wir keine einfachen und abschließenden Antworten geben, das ist ja die alte Theodizee-Frage, die das Leid nicht wegerklären kann, aber auf dem Stand heutiger Theologie daran erinnert, dass zu der in die Freiheit entlassenen Schöpfung eben auch Tod und Krankheit gehören. Die schönen Blumen sind Teil der Schöpfung ebenso wie die gruseligen Viren. Der Kern des Christentums ist ja dann genau, dass wir glauben, dass Tod und Auferstehung Jesu gerade angesichts von Leiden Hoffnung geben können: dass das Vergängliche nicht verloren ist, sondern die Schöpfung, wie Paulus einmal sagt, „seufzt und in Geburtswehen liegt“, aber nicht Tod das letzte Wort hat, sondern das Leben.
Sie haben in der Pandemie sehr viele Formate ausprobiert und sehen sich jetzt damit konfrontiert, dass vor allem die Gläubigen selbst den Regel-Gottesdienst zurückersehnen. Was also wird bleiben von den vielen Debatten, auf welchen Wegen Sie den Menschen begegnen?
Im vergangenen Jahr gab es dabei eine wilde und nicht immer hilfreiche Diskussion. Wir haben im vergangenen Jahr gelernt, dass wir uns noch viel mehr bemühen müssen, die Verbindungen und Beziehungen zu stärken und zu pflegen, auch über den Gottesdienst hinaus. Wo dies vorher schon da war, wurden auch spannende analoge und digitale Formen der Beziehungspflege und auch des Gottesdienstes gefunden. Wo das nicht da ist, bricht jetzt in Corona der Kontakt ab. Zukünftig wird das also wichtig sein: Beziehungspflege, Vielfalt der Angebote, analog und digital.
Und die Gottesdienste?
Ja, andererseits haben wir erlebt, dass vielen Menschen der Gottesdienst, auch als Streaming, sehr wichtig ist und ihnen gerade in einer solchen Situation nicht nur Routine, sondern Halt und Hoffnung ist. In der Zukunft werden wir also die Messe als zentrale und gemeinschaftliche Form brauchen, sie ist wichtig, darüber hinaus wird es und soll es aber eine große Pluralität geben.
Und welche Rolle können hierbei die engagierten Interessen der Basis spielen?
Die aktuell bei uns diskutierten Themen: Wie ist Macht verteilt und wie wird sie kontrolliert? Wie können wir möglichst viel Partizipation ermöglichen? Was ist und wozu braucht es das „geweihte Amt“? Wie berücksichtigen wir die selbstverständlichen Ansprüche der Geschlechtergerechtigkeit? Was haben wir aus dem Glauben zur Ethik der Sexualität zu sagen? Das sind Fragen, die jetzt bearbeitet werden müssen, weil sonst das kirchliche Leben und das, was eigentlich unsere Sache und unser Auftrag ist, blockiert ist und bleibt. Die Leute akzeptieren zum Beispiel eine selbstherrliche Amtsführung einfach nicht mehr.
Was heißt das konkret?
Der Gottesdienst muss dann nicht von möglichst wenigen oder nur einem, dem Pfarrer, gestaltet oder „beherrscht“ werden, sondern von der Vielfalt der Begabungen von Theologen und Theologinnen, Laien, Jungen, Älteren, Menschen in verschiedenen Lebenssituationen, verschiedenen Stilen, Formen und so weiter. Wir stehen allerdings an einem
Scheidepunkt: Denn wenn die Kirche die Engagierten nicht ernst nimmt, treten die heute nicht mehr brav ins Glied zurück, sondern einfach aus.