Manfred Unsin in der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche. Hier wird er am Sonntag mit einer Messe feierlich verabschiedet. Foto: Stoppel

Am Sonntag wird Monsignore Manfred Unsin feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Der Dekan hörte im Studium Vorlesungen von Joseph Ratzinger und Hans Küng. Die Krise der Kirchen sieht er als eine Krise der gesamten Gesellschaft.

Schorndorf - Es waren die wilden 60er-Jahre, in denen Manfred Unsin in Tübingen Theologie studierte. „Von 1968 bis 1973. Das waren schon spannende Zeiten. Wir im Wilhelmstift lebten mittendrin wie auf einer kleinen friedlichen Insel“, erinnert sich der Dekan der katholischen Kirche im Rems-Murr-Kreis. Doch nicht nur wegen der Studentenbewegung, die in dieser Zeit diskussionsfreudig gegen den „Muff unter den Talaren“ zog, sondern auch wegen zweier Theologen, die zu dieser Zeit für volle Hörsäle in Tübingen sorgten: Joseph Ratzinger, später Papst Benedikt XVI., und Hans Küng. „Vorlesungen über Dogmatik standen für uns zwar noch nicht auf dem Plan, wir sind aber trotzdem hingegangen, um sie zu hören.“

Vorlesungen von Käsemann, Ratzinger und Küng

Doch nicht nur katholische Theologen sorgten damals in Tübingen für Thesen, über die es sich nachzudenken und zu diskutieren lohnte. „Der evangelische Exeget Ernst Käsemann lehrte zu der Zeit auch dort.“ Für den angehenden Priester aus Bad Cannstatt zeigte sich jedenfalls, dass sein Entschluss richtig gewesen war, nach der Berufsausbildung doch einen anderen Weg einzuschlagen. „Ich habe eine kaufmännische Lehre gemacht, aber gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist.“

Nach dem Studium kam Unsin als Priester nach Stuttgart als Gemeindepfarrer. „In Mariä-Himmelfahrt in Degerloch und in Sankt Fidelis.“ Wenig später ging es für ihn schon wieder zurück nach Tübingen. „Ich wurde dort kirchlicher Betreuer der angehenden Laientheologen.“ Doch das Universitätsleben sei ihm irgendwann zu viel geworden. Und wieder ging es zurück in den Stuttgarter Westen. „Zwölf Jahre lang war ich in Sankt Elisabeth am Bismarkplatz. Dort hat es mir sehr gut gefallen.“

Kirchen sind ein Spiegel der Gesellschaft

Doch Tübingen ließ nicht locker. Der Gemeindepfarrer wurde wieder an den Neckar gerufen, dieses Mal als Direktor des Wilhemstifts. „Mit den Praxiserfahrungen habe ich nochmals das Studium aus einer ganz anderen Perspektive erfahren. Ich habe das als großes Privileg empfunden“, sagt Manfred Unsin, der durchaus kritische Gedanken offen äußert.

Er sieht die Kirchen in einer Krise, die katholische wie die protestantische, nicht nur was den mangelnden Nachwuchs an Priestern angeht. „Es ist eine Identitätskrise unserer Gesellschaft. Die Kirchen sind ein Spiegel dieser Gesellschaft. Doch eine solche Krise bietet auch eine Chance, sich aus ihr heraus zu erneuern.“ Ein Gedanke, der im Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt wurde, das von 1962 bis 1965 die Beziehung der Kirche zur modernen Welt behandelte. „Das Konzil ist allerdings heute bereits bei vielen vergessen.“ Während Unsins Studium in Tübingen waren die Themen dagegen brandaktuell. Unter anderem auch, weil Ratzinger als reformfreudiger Theologe am Konzil teilgenommen hatte.

Die Zahl der Katholiken nahm durch die Flüchtlinge zu

Seit 2005 ist Manfred Unsin in Schorndorf in der Heilig-Geist-Kirche Pfarrer und Dekan für das Gebiet des Rems-Murr-Kreises. Dieses Amt wird er noch kommissarisch fortsetzen, bis ein Nachfolger gefunden ist. Die Stelle wird in der Diözese ausgeschrieben. „Wir haben hier einen sehr guten Kirchenbesuch“, sagt er angesichts der großen Schorndorfer Kirche. „Als sie 1961 gebaut wurde, lebten hier aufgrund der Flüchtlinge 12 000 Katholiken, heute sind es noch 9000.“

Mit 72 Jahren merke er, dass die Kondition nachlasse. „Vor allem, wenn ich mehrere Abendtermine hintereinander hatte.“ Im Ruhestand werde er nach Backnang ziehen. „Wir Pfarrer sollen nicht an dem Ort bleiben, an dem wir zuletzt waren. Ich bin schon dabei, Sachen einzupacken und habe dabei festgestellt, dass ich Bücher habe, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie besitze. Auf diese freue ich mich schon.“

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