Eigentlich steht nur die Dachsanierung von St. Klemens in Böblingen an – doch im Hintergrund geht es um viel mehr.
Seit Dezember ist St. Klemens geschlossen, die Kirche leer – zwangsweise. Eigentlich war Ende des vergangenen Jahres geprüft worden, ob man eine Photovoltaikanlage anbringen könnte. Doch das überraschende Ergebnis lautete: Das Dach ist nicht mehr standsicher, eine Sperrung des Gotteshauses unumgänglich.
Seitdem finden die Gottesdienste im Gemeindehaus-Saal im Untergeschoss statt, bei größeren Festen besuchen die Gläubigen eine der drei anderen katholischen Kirchen in Böblingen. Allzu gerne würde die St.-Klemens-Gemeinde schnellstmöglich wieder in die eigene Kirche am Herdweg einziehen, doch die notwendige Dachsanierung ist zum Politikum geworden.
Schwierige Situation
Mehr noch: Sie könnte für die katholische Gesamtkirchengemeinde in Böblingen zur Zerreißprobe werden. „Wir befinden uns in einer schwierigen Situation“, sagt auch Klaus Kempter, einziger verbliebener katholischer Pfarrer in Böblingen.
Klar ist: Die Kosten von 440 000 Euro, die ein Architektenentwurf für die Dachsanierung vorsieht, könnte die Gesamtkirchengemeinde stemmen – es sind genug Rücklagen da. Und für derartige Bausachen ist längst nicht mehr die einzelne Gemeinde, sondern eben der Böblinger Verbund zuständig. Gleichzeitig befindet sich die katholische Kirche (wie auch die evangelische) in einem weitreichenden Veränderungsprozess. Sinkende Gemeindegliederzahlen, weniger Pfarrer und düstere finanzielle Prognosen machen Reformen notwendig.
Veränderungen stehen an
Zum einen sollen sich Strukturen verändern, voraussichtlich werden demnach die vier katholischen Gemeinden in Böblingen fusionieren – ein Schritt, den die Protestanten Anfang des Jahres bereits vollzogen haben. Zudem gibt die Diözese vor, sich in den nächsten Jahren von 30 Prozent der nicht sakralen Gebäude zu trennen – zwar sind damit Gemeinde- und Verwaltungshäuser gemeint und eben nicht die Kirchen. „Aber es wird sich viel verändern – und darauf müssen wir sicherlich auch baulich reagieren“, sagt Klaus Kempter.
Wäre es da nicht schlauer, sich das Geld für die Sanierung zu sparen und erst einmal abzuwarten, welche Vorschläge die Immobilien-Arbeitsgruppe der Böblinger Katholiken bis Ende 2026 macht? Womöglich könnte St. Klemens ja sogar an Bedeutung gewinnen und als wichtiges Zentrum künftig mehr Angebote vereinen – was entsprechende Baumaßnahmen nach sich ziehen würde.
Diesen Blick in die Glaskugel lehnt der Kirchengemeinderat der St.-Klemens-Gemeinde dagegen ab und positioniert sich klar: Das Dach soll schnell saniert werden. „Wir wollen unsere Kirche baldmöglichst wieder nutzen“, sagt Katharina Stadler, die Vorsitzende des St.-Klemens-Kirchengemeinderats.
Die entscheidende Sitzung naht
Sie betont, dass die Gemeinde im Böblinger Südosten sehr lebendig sei und viel Engagement in die Kinder-, Jugend- und Familienarbeit investiere. Diese Aktivitäten sieht Stadler in Gefahr, sollte das Gotteshaus länger geschlossen bleiben. „Unsere Befürchtung ist, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes obdachlos werden und dass dadurch diese so aktive Gemeinde gefährdet wird.“
Am kommenden Dienstag, 29. Juli, tagt der Böblinger Gesamtkirchengemeinderat und soll beschließen, ob baldmöglichst saniert wird oder nicht. Wie werden sich die Vertreter von St.-Bonifatius-, St.-Maria- und Vater-unser-Gemeinde zu den Plänen stellen? Geben sie den Nöten der St.-Klemens-Gemeinde Priorität und stimmen der Sanierung zu? Oder haben sie eher den Böblinger Gesamtprozess mit vielen offenen Fragen im Blick?
„Ich kann den Wunsch der St.-Klemens-Gemeinde gut verstehen“, sagt Myriam Sprenger, die Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderats, „aber wir müssen eben auch das große Ganze sehen.“ Wenn im kommenden Jahr Entscheidungen zum Raumprogramm in der Böblinger Gesamtgemeinde anstünden, „dann will ich frei entscheiden können“, sagt Sprenger. Sei die Sanierung bereits erfolgt, bringe man sich vielleicht um neue Möglichkeiten.
Entscheidung birgt Sprengkraft
So befindet sich der Gesamtkirchengemeinderat in einem Dilemma vor einem hochemotionalen Hintergrund. Denn im Rahmen der anstehenden Veränderungsprozesse geht es eigentlich darum, die Einheit der Böblinger Katholiken zu beschwören. Insofern birgt das Thema einiges an Sprengkraft. „Im schlimmsten Fall entstehen daraus alte Grabenkämpfe zwischen den Gemeinden“, befürchtet Kempter.
Katharina Stadler von St. Klemens adressiert dann auch eine gewisse Erwartung an die Kolleginnen und Kollegen der drei anderen Kirchengemeinderäte. „Die vier Gemeinden haben begonnen gut zusammenzuwachsen“, sagt sie. „Nun wird sich zeigen, wie groß die Solidarität untereinander ist – wir hoffen also auf ein gutes Ergebnis.“
Katholische Kirche in Böblingen verändert sich
Vier Gemeinden
Die vier katholischen Kirchengemeinden in Böblingen zählen etwa 9000 Mitglieder: Davon fallen rund 2000 auf St. Klemens, 2100 auf St. Bonifatius, 2700 auf St. Maria und 2200 auf die Vater-unser-Gemeinde auf der Diezenhalde. Als einziger Pfarrer steht Karl Kempter den Gemeinden seit Anfang 2023 vor.
Reformen
Aus den vier Gemeindebüros in Böblingen soll organisatorisch eins werden. Zudem werden perspektivisch mehrere Gemeinden zusammengefasst, die Diözese will dazu im Herbst Vorgaben machen. Eine Fusion innerhalb Böblingens wäre naheliegend, sogar das Zusammengehen mit Sindelfingen ist denkbar. Außerdem hat die Diözese vorgegeben, dass 30 Prozent der beheizten und nicht sakralen Räume bis 2040 wegfallen sollen. Vorschläge und Entscheidungen sollen die Gemeinden 2027 liefern.